Oleg Senzows ″Numbers″: Aus dem Gefängnis zur Berlinale | Filme | DW | 21.02.2020
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Film

Oleg Senzows "Numbers": Aus dem Gefängnis zur Berlinale

Der Film "Numbers" des ukrainischen Regisseurs Oleg Senzow ist eine dystopische Gesellschaftsparabel. Die Idee dazu reifte während seiner Haft. Jetzt ist der Film bei den Filmfestspielen in Berlin zu sehen.

Das Setting ist eine bedrückende Mischung aus Gefängnishof und Sportstadion in faschistischer Architektur. Eingekesselt von massiven weißen Betonstufen lebt hier eine Gruppe von zehn Menschen. Strenge, unsinnige Regeln, festgehalten in einem dicken Regelwerk, bestimmen ihre Existenz. Die Figuren haben keine Namen, sondern Nummern. Die Männer ungerade, die Frauen gerade. Alle tragen schwarze Gymnastikanzüge mit drei weißen Streifen – eine Parodie auf die Sportbekleidungsmarke Adidas.

Gegessen wird mit Ertönen eines Signals immer zur selben Zeit, beim Joggen um eine Tischtennisplatte. Darauf folgt ein Wettrennen mit Startschuss, bei dem die Figuren von einem Ende des Hofes zum anderen entsprechend ihrer Nummer ins Ziel rennen müssen. Nachts werden "Gerade" und "Ungerade" von einem Maschendrahtzaun voneinander getrennt. Überwacht wird das ganze von "der großen Null": Einem über allem thronenden gelangweilten fettleibigen Mann in Unterhemd, roten Herzchen-Boxershorts, Morgenmantel und Pantoffeln. Bei der kleinsten Regelübertretung schickt er Blitz und Donner auf die Gruppe und erzwingt ihren Gehorsam.

Auch der Umsturz ändert wenig

Für den Ernstfall stehen ihm zwei sogenannte Juroren zur Seite, das Gewehr jederzeit zum Abschuss bereit. Als der intellektuelle "Siebte", beginnt, die Regeln in Frage zu stellen, aber nicht den Mut findet, sich aufzulehnen, und Unterstützung durch den waghalsigen "Fünften" bekommt, kommt Unruhe in die Gruppe. Die "Geraden", also die Frauen, werden als die eher passiven, liebenden Begleiter ihrer Männer dargestellt.

Berlinale 2020 Premiere Film Numbers (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Die Schauspieler von "Numbers" auf dem roten Teppich (v.l.n.r.): Yevhen Chernykov, Agatha Larionova, Oleksandr Begma und Viktor Andrienko

Es kommt, wie es kommen muss: Vereint gelingt der Gruppe der Sturz des totalitären Regimes, begleitet von pathetischen Reden über Freiheit und Gleichheit. Letzte Szene: Der allmächtige, von Feuern umringte, wild auf Trommeln schlagende "Siebte" hat die Herrschaft an sich gerissen. Seine Untertanen liegen verschmutzt und kahlgeschoren in Ketten.

Ein universelles Stück über totalitäre Gesellschaften

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück, das der ukrainische Filmemacher und Aktivist Oleg Senzow bereits 2011 schrieb. Drei Jahre habe sich die Idee dazu entwickelt, das tatsächliche Schreiben habe dann nicht länger als ein paar Tage gedauert, erzählt Senzow bei der Filmpremiere im Berliner Maxim Gorki Theater. Im Anschluss wird der Film bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin in der Reihe "Berlinale Special" gezeigt.

Berlin | Premiere des Films Numbers vom Regisseur Oleg Senzow im Maxim-Gorki Theater (DW/C. Nurtsch)

Premiere von "Numbers" im Maxim-Gorki-Theater

Während der fünfjährigen politischen Haft Senzows von 2014 bis 2019 beschließen Freunde, aus dem Stück einen Film zu machen. Noch aus dem Gefängnis heraus beauftragt Senzow seinen Kollegen Akhtem Seitablayev mit der filmischen Umsetzung. Seitablayev, der wie der 1976 geborene Senzow von der Krim stammt, bleibt durch das Setting mit Theaterkulisse und Hebebühne auch im Film dem originalen Bühnenstück-Charakter von "Numbers" treu. Das fertige Produkt sieht Senzow erst, als er 2019 aus dem Gefängnis entlassen wird. Sein Stück habe auch zehn Jahren nach seiner Entstehung nicht an Aktualität verloren, sagt Senzow. Seine Gesellschaftsparabel sei universell, denn sie beschreibe keine bestimmte, sondern jede Art von geschlossener, totalitärer Gesellschaft. Und Seitablayev fügt hinzu: "Für mich ist Olegs Stück eine neue Erzählung der Arche Noah in einem sehr unrealistischen, aber gleichzeitig archetyptischen und uns alle betreffenden Setting. Es geht um so essenzielle Dinge wie Verrat, Freiheit, Würde, Feigheit, Mut."

Repressionen der Krimtataren

Bei der Filmpremiere spricht Seitablayev auch die Situation der ethnischen Gruppe der Krimtataren an, der er selbst angehört. "Es herrscht eine laute Stille all jener Menschen, die zwar ihre Meinung nicht verbergen, die aber Angst haben, sie laut auszusprechen. Viele Krimtataren sitzen in Haft. 2014 protestierten Krimtataren an der Seite von pro-ukrainischen Demonstranten gegen die russische Annexion der Krim", sagt er. Die derzeitige Regierung in Moskau sei sich bewusst, dass die Krimtataren sich als ukrainische Staatsbürger fühlten. Das passe aber nicht zur Informationspolitik des Kremls, so Seitablaiev. Man habe es eben nicht mit russischen Welt, wie sie der Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski im 19. Jahrhundert noch beschrieben hat, sondern mit der von Putin zu tun, so der Regisseur weiter.

Senzow, der Aktivist

Berlin | Weltpremiere des Films Numbers von Oleg Senzow (picture-alliance/dpa/J. Kalaene)

Oleg Senzow bei der Premiere seines Films "Numbers" in Berlin

Bei den Maidan-Protesten 2013 war Senzow von Anfang an dabei und unterstützte die proeuropäische Bewegung. Nach der Krimbesetzung von russischen Militärs versorgte er die in ihren Kasernen festgesetzten ukrainischen Soldaten mit Lebensmitteln – und avancierte zum Staatsfeind. 2014 wurde Senzow gemeinsam mit drei weiteren Personen festgenommen und zu 20 Jahren Haft verurteilt. Den Vorwürfen nach habe er eine nationalistische ukrainischen Bewegung gegründet und sei an der Planung von Terroranschlägen beteiligt gewesen. Senzow selbst weist die Anschuldigungen zurück.

Kurz vor der Fußball-WM 2018 in Russland trat er zeitweilig in Hungerstreik und forderte die Freilassung aller politischen Gefangenen in Russland – ohne Erfolg. Amnesty International und Künstler wie die Nobelpreisträgerinnen Herta Müller und Swetlana Alexijewitsch setzten sich für seine Freilassung ein. Im September 2019 wurde Senzow nach fünf Jahren Haft überraschend durch einen Gefangenenaustausch freigelassen. 2018 zeichnete ihn das Europäische Parlament mit dem höchsten europäischen Preis, dem Sacharow-Preis für Menschenrechte und Meinungsfreiheit aus. Für die Zukunft habe er einige Projekte in Planung, sagt Senzow. Und einsetzen werde er sich weiterhin. Für alle, die sich gegen Putin stellen und für alle politischen Gefangenen – ukrainische und russische.

 

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