Offene Wunden: Black Box BRD | Filme | DW | 28.09.2001
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Filme

Offene Wunden: Black Box BRD

Andres Veiel porträtiert Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen in seinem Dokumentarfilm, der seit dem 24. Mai in den deutschen Kinos läuft.

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Zwei Menschen, wie sie gegensätzlicher kaum gewirkt haben können: Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen. Mutmaßlicher Terrorist der Roten Armee Fraktion der eine, 1993 in Bad Kleinen bei einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben gekommen, charismatischer Vorstandssprecher der Deutschen Bank der andere, 1989 von der RAF ermordet. Beide Männer porträtiert Andres Veiel in seinem Dokumentarfilm "Black Box BRD", der seit dem 24. Mai in den deutschen Kinos läuft. Neben Familienmitgliedern und Freunden kommen auch Zeitzeugen wie Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl und die Bankiers Hilmar Kopper und Rolf E. Breuer zu Wort.

Dem 41-jährigen Berliner Regisseur Andres Veiel ist mit "Black Box BRD" eine vielschichtige Annäherung an die jüngste deutsche Geschichte gelungen. "Junge Leute können dabei sehen, welchen unbedingten Idealismus es damals auf beiden Seiten noch gegeben hat, und ältere könnten Klischees revidieren", sagte Veiel in einem Gespräch mit der dpa. "Den Film habe ich zunächst einmal für mich selbst gemacht, um mir über die Vergangenheit und damit über die Gegenwart klar zu werden". Fast 25 Jahre nach dem "Deutschen Herbst" 1977 scheint die Zeit reif, verstärkt über Ursachen und Folgen, Täter und Opfer der mehr als zwei Jahrzehnte währenden Machtprobe zwischen Staat und RAF nachzudenken.

Wie viele junge Menschen war Wolfgang Grams unzufrieden mit den politischen Verhältnissen in der Nachkriegsgesellschaft. 1953 als Sohn eines einstigen Waffen-SS-Mannes geboren, gehörte er zur dritten Generation der 1968 bis 1970 im Zuge der Studentenrevolte gegründeten RAF, die mit Brandstiftungen und Banküberfällen, Entführungen und Ermordungen hochrangiger Persönlichkeiten das System zerstören wollte.

Grams, nach dem Abitur Zivildienstleistender und Gelegenheitsjobber, engagierte sich 1974 in der Roten Hilfe, die RAF-Gefangene während eines Hungerstreiks unterstützte. Er wurde verhaftet und kam 153 Tage lang in Untersuchungshaft. Von 1984 an lebte er steckbrieflich gesucht mit seiner Weggefährtin Birgit Hogefeld im Untergrund. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei am 27. Juni 1993 im mecklenburgischen Bad Kleinen kam Wolfgang Grams ums Leben.

Der 1930 in Essen geborene Alfred Herrhausen war der "Herr des Geldes" und damit der prototypische RAF-Feind. Als Kind auf einer NSDAP-Eliteschule in Bayern, machte er nach dem Krieg schnell Karriere. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank trieb die Fusion von Daimler mit dem Rüstungskonzern MBB voran, galt als Vorkämpfer für die Globalisierung der Märkte. Am Morgen des 30. November 1989 fiel Herrhausen einem Bombenattentat zum Opfer, ein paar Tage später bekannte sich das RAF-Kommando Wolfgang Beer zur Tat. Wer genau die Mörder waren, ist bis heute nicht geklärt.

Der Film "Black Box BRD" zeigt Grams und Herrhausen als Menschen in ihrer Widersprüchlichkeit. Zementierte Vorstellungen von Täter und Opfer bricht Veiel dadurch auf. Er urteilt nicht über seine beiden Hauptpersonen, sondern lässt seine ruhige und unaufdringliche Montage aus Interviews mit Familienmitgliedern und Weggefährten - allen voran die Eltern von Wolfgang Grams und die Witwe Traudl Herrhausen - privaten Videos, Fernsehausschnitten und heutigen Aufnahmen alter Schauplätze unkommentiert. Welche Motive Terrorist und Banker letztlich angetrieben haben, kann der Zuschauer nur mutmaßen.

Dabei berührt der Film die Spannbreite der menschlichen Möglichkeiten: Der Terrorist, der gesagt hatte, Gewalt sei ein legitimes Mittel, stickte im Gefängnis einen bunten Wandteppich. Den Kontakt zu seinen Eltern ließ er nie abreißen. Das Opfer Herrhausen wird von den mächtigen Kollegen der Bank als zielstrebiger, manchmal kalter Perfektionist beschrieben, als elitär und kompromisslos. Doch auch sein Engagement für einen Schuldenerlass der Banken gegenüber den Ländern der Dritten Welt wird erwähnt, seine Vereinsamung und Isolation, als er für dieses Ziel kämpfte.

Für Regisseur Andres Veiel war es nicht leicht, seine Gesprächspartner für das ungewöhnlliche Prrojekt zu gewinnen. Die zu lebenslanger Haft verurteilte Birgit Hogefeld, Grams' Weggefährtin, verweigerte ihre Mitarbeit und lehnt den Film als "politisch naiv" ab. Es dauerte lange, bis Veiel ehemalige WG-Mitbewohner von Grams, Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank und Herrhausens Freund Helmut Kohl davon überzeugen könnte, dass er nicht vorhatte, einen politischen Film zu drehen.

"Black Box BRD" schildert die jüngste Geschichte der Bundesrepublik von zwei extremen Polen aus. Es ist aber keine Geschichte anonymer Interessengegensätze, sondern über Menschen mit vielen Facetten, auf die man sich einlassen muss, um die großen Ereignisse zu verstehen.

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