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Lettland hat den Euro

Frank Hofmann, Riga2. Januar 2014

Lettland hat zum Jahreswechsel den Euro übernommen. Das 18. Land der Eurozone hat mit einer drakonischen Sparpolitik nach der Finanzkrise 2008 die Maastricht-Kriterien erreicht. 2009 war das Land fast pleite.

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Euro für Lettland (Foto: DW/Frank Hofmann)
Bild: DW/Frank Hofmann

Eine junge Frau soll die Letten vom Euro überzeugen: Milda, die Landesallegorie, die für sie lächelt von den neuen Ein- und Zwei-Euro-Münzen. Das Mädchen war schon einmal auf eine Münze geprägt: Nach der Unabhängigkeitserklärung Lettlands, 1918, wurde die lettische Währung Lats eingeführt, und der berühmteste Münzdesigner des Landes verewigte seine platonische Liebe, die 29-jährige Zelma Brauere, auf dem ab 1929 geprägten Fünf-Lats-Stück.

Später wurde Lettland Teil der Sowjetunion und der Lats verschwand, bis er nach der Unabhängigkeit, 1991, wieder auftauchte. Auch wieder mit Milda. Doch sie lächelte nur von den großen Scheinen. Mit der Euro-Münze ist die beliebte Milda jetzt jeden Tag in jeder Hand.

Euphorie herrscht dennoch nicht über den Beitritt zur Eurozone. Nur 25 Prozent der Letten waren in einer der letzten Umfragen für den Euro-Beitritt. "Das mit dem Umrechnen ist problematisch", erklärt Einzelhändlerin Dace Kneta auf dem beliebten Blumenmarkt von Riga.

Blumenhändlerin Dace Kneta (Foto: DW/Frank Hofmann)
Die Bürger, wie Blumenhändlerin Dace Kneta, sind eher skeptischBild: DW/Frank Hofmann

Die Euro-Preise sind höher als die in Lats. Nach dem Umrechnungskurs entspricht ein Euro 0,70 alten Lats. Da fühlen sich die Preise emotional gleich teurer an, sagen die Händlerinnen. Und eine Kundin zuckt nur die Schultern: "Es gibt Dinge, die sind einfach unvermeidlich." So sei es eben auch mit der Euro-Einführung. Euphorie klingt anders: Die Letten nehmen die neue Währung hin, begeistert sind sie nicht, nach nur 20 Jahren wieder das eigene Geld aufgeben zu müssen. Zumal die Eurozone ihre Schuldenkrise bislang nicht völlig überwunden hat.

Begeistert dagegen ist vor allem die amtierende Regierung. Finanzminister Andris Vilks verbirgt seinen Stolz nicht: Es gehe um Lettlands Anbindung an den Westen, "da sollten wir eine so wichtige Entscheidung nicht verschieben - nur wegen ein paar externer Faktoren", sagt er im Interview mit der Deutschen Welle.

Lettland war so gut wie pleite

Dass die Letten jetzt mit glänzenden neuen Euros bezahlen können, ist vorläufiger Höhepunkt einer wirtschaftlichen Aufholjagd. 2009 stand Lettland im Zuge der Finanzkrise vor dem Bankrott. Gerettet wurden die 2,3 Millionen Bürger nur mit Finanzhilfen aus Brüssel und dem Internationalen Währungsfonds. Die Regierung setzte einen Sparkurs durch, der keinen verschonte: Renten wurden gekürzt, staatliche Mitarbeiter vor die Tür gesetzt. "Es war", sagt ein Passant in der historischen Altstadt von Riga, "die intensivste Fastenzeit meines Lebens".

Panoramablick auf Rigas Altstadt (Foto: DW/Frank Hofmann)
Stolze Hansestadt: Riga an der DünaBild: DW/Frank Hofmann

Rechts und links sind hier die Fassaden saniert. Riga ist eine stolze, bürgerliche Handelsstadt seit dem Mittelalter. Doch all das hatte Geld gekostet. Mit dem EU-Beitritt 2004 kam der Boom - kreditfinanziert. Dann der Absturz: Die Wirtschaft brach um 17 Prozent ein - in nur einem Jahr. Heute ein ganz anderes Bild: 2014 soll das dritte Wachstumsjahr werden. Mit mehr als vier Prozent, so viel wie in keinem anderen Euro-Land, prognostizierte EU-Währungskommissar Olli Rehn vergangenen November. Das Signal aus Brüssel: Der Sparkurs der Eurozone wirkt.

Der Finanzminister sieht sein Land als Vorbild für die Krisenstaaten in Süd-Europa. "Wir sind ein ziemlich gutes Beispiel", sagt Vilks. Die Ausgaben-konservativen Nordländer der Eurozone, die den deutschen Sparkurs unterstützen, haben mit Lettland einen neuen Verbündeten hinzugewonnen.

Die Staats- und Regierungschefs der bislang 17 Euro-Staaten begrüßen das neue Mitglied der Brüsseler Eurogruppe mit warmen Worten. In einem Lokal im Zentrum von Riga lächeln die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere Euro-Regierungschefs von einer Reihe Fernsehbildschirmen: Grußworte an die Letten in Endlosschleife, zusammengestellt vom Video-Dienst der EU-Kommission, ausgestrahlt vom pro-europäischen Wirt.

Die Bürger sind skeptisch

Dennoch sind auch hier nicht alle überzeugt: Die Erfahrung der Krise hallt nach: Viele Wohnungen und Geschäfte in der Rigaer Innenstadt stehen leer, die Arbeitslosigkeit geht kaum zurück. Mittlerweile liegt sie bei elf Prozent, während das durchschnittliche Monatseinkommen bei 700 Euro stagniert. Vom Rekordwachstum bleibt nur wenig bei den Bürgern hängen. Die nehmen der Regierung vor allem übel, dass sie in der Finanzkrise die Banken gerettet hat, die bis heute nicht über dem Berg sind: Beim aktuellen Banken-Stresstest der Europäischen Zentralbank könnten auch die lettischen Geldhäuser schwanken. Das Bankensystem ist sehr wahrscheinlich noch immer zu groß für den kleinen Baltenstaat. Selbst Finanzminister Andris Vilks räumt ein: "Die Schaffung einer EU-Bankenunion ist eine Herausforderung. Natürlich wird es einige Jahre dauern, die gegenwärtigen Probleme der Eurozone zu lösen."

Und schon droht eine weitere Versuchung: Das neue Euro-Land könnte attraktiv werden für russisches Kapital, und die Politiker könnten Gefahr laufen, sich darauf auszuruhen, anstatt an anderen Geschäftsmodellen für die lettische Wirtschaft zu arbeiten. Eines der größten Geldhäuser des Landes - die Citadele-Bank - wurde verstaatlicht und bis heute nicht wieder privatisiert. Dort zieht Noch-Ministerpräsident Valdis Dombrovskis in der Silvester-Nacht den ersten Euro-Schein aus dem Automaten. Da sind die meisten Bürger nach dem großen Silvester-Feuerwerk schon längst auf dem Weg nach Hause.