Olaf Scholz: Der Unterschätzte wird bald Kanzler | Deutschland | DW | 25.11.2021
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Regierungsbildung

Olaf Scholz: Der Unterschätzte wird bald Kanzler

Wer ist der Mann, der der nächste Bundeskanzler werden will? Olaf Scholz besitzt viel Erfahrung in politischen Spitzenämtern, aber wenig Charisma. Als spröder, nüchterner Pragmatiker wurde er oft unterschätzt.

Olaf Scholz

Nüchtern und beherrscht auch in der Stunde des Erfolgs: Olaf Scholz bei der Vorstellung des Koalitionsvertrags

Wenn alles so läuft, wie Olaf Scholz sich das vorstellt, dann wird der 63-jährige Sozialdemokrat im Dezember als Nachfolger von Angela Merkel ins Bundeskanzleramt einziehen. In der Hand seine abgewetzte lederne Aktentasche, die ihn seit 40 Jahren überall hin begleitet. Als Regierungschef einer Koalition aus SPD, Grünen und FDP. Nach zwei Monaten Verhandlungszeit hat sich die "Ampel", wie das Bündnis wegen seiner Parteifarben rot, gelb und grün genannt wird, auf einen gemeinsamen Koalitionsvertrag geeinigt.

Wer hätte das gedacht, als Olaf Scholz im August 2020 von der SPD als Kanzlerkandidat aufgestellt wurde? Noch 2019 war Scholz im Kampf um den SPD-Vorsitz unterlegen. Nicht nur, weil sich die Partei nach einer explizit linken Führung sehnte. Sondern weil der introvertierte Pragmatiker es nie geschafft hatte, die Herzen der oft sehr emotionalen Sozialdemokraten zu erobern.

Die SPD war längst abgeschrieben

Doch Olaf Scholz, seit 2018 Bundesfinanzminister und Vizekanzler, war das einzige politische Schwergewicht der SPD, dem der Job überhaupt noch zuzutrauen war. Die SPD, Juniorpartner in einer Koalition mit CDU und CSU, lag in Wählerbefragungen hoffnungslos abgeschlagen zurück.

Olaf Scholz im August 2020 zwischen den Generalsekretären Norbert-Walter Borjans und Saskia Esken, als er bei einer Pressekonferenz als Kanzlerkandidat der SPD vorgestellt wird

Die SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken stellten Olaf Scholz im August 2020 als Kanzlerkandidaten vor

Viele Monate wurde der Wahlkämpfer Scholz öffentlich belächelt. Fast weltfremd wirkte es, wenn er unbeirrt seinen Siegeswillen kundtat und behauptete, er werde der künftige Bundeskanzler. Doch die stoische Art, mit der er äußerlich unbeeindruckt seine Kampagne durchzog, ist eines der Erfolgsgeheimnisse des wahrscheinlich zukünftigen Bundeskanzlers.

Wie Teflon: Vieles perlt an ihm ab

Niederlagen klaglos wegstecken, aufstehen, unbeirrt weitermachen und nie an sich zweifeln, das ist das Motto des 1958 in Osnabrück geborenen Olaf Scholz. Seit einigen Jahren lebt er zusammen mit seiner Frau, der brandenburgischen Bildungsministerin Britta Ernst, in Potsdam vor den Toren Berlins. Scholz ist mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein gesegnet. In seiner jahrzehntelangen politischen Karriere hat er schon so manche Erschütterung erlebt, keine hat ihn längerfristig aus der Bahn werfen können.

Olaf Scholz am 22. April mit Unterlagen vor der Befragung im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages

Schwere Wasser unbeschadet überstanden: Olaf Scholz im April vor der Befragung im Wirecard-Untersuchungsausschuss

Noch nicht einmal die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse zum Cum-Ex-Steuerskandal und zum Wirecard-Betrugsfall konnten ihm etwas anhaben. Zwar machte er bei den Befragungen im Ausschuss keine gute Figur: Ständig gar er vor, sich an nichts erinnern zu können. Doch die anschließende, auch öffentliche Kritik verpuffte mangels Masse: Es blieb nichts hängen.

Geräuschloser und effizienter Aufstieg

Zäh und beharrlich hat sich Olaf Scholz auf der politischen Karriereleiter nach oben gearbeitet. Dabei machte er einen beachtlichen Wandel durch. Als stellvertretender Vorsitzender der SPD-Jugendorganisation Jusos warb er in den achtziger Jahren noch radikalsozialistisch für "die Überwindung der kapitalistischen Ökonomie". Doch durch seine Arbeit als Fachanwalt für Arbeitsrecht mit eigener Kanzlei in Hamburg lernte der Jurist viel darüber, wie Wirtschaft und selbständiges Unternehmertum funktioniert. Das prägte ihn.

Hamburgs Innensenator Olaf Scholz posiert am 29.06.2001 vor der Hauptfeuerwache der Hansestadt mit einem Feuerwehrhelm für die Fotografen.

Als Hamburger Innensenator war Olaf Scholz 2001 auch für die Feuerwehr zuständig

Nicht nur wirtschaftspolitisch wurde Scholz bald dem eher konservativen Flügel der SPD zugeordnet. Als Innensenator in seiner Heimatstadt Hamburg führte er 2001 die zwangsweise Verabreichung von Brechmitteln zur Beweissicherung bei mutmaßlichen Drogendealern ein. Als SPD-Generalsekretär setzte er die Arbeitsmarktreform "Agenda 2010" gegen den Willen vieler linker Parteigenossen mit durch. Diese Reform setzte Arbeitslose auch finanziell stärker unter Druck.

Große Emotionen sind ihm fremd

Da er das geradezu maschinengleich mit sich immer wiederholenden technokratischen Sprechformeln tat, bekam er damals den Spitznamen "Scholzomat", ein Wortspiel aus Scholz und Automat. "Ich war der Verkäufer der Botschaft. Ich musste eine gewisse Unerbittlichkeit an den Tag legen", rechtfertigte sich Scholz später.

Deutschland | Olaf Scholz auf dem Juso-Bundeskongress 2003 in Bremen

Als "Scholzomat" hatte er noch mehr Haare: SPD-Generalsekretär Olaf Scholz im Mai 2003

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Olaf Scholz ist kein Mensch, der große Emotionen zeigen und aus sich herausgehen kann. Das ist ihm fremd. Er ist ein durch und durch beherrschter Mensch. Selbst in Momenten größter Freude erinnert er an einen britischen Butler. Menschen, die ihn gut kennen und schon lange mit ihm zusammenarbeiten behaupten, sie hätten ihn noch nie laut werden oder gar schreien hören, wenn er eigentlich wütend sein müsste.

Wenn ihn etwas aufregt, tritt er höchstens mal von einem Bein auf das andere - und er bekommt rote Ohren. Zu beobachten war das in einem TV-Wahlkampfduell, als Scholz sich von seinem CDU-Konkurrenten ungerechtfertigt angegriffen fühlte.

Doch er arbeitet an seinem Auftreten, wohl wissend, dass man politische Botschaften auch richtig "rüberbringen" muss. Ein gutes Beispiel dafür: Eine Woche vor seiner geplanten Wahl zum Bundeskanzler wandte er sich im Fernsehen mit einem eindringlichen Impfappell an die Zuschauer. Ein Auftritt, der in den sozialen Medien auf große Resonanz stieß. Scholz setzte sichtbar mehr Gestik und Mimik ein und wirkte deutlich zugewandter.

Corona und die finanzielle "Bazooka"

Seit 2007 hatte Olaf Scholz fast durchgehend Regierungsämter inne. Erst als Bundesarbeitsminister, dann als Erster Bürgermeister von Hamburg. 2018 wechselte er aus diesem Amt als Bundesfinanzminister und Vizekanzler zurück nach Berlin. Man sagt ihm nach, dass er beim letzten Wechsel das Kanzleramt bereits im Visier hatte.

In der Corona-Pandemie wuchs sein Einfluss. Der Bundesfinanzminister war derjenige, der für die Milliarden-Hilfen stand. Das wusste er zu nutzen, um sich immer wieder in Szene zu setzen. "Es ist die Bazooka, mit der wir das Notwendige jetzt tun", versprach er bereits im Frühjahr 2020, unmittelbar nachdem die Pandemie auch Deutschland erreicht hatte.

"Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie"

Deutschland kann die Pandemie finanziell verkraften, so lautet seitdem sein Motto. 400 Milliarden Euro neue Schulden wird Deutschland bis Ende 2022 aufgenommen haben. Das Land werde aus diesen Schulden herauswachsen können, versprach Scholz im Wahlkampf: "Davor muss sich niemand fürchten, das haben wir schon einmal geschafft, nach der letzten Krise 2008/2009 und wir werden es wieder schaffen in knapp zehn Jahren."

Olaf Scholz, Bundesminister der Finanzen, aufgenommen im Rahmen seiner Corona-Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca in Berlin, 16.04.2021

Im April 2021 ließ sich Olaf Scholz medienwirksam den in Deutschland umstrittenen Impfstoff von AstraZeneca verabreichen

Im Herbst 2021 zeigt sich allerdings, dass die Pandemie noch lange nicht vorbei ist. Die hohen Infektionszahlen wirken sich negativ auf die Wirtschaft aus. Die Ampel wird neue Schulden machen müssen, um Unternehmen zu stützen. Auf einen Bundeskanzler Olaf Scholz warten enorme Herausforderungen in vielen politischen Bereichen. Dazu kommt das Management einer Regierungskoalition, die aus drei recht unterschiedlichen Parteien besteht.

Auch wenn die Harmonie in den Koalitionsverhandlungen groß gewesen sein mag - die Auseinandersetzungen werden kommen. Dann wird sich Olaf Scholz an einen Satz erinnern, den er schon einmal als Erster Bürgermeister in Hamburg gesagt hat: "Wer bei mir Führung bestellt, der bekommt sie auch."

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