Swart: ″Die Welt würde Afrika ernster nehmen″ | Sport | DW | 15.01.2022
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DW-Interview

Swart: "Die Welt würde Afrika ernster nehmen"

Ägypten will die Olympischen Spiele 2036 ausrichten und damit zum ersten afrikanischen Olympia-Gastgeber werden. Sportwissenschaftlerin Kamilla Swart hält es für eine gute Idee, die Spiele nach Afrika zu vergeben.

Taekwondo-Kämpferin Hedaya Wahba jubelt mit der ägyptischen Fahne in den Händen nach ihrem Gewinn der Bronzemedaille in Tokio

Jubeln Ägyptens Olympiateilnehmerinnen und -teilnehmer 2036 im eigenen Land?

Der ägyptische Sportminister Ashraf Sobhy kündigte Anfang des Jahres an, dass sich das Land um die Olympischen Sommerspiele 2036 bewerben will. Die Kandidatur werde von der ANOCA, der Vereinigung der Nationalen Olympischen Komitees Afrikas, unterstützt, sagte Sobhy. Seine Regierung werde bald die nötigen Unterlagen beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) einreichen.

Die kommenden Olympischen Sommerspiele werden 2024 in Paris und 2028 in Los Angeles stattfinden. 2032 ist Brisbane Olympia-Gastgeber. Die einzige ernsthafte afrikanische Bewerbung in der jüngeren Vergangenheit war gescheitert, als Kapstadt im Rennen um die Spiele 2004 gegen Athen den Kürzeren gezogen hatte. Die südafrikanische Sportwissenschaftlerin Kamilla Swart-Arries hatte damals an der Kandidatur mitgearbeitet. Die DW hat mit ihr gesprochen. 

DW: Kapstadt schaffte es bei der IOC-Vollversammlung 1997 unter die letzten drei Bewerber um die Spiele 2004. War die Zeit damals noch nicht reif für einen afrikanischen Bewerber?

Kamilla Swart: Im Rückblick war es wahrscheinlich nicht der richtige Zeitpunkt, weil Südafrika gerade erst die Apartheid hinter sich gelassen hatte. Immerhin erhielten wir die Gelegenheit, dem Rest der Welt zu zeigen, was Kapstadt und Südafrika zu bieten hatten. Wenn ich heute meine Erlebnisse bei anderen Olympischen Spielen berücksichtige, denke ich, dass wir noch nicht bereit gewesen wären. Weil Südafrika isoliert und aus dem internationalen Sport, einschließlich IOC, ausgeschlossen war, gab es bei uns keine olympische Kultur. Die größte finanzielle Unterstützung erhielten damals nicht-olympische Sportarten wie Rugby.

Blick auf Kapstadt und den Tafelberg im Hintergrund

Aus Olympia 2004 wurde nichts für Kapstadt, doch 2010 war die Stadt einer der Spielorte der Fußball-WM in Südafrika

Afrika ist der einzige bewohnte Kontinent, auf dem noch niemals Olympische Spiele ausgetragen wurden. Worin sehen Sie die Hauptgründe?

Ich denke, einer der Hauptgründe ist die ungleiche Vergabe von Mega-Events an Entwicklungsländer, was in erster Linie mit den früheren Anforderungen des IOC an die Ausrichtung der Spiele zusammenhängt. Gerade die großen Entwicklungsländer haben im Vergleich zu den Industrieländern viele Herausforderungen zu bewältigen, was die Infrastruktur angeht. Dazu müssen sie in Sachen Wahrnehmung mit negativen Stereotypen klarkommen. Ich beziehe mich dabei auch auf meine Erfahrungen bei der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Obwohl wir die WM schließlich ausrichten durften, gab es einen Afro-Pessimismus.

Welche negativen Stereotypen meinen Sie?

Zum einen, was Kriminalität angeht, Probleme rund um die Sicherheit. Wenn man sich die Bilder anschaut, die von Afrika verbreitet werden, geht es doch meist um negative Aspekte wie AIDS oder arme, hungrige Kinder. Das Potential Afrikas wird nicht im gleichen Maße betrachtet.

Porträtfoto Kamilla Swart

Sportwissenschaftlerin Kamilla Swart

Nun will Ägypten seinen Hut in den Ring für die Olympischen Spiele 2036 werfen. Wie groß bewerten Sie die Chancen für eine solche afrikanische Kandidatur?

Die Spielregeln haben sich geändert, etwa durch die Agenda 2020 des IOC. Ich würde nicht sagen, dass die Regeln nun ausgeglichen sind, aber sie haben sich so verändert, dass es für eine afrikanische Stadt wahrscheinlicher ist, mit einer Bewerbung erfolgreich zu sein. Auch wenn die afrikanischen Länder nach wie vor nur begrenzte Erfahrungen mit Bewerbungen haben, wirken sie entschlossener, dafür zu sorgen, dass endlich der fünfte [olympische - Anm. d. Red.] Ring durch eine Stadt oder ein Land aus Afrika entfaltet wird. Aber es ist immer noch ein ziemlich großes Unterfangen. Und meiner Meinung nach sind wir mit eher regionalen Bewerbungen wahrscheinlich besser dran.

Menschenrechtsorganisationen weisen darauf hin, dass sich die Menschenrechtslage in Ägypten seit Jahren eher verschlechtert als verbessert. Wird sich das IOC in diesem Punkt wieder auf so dünnes Eis begeben wie bei der Vergabe der Winterspiele 2014 an Sotschi oder 2022 an Peking?

Sicher ist das ein Thema, das berücksichtigt werden muss. Wenn ich von Herausforderungen speziell in Bezug auf Ägypten spreche, fallen mir vor allem die Bedenken rund um die Menschenrechte ein. Auf der anderen Seite geht es mir darum, das Positive in den Spielen zu sehen: Wie kann man sie als Möglichkeit nutzen, um Probleme anzugehen und Dinge zu korrigieren?

IOC-Chef Thomas Bach hat Olympische Spiele in Afrika kürzlich als seinen persönlichen Traum bezeichnet. 2036 wird er nicht mehr im Amt sein. Könnte es dennoch eine Rolle spielen, dass sich der derzeit mächtigste Mann im IOC öffentlich einen Gastgeber aus Afrika wünscht?

In dem geopolitisch geprägten Entscheidungsprozess, wohin diese Spiele gehen, könnte er immer noch eine sehr einflussreiche Rolle spielen. Für mich geht es darum, dass das IOC irgendwann mal das Richtige tun muss: Wenn eine Fußballweltmeisterschaft in Afrika ausgetragen werden kann, warum nicht auch Olympische Spiele? Vor allem in Anbetracht der Reformen, die das IOC eingeführt hat.

Welche Rolle spielen die Olympischen Jugendspiele in Dakar im Senegal 2026, die damit erstmals in Afrika ausgetragen werden?

Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ägypten kann mit Blick auf die Olympischen Spiele 2036 sicherlich von Dakar lernen. Es ist eine Gelegenheit, das Bewusstsein für den Olympischen Geist zu schärfen und die Jugend zu ermutigen, Sport zu treiben. Und sicher ist es auch ein positives Signal, dass Afrika erstmals eine solche olympische Veranstaltung ausrichtet. Aber es ist nicht die gleiche Größenordnung. Sommerspiele sind viel komplexer als Olympische Jugendspiele.

Luxusreisen | Etosha Nationalpark in Namibia

Löwe im Etosha-Nationalpark in Namibia - stereotypes Afrika-Bild?

Was würde es für Afrika bedeuten, sollte 2036 ein Mega-Event wie die Olympischen Spiele auf dem Kontinent ausgetragen werden?

Es würde zeigen, was Afrika zu bieten hat. Für mich geht es eher um den immateriellen Gewinn, darum, die negativen Stereotypen zu beseitigen. Afrika wird vielfach immer noch als ein rückständiger Kontinent gesehen, in dem Löwen und andere Tiere durch die Straßen streifen. Die Spiele würden andere Bilder hervorzaubern. Sie haben die Macht, die Wahrnehmung zu verändern und die Welt dazu zu bringen, Afrika ernster zu nehmen.

Die Südafrikanerin Kamilla Swart arbeitet derzeit als Professorin an der Hamad-bin-Khalifa-Universität in Doha in Katar. Die 51 Jahre alte Sportwissenschaftlerin ist eine international anerkannte Expertin für Sport-Großereignisse. In den 1990er-Jahren war sie, damals noch im Marketing, an der Bewerbung Kapstadts um die Olympischen Sommerspiele 2004 beteiligt. Bei den Spielen 2008, 2012 und 2016 sowie den Fußball-Weltmeisterschaften 2010 und 2014 leitete sie Forschungsprojekte.

Das Interview führte Stefan Nestler.