Oliver Zipse übernimmt das BMW-Steuer | Wirtschaft | DW | 18.07.2019
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Automobilindustrie

Oliver Zipse übernimmt das BMW-Steuer

Zwei Wochen nach dem Rücktritt von BMW-Chef Harald Krüger gibt es jetzt einen Nachfolger: der bisherige Produktionsvorstand Oliver Zipse. Die Entscheidung fiel bei einer Aufsichtsratssitzung am US-Standort Spartanburg.

In der Automobilindustrie hat sich der neue BMW-Chef Oliver Zipse (Artikelbild) schon einen Namen gemacht. Der 55-Jährige steht dafür, dass die Münchener ihre Produktion durch ein ausgeklügeltes Netz an weltumspannenden Produktionsstandorten weniger abhängig von Handelskonflikten und konjunkturellen Schwankungen gemacht haben.

So baut der Konzern mit dem weiß-blauen Logo etwa den gefragten Stadtgeländewagen X3 inzwischen in den USA, China und Südafrika und kann die Märkte so je nach Bedarf beliefern. BMW gilt deshalb als vorbildlich in der Branche. "Wenn etwas rund läuft bei denen, dann sind es die Werke", meint ein Brancheninsider anerkennend.

Saubere Weste reicht nicht mehr

Die Schlüsselrolle bei der Wahl des neuen Vorstandschefs hatten Aufsichtsratschef Norbert Reithofer, Betriebsratschef Manfred Schoch und natürlich die Geschwister Susanne Klatten und Stefan Quandt, denen die Hälfte der BMW-Aktien gehört.

Unter dem scheidenden Vorstandsvorsitzenden Harald Krüger hatte sich BMW eine saubere Weste im Dieselskandal bewahrt und wichtige Partnerschaften bei Mobilitätsdiensten und beim autonomen Fahren geschlossen. Kritiker warfen ihm aber vor, dass Daimler BMW bei den Verkaufszahlen überholt und BMW seinen Vorsprung bei der Elektromobilität eingebüßt habe. In den vier Jahren seiner Amtszeit hat die Aktie rund 24 Prozent verloren.

USA | BMW-Standort in Spartanburg (picture-alliance/dpa)

Der Aufsichtsrat tagte am BMW-Standort Spartanburg in den USA, hier sind rund 10.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Nach dem ruhigen Teamplayer Krüger wird nun ein durchsetzungsstarker Anführer erwartet. Krüger hatte vor kurzem angekündigt, spätestens zum Ende seines laufenden Vertrages im kommenden April sein Amt aufzugeben und eine "neue Herausforderung zu suchen".

Der Münchener IG-Metall-Chef und BMW-Aufsichtsrat Horst Lischka sagte, vom neuen Konzernchef erwarte er "Führungskompetenz und klare Positionierung nach innen und nach außen". Belegschaft und Zulieferer müssten wissen, wie sich BMW künftig positioniert.

BMW stark unter Druck

Gegenwärtig läuft es bei BMW gar nicht rund. Die Münchener haben mit dem batteriebetriebenen i3 und dem i8 zwar früh auf Elektromobilität gesetzt, drohen nun aber abgehängt zu werden, da Konkurrenten wie Volkswagen massiv in E-Autos investieren.

Der Druck ist nach Ansicht von Experten noch dadurch gestiegen, dass BMW zu Jahresbeginn im Autogeschäft erstmals seit zehn Jahren einen Verlust geschrieben hat und vor harten Einschnitten steht.

Leipzig elektrische BMW i3 an Ladesäulen (picture-alliance/dpa/J. Woitas)

In Deutschland hatte BMW für eine kurze Zeit die Nase bei der Elektrifizierung vorn. Nun sind andere, vor allem VW, vorbeigezogen.

"Einer, der sagt, wo es langgeht"

Der in Heidelberg geborene Zipse galt als Favorit für die Krüger-Nachfolge. Mit dem Manager mit dem Schmiss an der Oberlippe verbindet man bei BMW den Wunsch nach stärkerer Führung. "Das ist einer, der sagt, wo es langgeht", beschreibt ein enger Mitarbeiter Zipse. Das sei eine Eigenschaft, die man im BMW-Hauptquartier, dem sogenannten Vierzylinder-Haus an der Münchener Stadtautobahn seit einiger Zeit an der Unternehmensspitze vermisse.

Zipse wird nachgesagt, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen. "Eher im Gegenteil. Er ist sehr entscheidungs- und durchsetzungsstark. Wenn er eine Position für sich gefunden hat, dann setzt er die auch durch", sagt der Vertraute.

Als Produktionschef sehr stark

Als Erfolg gilt auch das System von Leit- und Partnerwerken, das Zipse eingeführt hat. Seitdem haben Standorte die Oberaufsicht für bestimmte Fahrzeugsegmente, andere müssen sich unterordnen. Das US-Werk in Spartanburg etwa hat eine führende Rolle bei der X-Baureihe. Zugerechnet wird Zipse auch, dass er damit begonnen hat, die Produktion so aufzustellen, dass die Werke alle Antriebsarten bauen können, vom Verbrenner über Hybridautos bis zum reinen Stromer.

Kann der Neue auch begeistern?

Erfolge in der Produktion allein reichen nach Meinung von Experten jedoch nicht, um einen Autobauer auf dem Weg in die Elektromobilität zu steuern - der sich zudem gegen die zunehmende Konkurrenz von IT-Konzernen behaupten muss. "Ein CEO muss eine Vorstellung davon haben, wie sich die Mobilität in Zukunft entwickeln wird. Das geht weit über die Optimierung eines bestehenden Geschäfts hinaus", sagt Carsten Breitfeld, Chief Executive von Iconiq Motors aus China und selbst ehemaliger BMW-Ingenieur. "Er muss in der Lage sein, Teams aufzubauen, Talente anzuziehen und eine Kultur zu fördern, die sich zunehmend an der Unterhaltungselektronik und der Dynamik des Internets orientiert", sagt Breitfeld. Der Chef eines Autokonzerns müsse begeistern können und die Mitarbeiter mitnehmen.

Das gehört - bisher jedenfalls - nicht unbedingt zu Zipses Stärken. Der Vater von zwei erwachsenen Söhnen, verheiratet mit einer Japanerin, wird eher als Manager alter Schule beschrieben und wirkt in Kleidung und Auftreten eher konservativ.

Zipse gilt aber als gewandter Gesprächspartner, der auch mal die Ellbogen ausfahren kann. Das sei kein Nachteil in einer Branche, in der der Wettbewerb eher schärfer werde, meinen Experten. Ob er auch gut darin sei, Partnerschaften zu managen, müsse abgewartet werden. Solche Vereinbarungen mit anderen Autobauern werden immer wichtiger, um die Kosten zu senken.

München: Bilanzpressekonferenz der BMW AG mit Harald Krüger (Imago/R. Krivec)

Vor rund zwei Wochen hat der bisherige Vorstandsvorsitzende Harald Krüger seinen Rückzug bekannt gegeben.

Nachdenklichkeit als Nachteil?

Krüger, der nach wochenlangen Spekulationen über seine Zukunft an der BMW-Spitze Anfang Juli seinen Rückzug erklärt hatte, pflegte eine Führungskultur, die auf Konsens setzt. 2015 war der damals jüngste Vorstandschef eines Automobilherstellers vom Aufsichtsrat ausgewählt worden, um das "Wir-Gefühl" bei BMW zu stärken, wie ein früherer BMW-Manager sagt, der bei dem Autobauer noch bestens verdrahtet ist.

Zuletzt sei Krüger aber vorgeworfen worden, er sei zu nachdenklich. "Krüger war vielleicht damals die richtige Entscheidung. Doch inzwischen haben sich die Zeiten geändert."

Sehnsucht nach dem "starken Mann"

Dem "starken Mann", als der Zipse intern gilt, gehören daher bei BMW viele Sympathien. Man erwartet von ihm, dass er vorangeht - und dabei nicht vergisst, die Mitarbeiter beim Wandel hin zur Mobilität mitzunehmen. Das Produktionsressort war schon für andere Manager Sprungbrett an die Unternehmensspitze. Sowohl Krüger als auch dessen Vorgänger Joachim Milberg und Norbert Reithofer leiteten zunächst diese größte Sparte des Konzerns, bevor sie nach ganz oben befördert wurden.

dk/hb (rtr, dpa)

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