Olafur Eliasson: ″Die Vergangenheit wird uns nicht in die Zukunft führen″ | Wissen & Umwelt | DW | 04.10.2019
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Im Gespräch

Olafur Eliasson: "Die Vergangenheit wird uns nicht in die Zukunft führen"

Der berühmte dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson wurde zum Sonderbotschafter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen ernannt. Seine Themen: Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Die DW traf ihn in New York.

Jedes Jahr wählt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) jemanden aus, um ein Schlaglicht auf die wichtigen Themen des Planeten zu werfen und die Menschen gegen den Klimawandel zu mobilisieren. Dieses Jahr ist es Olafur Eliasson. In seiner bereits drei Jahrzehnte währenden Karriere hat er sich auf die faszinierenden Eigenschaften von Licht, Wasser und Luft konzentriert. Mit der DW sprach er darüber, was die Welt jetzt braucht und wie er uns allen das verständlich machen will. 

DW: Sie wurden gerade zum UNDP Goodwill Ambassador ernannt. Dazu gehört auch, dass man versucht, die Welt besser zu machen. Wie wollen Sie das tun?

Olafur Eliasson: Nun ja, ich finde in der Kunst geht es darum, über die Welt nachzudenken und im Wesentlichen die Welt auch voranzubringen, indem man eine positive Vision für die Zukunft schafft, ein Morgen, das besser ist als das Gestern. Um ehrlich zu sein, ich finde, dass die Arbeit als Künstler an sich bereits einen Beitrag für die Welt leistet. Das mögen manche Menschen anders sehen, aber ich denke nicht, dass meine Tätigkeit als Goodwill Ambassador sehr stark von dem abweichen wird, woran ich jetzt schon arbeite.

Faces of climate change Olafur Eliasson (DW/T.Walker)

Während des Pariser Klimagipfels hatte Eliasson riesige Eisblöcke aufgestellt, die langsam vor sich hin schmolzen

In was für einem Zustand ist die Welt jetzt, dass wir handeln müssen?

Offensichtlich verändert sich die Welt und es gibt riesige Probleme, die gelöst werden müssen. Klima, Migration, eine generelle Polarisierung in der Gesellschaft, zum Beispiel. Aber ich denke, es ist auch wichtig, dabei nicht zu übersehen, was schon ziemlich gut läuft. Es gibt Grund zur Hoffnung. Ich glaube an die Hoffnung und ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch. Und wenn man mal darüber nachdenkt: Es war beispielsweise noch nie besser, ein junges afrikanisches Mädchen zu sein, als heute.

Mehr zum Thema: Globaler Klimastreik: Gesichter des Protests

Ich meine, wir haben in den letzten 20, 30, 40, 50 Jahren viele Dinge verbessert und so gesehen finde ich es einfach auch wichtig, anzuerkennen, dass es in fast allen Bereichen Fortschritte gegeben hat. Jetzt sind wir allerdings in einer Situation, in der uns die Vergangenheit allein nicht in die Zukunft führen kann, weil einige der Dinge, die in der Vergangenheit geschehen sind, wie die Verwendung von fossilen Energieträgern in der westlichen Welt, uns nicht in die Zukunft bringen werden, ohne alles zu ruinieren.

Gut, was muss also getan werden?

Ich denke, wir haben die Chance, auf Dinge wie den Klimawandel zu reagieren, aber auch gleichzeitig die UN-Nachhaltigkeitsziele zu verfolgen, weil es darum geht, in komplexen Systemen zu arbeiten, statt nur auf ein Problem nach dem anderen zu reagieren. So ein systemischer Ansatz ist etwas, das mich gerade interessiert.

Zum Beispiel: Wir müssen verstehen, dass der Regenwald in Brasilien gerade brennt, um Platz für Maisfelder zu schaffen. Die Maisfelder produzieren ein Maispulver, das an dänische Schweine verfüttert wird. Der Prozess ist zertifiziert und völlig legal. Die dänischen Schweine werden dann in Form von dänischem Speck nach Großbritannien exportiert.

Es gibt also eine Verbindung zwischen dänischem Speck in Großbritannien und der Tatsache, dass gerade der Regenwald in Brasilien brennt. Und wenn wir jetzt die gesamten Infrastrukturen der Welt in dieser Weise als Systeme begreifen, statt uns auf den Regenwald oder die Schweine, den Speck oder den Transport zu konzentrieren, dann können wir sehen, wie intrinsisch alles beeinflusst wird. Und wir können dieses Wissen nutzen, um zu reagieren. 

2012 haben Sie das Sozialunternehmen Little Sun gegründet. Dieses Unternehmen verteilt Solarlampen, ursprünglich in Afrika und inzwischen in der ganzen Welt. Sind solche Sozialunternehmen ein Modell für die Zukunft?

Nun ja, offensichtlich gibt es eine Vielzahl verschiedener Modelle, die als Sozialunternehmen bezeichnet werden. Wir sind weniger ein Unternehmen und mehr eine Non-Profit-Organisation, weil es das Ziel ist, in sozialer Hinsicht Gutes zu tun. Unser Non-Profit-Arm führt dabei die Programme vor Ort aus. Gleichzeitig ist es insofern ein Sozialunternehmen, als wir versuchen, die Rentabilität im Endkundenbereich zu erhöhen.

Solo-Ausstellung des isländischen Künstlers Olafur Eliasson In reals life - Olafur Eliasson (2017 Olafur Eliasson)

Olafur Eliasson

Diesen Monat werden wir eine Million Lampen ausgeliefert haben, aber das bedeutet auch, dass es in Afrika immer noch 319 Millionen Menschen ohne Strom gibt. Im Non-Profit-Bereich ist es auch oft eine Herausforderung, skalierbare Lösungen zu finden. Andere Marktteilnehmer wie Coca-Cola oder Zigarettenhersteller haben viel mehr Erfolg am Markt als wir. Offensichtlich sind es unterschiedliche Arten von Produkten, aber trotzdem: Wir sollten die Non-Profits nicht romantisch verklären, denn Skalierbarkeit könnte der Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit sein.

Wie wichtig ist Little Sun für die Umwelt?

Mir gefällt die Vorstellung, dass Little Sun zeigt, dass man selbst etwas im Kleinen tun kann. Wenn man beispielsweise nachts eine Little Sun verwendet, dann kauft man kein Kerosin oder Petroleum für die kleine Lampe, bei deren Licht man seine Hausaufgaben macht.

Das ist natürlich nur ganz, ganz wenig. In einer normalen Familie sind das vielleicht nur 10 oder 20 oder 30 Milliliter pro Woche. Aber wenn man jetzt eine Million Little Suns da draußen hat und sie alle genutzt werden, dann spart das sehr viel Kerosin. Little Sun ist nur eines von drei oder vier sehr guten Solarprodukten, die man im ländlichen Afrika findet. Ich denke, dass wir wegen dieser Solarprodukte schon heute bei einigen afrikanischen Ländern einen Rückgang der Erdölimporte feststellen können.

Das Interview wurde von Manuela Kasper-Claridge geführt und aus Längengründen und zur besseren Lesbarkeit gekürzt.

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