"Nuclear": Oliver Stones Plädoyer für die Atomkraft | Filme | DW | 18.09.2022
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Dokumentarfilm

"Nuclear": Oliver Stones Plädoyer für die Atomkraft

Oliver Stone hält Atomkraftwerke für sicher - auch das in Saporischschja. In seinem neuen Dokumentarfilm wirbt er für die Kernkraft: Sie sei die Lösung für die Klimakrise.

Oliver Stone (links) und Joshua S. Goldstein (rechts) im DW-Interview

Oliver Stone hat zusammen mit dem Wissenschaftler Joshua S. Goldstein die Doku "Nuclear" produziert

In der heutigen Gemengelage wirkt der Dokumentarfilm wie eine Provokation: US-Regisseur Oliver Stone hält die Kernenergie für die einzig realistische Lösung für die Klimakrise. Mit Atomkraft könne "saubere Energie" erzeugt und so die Existenz auf dem Planeten Erde gesichert werden. Dabei folgt er vor allem den Argumenten des US-Wissenschaftlers Joshua S. Goldstein, mit dem er über zwei Jahre zusammen arbeitete. 

Doku entstand aus "Gefühl der Angst"

Es sei die Angst vor dem Klimawandel gewesen, die ihn veranlasst habe, den Film zu drehen, so Oliver Stone im Deutsche Welle-Interview: "Ich habe 20 Spielfilme und zehn Dokumentarfilme gemacht. In meinen letzten Lebensjahren möchte ich etwas machen, das den Menschen hilft. Etwas von Bedeutung. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als zu versuchen, das weiterzugeben, was ich von diesem Mann gelernt habe". "Dieser Mann", das ist der Bestseller-Autor Joshua S. Goldstein, emeritierter Professor für internationale Beziehungen an der American University. Goldstein sitzt während des DW-Gesprächs neben ihm. Goldsteins Buch "A Bright Future: How Some Countries Have Solved Climate Change and the Rest Can Follow" (Eine strahlende Zukunft: Wie einige Länder das Problem des Klimawandels gelöst haben und wie der Rest folgen kann), dreht sich um eine Zukunft der Menschheit mit Kernenergie. Es habe Stone zu seinem Film inspiriert.

Oliver Stone mit zerzaustem Haar auf dem Roten Teppich bei der Filmbiennale

"Atomkraft ist sauber, sicher und effizient", meint Oliver Stone.

"Die Menschen müssen verstehen lernen, um die Ignoranz gegenüber Atomkraft zu überwinden", sagt Stone. "Diese Ignoranz hat die Vereinigten Staaten und die ganze Welt in dieses Schlamassel gestürzt. Wir haben uns da selbst hineingeritten."

Joshua S. Goldstein: Weniger Konsum keine Option

Die These, an der Stones Dokumentarfilm ansetzt: In 30 Jahren könne die Menschheit ihren Energiebedarf nicht mehr durch konventionelle oder  grüne Energien abdecken. Im Jahr 2050 würden Indien, China und der afrikanische Kontinent so viel Energie verbrauchen, dass sich die Ressourcen der Erde aufbrauchen werden. Seinen Film versteht Stone als Weckruf.

Filmplakat Nuclear, von Oliver Stone

"Nuclear" feiert auf der 79. Filmbiennale in Venedig Premiere

Schon jetzt seien Indien und China große Energieverbraucher. "Und auch die USA haben sich überhaupt nicht verändert, trotz all des Geredes und des Unsinns, den sie über erneuerbare Energien und ihren neuen Lebensstil erzählen. Sie tun nichts gegen die Gesamtanreicherung von Kohlendioxid", so Stone.

Auf die Frage, ob man nicht den Energieverbrauch reduzieren könne, indem man das Konsumverhalten verändere - was in der aktuellen Energiekrise in Europa diskutiert wird - antwortet Goldstein: "Man kann den Menschen in Indien, Indonesien, Vietnam und China nicht sagen, dass sie weniger konsumieren sollen als jetzt. Das wird nicht passieren. Sie wollen mehr, sie werden mehr haben. Wenn sie eine saubere Energiequelle wie die Kernenergie haben, die funktioniert, werden sie sie nutzen. Und wenn sie sie nicht haben, werden sie Kohle verwenden. Und das ist das Problem."

Trailer von Oliver Stones neuem Dokumentarfilm "Nuclear"

Genau diese Aussage macht die Doku fragwürdig: Es mag stimmen, dass Kernreaktoren bei der Stromerzeugung kaum Kohlendioxid ausstoßen, doch laut dem deutschen Bundesumweltamt entstehen Treibhausgase besonders vor und nach der Stromproduktion, etwa beim Uranabbau, beim Kraftwerksbau oder -rückbau bis hin zur Endlagerung. Auf diese Sachverhalte gehen Stone und Goldstein nicht ein, oder kratzen sie nur oberflächlich an.

Deutschland als Negativbeispiel

Die Öl-, Gas- und Kohlekonzerne profitierten immer noch zu viel von der Klima-Katastrophe - ein Verbrechen laut Stone. Deutschland, das er in seiner Doku häufig erwähnt, nennt er als Negativbeispiel für verfehlte Umweltpolitik - wegen des beschlossenen Ausstiegs aus der Kernkraft. "Deutschland ist ein gutes Beispiel für eine fehlgeleitete Politik. Die Grünen in Deutschland sollten sich sehr über diese Unternehmen aufregen, anstatt sich über die Atomkraft aufzuregen", fügt er hinzu.

Deutschland beschloss den Atomausstieg nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima im Jahr 2011. Die Ereignisse in Japan lösten damals eine gesellschaftspolitische Debatte über die weitere Nutzung der Atomenergie aus. Stone sagt, es gebe eine grundlegende Verwirrung zwischen Atomkraft, Atomkrieg und Atombomben. Es sei unmöglich, dass ein Reaktor auf die gleiche Weise explodiert wie eine Atombombe. "Es gibt all diese Ängste. Angst tötet den Verstand. Sie tötet die Kreativität. Der Mensch muss wachsen."

Doch er sieht in Deutschland noch Potenzial zum Umdenken. "Es gibt zum Glück eine neue, junge Generation - nur so können wir von diesen alten Ideen wegkommen". Das bestätigt eine vom Spiegel in Auftrag gegebene Umfrage: Sie hat ergeben, dass eine Mehrheit der Deutschen (78 Prozent) angesichts drohender Versorgungsengpässe bei Gas und Strom dafür wäre, die Atomkraftwerke im Land weiter zu betreiben. 

"Atomenergie ist sicher" - auch in Katastrophenfällen

Die Atomenergie sei eine sichere Form der Energiegewinnung, meinen Stone und Goldstein: "Man hat uns eine Lüge über die Kernenergie eingetrichtert. Nämlich dass jeder Unfall, jede Freisetzung von Strahlung eine Katastrophe für die Welt bedeutet". Aber Fakt sei, betont Goldstein, dass wir die ganze Zeit mit Strahlung, mit geringer Strahlung, lebten. Unser Körper sei dafür gebaut. Unsere DNA repariere sich selbst, führt der Wissenschaftler Goldstein aus.

Das Gefahrenpotenzial von AKWs relativiert Oliver Stone in seinem Film. Katastrophen wie Fukushima oder Tschernobyl seien Einzelfälle gewesen. Goldstein sagt: "In Fukushima ist etwas Strahlung ausgetreten, aber sie hat niemandem wirklich geschadet. In Tschernobyl gab es natürlich mehr Strahlung. Aber dort wurden mehr Menschen verletzt, weil sie das Feuer bekämpfen mussten und nicht davor geschützt waren." Auf die Langzeitfolgen der Katastrophen von Fukushima und Tschernobyl geht er nicht ein. 

Soldat steht vor dem Atomkraftwerk Saporischschja

Das von russischen Truppen besetzte Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine bereitet Sorgen über eine mögliche Nuklearkatastrophe

Aktuell gibt das von russischen Truppen besetzte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja Grund zur Sorge. Dort ist die Gefahr einer Nuklearkatastrophe laut der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) deutlich erhöht. Doch Stone und Goldstein relativieren auch diese Gefahr: "Selbst wenn dort die Stromleitung ausfällt oder die Dieselgeneratoren nicht funktionieren: Die Kernkraft ist immer noch im Sicherheitsbehälter eingeschlossen. In Tschernobyl war das beispielsweise nicht der Fall. Und selbst wenn etwas Strahlung austritt, wäre sie gering. Sie wird den Menschen nicht schaden. Das wäre eher unwahrscheinlich." In Anbetracht des Krieges in der Ukraine, bei dem Zehntausende von Menschen sterben, sei das ein sehr geringes Problem. "Es ist eine irrationale Angst. Die Verseuchungsangst wurde uns in den Kopf gesetzt, um uns Angst vor der Atomkraft zu machen."

Außerdem merkt Stone an, man solle sich nicht vom Krieg ablenken lassen, denn "der Krieg kommt und geht, aber leider wird der Klimawandel nicht kommen und gehen". Er sei das wichtigste Thema unserer Zeit. "Wenn der Krieg vorbei ist, werden wir immer noch ein Problem mit der Energieversorgung haben. Und wenn wir das nicht lösen, sind wir aufgeschmissen."

"Kernenergie ist gefährlich, weil die Ölkonzerne das sagen"

Für Oliver Stone ist die von Forschenden und Umweltschützern behauptete Gefährlichkeit der Kernenergie nur auf Wettbewerb und Interessenkonflikte zurückzuführen. Stone und Goldstein kritisieren die Rolle von Öl-, Gas- und Kohlegesellschaften: Diese hätten ein Interesse daran, die Atomkraft zu diskreditieren. "Die Öl- und Kohlegesellschaften haben sicherlich etwas dazu beigetragen, die Angst zu schüren", gibt Stone zu bedenken. "Sie wollen nicht, dass die Kernenergie die Vorherrschaft des Öls beendet. Und das bis zum Schluss." 

Kontroverse auf Social Media

Auf Social Media tobt derweil eine eifrige Debatte um Oliver Stones neues Werk. Während die einen seine Ansichten teilen, weisen andere darauf hin, dass der Film unausgewogen zugunsten der These des Regisseurs sei - und letztlich wenig glaubwürdig.

Eine Twitter-Nutzerin kritisiert Oliver Stone direkt in seinem Channel: "Sie sollten sich schämen. Bei jedem Schritt des Prozesses wird Kohlenstoff verwendet. Das ist teuer, kann nicht versichert werden und erfordert viel Wasser zur Kühlung der abgebrannten Brennstäbe. Niemand will die Abfälle abnehmen. Es könnte zu Kernschmelzen kommen. Und wir brauchen das nicht!"

"Die Doku basiert auf Fakten"

Doch Oliver Stone verteidigt seine Doku: Goldsteins Buch, auf das er sich bezieht, basiere auf Fakten. Um seine These zu untermauern, reiste der Filmemacher zwei Jahre lang durch unterschiedliche Länder - durch Russland, Frankreich ("dem vielleicht fortschrittlichsten Atomland der Welt") und die Vereinigten Staaten - interviewte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und sprach mit Menschen über ihre Ängste.

Oliver Stone unterzeichnet Autogrammkarten in Venedig auf dem Roten Teppich

Oliver Stones neuer Dokumentarfilm wird kontrovers diskutiert

Lange sei die Atomkraft als Energieform abgelehnt worden, so Stone, aber heute werde sie wieder in Betracht gezogen. Grüne Energie sei nicht zuverlässig genug. "Ich mag erneuerbare Energien, aber sie kosten Geld, sie brauchen Platz, Wind und Sonne sind wetterabhängig und bieten keine Sicherheit und keine großen Mengen".

Oliver Stones Film "Nuclear" ist eine Provokation auf der Kinoleinwand. Ob die Atomindustrie ihn unterstützt hat, ist nicht bekannt.

"Nuclear" feierte an den 79. Internationalen Filmfestspielen von Venedig Premiere. 

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