Olympia-Countdown: Tokios Schattenspiele | Sport | DW | 23.07.2019
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Olympia-Countdown

Olympia-Countdown: Tokios Schattenspiele

Ein Jahr vor Beginn der Olympischen Spiele wäre Tokio gern ein souveräner Gastgeber. Allerdings will das bald nur noch das IOC glauben. Gleich mehrere Krisen bereiten dem Veranstalter Probleme.

Wenn in Tokio dieser Tage die Sonne untergeht, strahlt hoch über den Dächern ein besonderes Muster in den Himmel. Der Skytree, mit 634 Metern das zweithöchste Bauwerk der Welt, leuchtet ringsherum in den Farben der berühmten fünf Ringe. Die Symbolik verklickert es auch dem letzten Bewohner der japanischen Hauptstadt: Es dauert nicht mehr lange, bis die größte Sportveranstaltung der Welt in die größte Metropole kommt. Am 24. Juli ist es noch genau ein Jahr bis zu den Olympischen Sommerspielen. 

Auf der Zielgerade dorthin mimt der Gastgeber größtmögliche Souveränität. Anfang Juli hieß es, schon jetzt seien rund 90 Prozent der Baustellen fertiggestellt. Als Vertreter des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Mai Tokio besuchten, lobten sie einmal mehr die Fortschritte. IOC-Präsident Thomas Bach schwärmte schon im vergangenen Jahr, er erinnere sich an keine Stadt, die je besser vorbereitet gewesen wäre. Alles unter Kontrolle, so scheint es.

Ein Jahr vor Beginn des zweiwöchigen Spektakels ist es Masa Takayas oberste Aufgabe, dieses Bild zu wahren. An einem Nachmittag Anfang Juli steht der Sprecher des Organisationskomitees am Fenster eines Hochhauses in Tokios Hafengegend und überblickt die fast fertigen Baustellen des Olympischen Viertels. "Es sollen Spiele für alle werden", sagt Takaya mit konzentrierten Augen. "Alle sollen profitieren." Nur wenn das erreicht sei, könne man von gelungenen Olympischen Spielen sprechen. Das klingt ehrbar, aber auch vorgestanzt.

Langjähriger OK-Chef unter Korruptionsverdacht

Masa Takaya, Sprecher des Tokioter Organisationskomitees (DW/F. Lill)

OK-Sprecher Takaya: "Spiele für alle"

Takaya, ein drahtiger Hobby-Triathlet, wirkt von seinem Job gezeichnet. Seit Jahren muss er geradestehen, wenn die Presse unangenehme Fragen zu den Sommerspielen stellt. Und peinlicherweise gibt es davon in auch im Fall Tokios mittlerweile viele: So ermittelt die französische Staatsanwaltschaft seit drei Jahren gegen Tsunekazu Takeda, der das Bewerbungsteam anführte und trotz allem noch bis Ende Juni Vorsitzender des Japanischen Olympischen Komitees (JOC) blieb. Takeda wird des Stimmenkaufs im Zuge der Vergabe der 2020er Spiele verdächtigt. Und Korruptionsvorwürfe sind längst nicht das einzige Problem der Organisatoren.

Hinzu kommen überbordende Kosten. Zu Beginn der Planungen waren noch 6,6 Milliarden US-Dollar veranschlagt, von denen - so betonte man gern - kein Cent zu Lasten des Steuerzahlers gehen sollte. Dann kam vor drei Jahren eine von Tokios Bürgermeisterin Yuriko Koike einberufene Expertenkommission zu einer Schätzung von bis zu 30 Milliarden Dollar - und die steuerfinanzierte öffentliche Hand würde sehr wohl belastet. Weil Japans Staatsverschuldung schon heute bei mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt, müssten sich wohl ganze Generationen an der olympischen Last abarbeiten. Kann von derart teuren Spielen wirklich jeder profitieren?

Im Büroturm über den Baustellen fällt OK-Sprecher Masa Takaya die Infrastruktur ein: "Viele der Anlagen wurden schon 1964 verwendet und werden nun modernisiert. Nach den damaligen Spielen haben sie bis heute ein halbes Jahrhundert lang die Leben der Menschen bereichert. Und wir sind sicher, dass die Leute, alt wie jung, jetzt wieder den Wert der Olympischen Spiele erkennen werden."

Japan Olympia 2020 | Nationalstadion in Shinjuku (picture-alliance/dpa/F. Duenzl)

Das neue Nationalstadion, in dem auch die Eröffnungsfeier der Spiele 2020 stattfinden wird

Doch zu welchem Preis? "Wir denken weiterhin, dass für die Kosten der Spiele kein Steuergeld verwendet wird", sagt Takaya. "Die werden über Sponsoren finanziert." Wie das gehen soll? "Für die Erneuerungen der Stadien wird zwar Steuergeld benötigt. Aber solche Arbeiten sehen wir nicht als Kosten, sondern als Investitionen, von denen Tokio noch lange zehren wird." Dem jetzigen Bauboom werde ein Sportboom folgen, glaubt Takaya.

Arbeiten ohne Vertrag, niedrige Löhne

Über den Bauarbeiten an den Olympia-Anlagen liegt ein Schatten. Im Mai veröffentlichte der Gewerkschaftsweltverband der Bau- und Holzarbeiter (BHI) einen erschreckenden Bericht. Danach müssen Arbeiter bis zu 28 Tage lang ohne freien Tag antreten, die Hälfte von ihnen arbeitet ohne schriftlichen Vertrag. Sicherheitskleidung müssten einige Arbeiter selbst bezahlen, heißt es. Zu zwei Todesfällen sei es schon gekommen. 

Tokio hat, das zeigt sich an einem Abend Anfang Juli, eine ganze Branche enttäuscht. Im Westen der Stadt trifft sich eine Handvoll Bauarbeiter in den Räumen der Baugewerkschaft "Zenkensoren", um sich über den Alltag auf den olympischen Baustellen auszutauschen. Die meisten von ihnen sind über 60 Jahre alt. Sie arbeiten noch, weil ihre Rente allein nicht ausreicht. 

Japan Ariake Gymnastikzentrum in Tokio (picture-alliance/dpa/Jiji Press/Minoru Matsutani)

Baustelle des Olympischen Gymnastikzentrums ​ ​

Ein 62-Jähriger mit grauem Bart, der das Olympische Dorf mit aufbaut, verschränkt seine Arme: "Vor fünf Jahren, als die Arbeiten begannen, haben sie uns versprochen, dass es einen Boom geben wird. Aber die Löhne sind immer noch so niedrig wie vorher." Weil alles schneller gehen müsse als bei anderen Bauprojekten, sei man ständig in Eile. "Wir arbeiten wie am Fließband. Wir können jeden Abend erst nach Hause, wenn alles fertig geworden ist. Selbst wenn es regnet, sollen wir Zement auftragen, obwohl man das eigentlich nicht tun sollte."

Ein anderer Arbeiter, der schon über 70 ist, berichtet, wie sich einmal auf der Baustelle für die Segel-Anlage eine Stange löste: "Wenn ich so etwas den Vorgesetzten berichte, heißt es nur, ich soll weiterarbeiten." Wenn die Spiele begännen, sagt er, werde er nicht zuschauen: "Ich war mal stolz darauf, dass ich an Olympia mitarbeite. Aber jetzt bin ich nur sauer."

Wissenschaftler: Bürger müssen draufzahlen

Shinichi Ueyama ist Professor für öffentliche Verwaltung an der renommierten Keiko Universität und saß der Expertenkommission vor, die die horrende Kostenschätzung aufstellte. Halbwegs zufrieden berichtet Ueyama: "Mit unseren Empfehlungen konnten wir das erwartete Budget auf 20 Milliarden US-Dollar reduzieren. Die meisten Einsparungen wurden durch die verkleinerte Kapazität der Schwimmhalle und auf den Baustellen erreicht."

Wird der Steuerzahler also einigermaßen verschont? Ueyama lacht: "Daran glaubt niemand. Die gesamte Verantwortung für die Finanzierung trägt doch die Tokioter Metropol-Regierung." Es werden also nicht nur die Kosten der Stadionbauten an den Bürgern Tokios hängen bleiben, sondern auch weitere Ausgaben etwa für die Shuttle-Busse, die Stromversorgung oder die Kleidung für die Olympia-Helfer. 

Ob sich Shinichi Ueyama trotz allem auf die Olympischen Spiele freut? Der Wissenschaftler schweigt einen Moment. "Ich schaue schon gern Sport", sagt Ueyama. Aber ob eine so gut ausgestattete Weltstadt wie Tokio wirklich diese neuen, teuren Anlagen brauche, da sei er sich nicht so sicher.

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