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NSU-Prozess: Zschäpes treue Freundin

Marcel Fürstenau, z. Z. München21. Januar 2016

Die Hauptangeklagte lässt Antworten auf Fragen des Strafsenats verlesen. Wie war das Leben im Untergrund? Wer hat Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt geholfen? Marcel Fürstenau berichtet aus dem Gerichtssaal in München.

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Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe (M.) zwischen ihren Verteidigern Hermann Borchert (l.) und Mathias Grasel (r.)
Beate Zschäpe zwischen ihren Verteidigern Hermann Borchert (li) und Mathias Grasel (re.)Bild: picture-alliance/dpa/P. Kneffel

Moralisch fühlt sich Beate Zschäpe schuldig, aber strafrechtlich will sie keine Verantwortung übernehmen für die Morde und Bombenanschläge des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Das war der Tenor ihrer am 9. Dezember von ihrem Pflichtverteidiger Mathias Grasel verlesenen Erklärung.

Der erst seit dem vergangenen Sommer für Zschäpe tätige Anwalt machte damals deutlich, seine Mandantin würde anschließend nur Fragen des Strafsenats beantworten - und zwar schriftlich. Damit wurde allgemein schon vor einer Woche gerechnet, der Vorsitzende Richter Manfred Götzl verzichtete aber darauf, ohne Begründung.

Am Donnerstag aber ist es so weit. Diesmal ergreift Zschäpes inzwischen fünfter Verteidiger, Hermann Borchert, das Wort. Rund eine Stunde trägt er in der Ich-Form die Antworten der Hauptangeklagten auf Götzls eingereichte Fragen vor. Die drehen sich nicht um einzelne Tatvorwürfe, sondern im Wesentlichen um das Leben im Untergrund. Zschäpe war im Januar 1998 mit ihren Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos abgetaucht, als sie wegen rechtsextremistischer Straftaten ins Visier der Polizei geraten waren.

Böhnhardt der Waffennarr, Mundlos der Zyniker

Götzl will nun wissen, wie Zschäpes Verhältnis zu den beiden Männern war. "Die beiden brauchten mich nicht, aber ich brauchte sie", lautet die Antwort. Das weiß der Richter, das weiß die Öffentlichkeit bereits seit sechs Wochen. Immer wieder kommen Verweise auf die Dezember-Aussage.

Etwa, dass Zschäpe finanziell und emotional abhängig von den Männern gewesen sei. Von den beiden Uwes, die sich am 4. November 2011 mutmaßlich selbst richteten, um nach einem misslungenen Banküberfall in Eisenach ihrer Festnahme zu entgehen. Dass sie sich das Leben würden, bevor sie ins Gefängnis gingen, davon hätten sie immer wieder geredet. Auch das war schon bekannt.

Böhnhardt der Waffennarr, der auch mal gegen sie "handgreiflich" geworden sei, Mundlos der beleidigende Zyniker - dieses Bild ihrer "Ersatzfamilie" zeichnet Zschäpe ein zweites Mal. Und wieder die Betonung, in keiner Weise an den zehn Morden, den zwei Bombenanschlägen und zahlreichen Raubüberfällen beteiligt gewesen zu sein.

Dass ihre Freunde Menschen umbringen könnten, habe sie nicht für möglich gehalten, "bevor sie mir vom Mord an Enver Simsek erzählt hatten". Der Blumenhändler war am 9. September 2000 das erste NSU-Mordopfer. Er erlag zwei Tage später seinen schweren Verletzungen. Auch Zschäpes angebliches Entsetzen darüber und die vielen weiteren Morde bis 2007 sind nichts Neues.

Infografik mit den Namen und Todesdaten der NSU-Mordopfer sowie den Tatorten.

Besuch im Untergrund mit kleinen Kindern

Bestenfalls die Angaben zum Unterstützerkreis des NSU-Trios sind insofern aufschlussreich, als sie zweierlei zu bestätigen scheinen: dass die Anklage der Bundesanwaltschaft weitgehend richtig ist und dass die Untergetauchten mehr Helfer hatten, als auf der Anklagebank sitzen.

Etliche von ihnen haben in dem mittlerweile zwei Jahre und acht Monate dauernden NSU-Prozess als Zeugen ausgesagt. Ihr Erinnerungsvermögen war meistens lückenhaft. Mit der Frau des Angeklagten André E. hat sich Zschäpe ihren Angaben zufolge seit 2006 regelmäßig getroffen. Es war das Jahr, in dem der NSU zwei Menschen ermordete. Zschäpe will davon ja immer erst im Nachhinein erfahren haben.

"Ich war machtlos und fühlte mich wie betäubt", lautet am 257. Verhandlungstag ein Satz aus den verlesenen Antworten auf die Fragen des Richters. Wenn sich die Hauptangeklagte aber im Untergrund mit ihrer Freundin Susann E. und deren kleinen Kindern traf, hat ihr das gutgetan, "weil ich selbst keine hatte".

Als Zschäpe nach dem mutmaßlichen Freitod ihrer Komplizen die gemeinsam genutzte Zwickauer Wohnung in Brand setzt, kommt es zu einem letzten Treffen. Die Freundin bringt ihr frische Sachen zum Anziehen, "weil meine Kleidung nach Benzin stank". Schon bei anderen Gelegenheiten war auf Susann E. Verlass. Mit Hilfe ihres Personalausweises und ihrer Krankenkassenkarte täuschte Zschäpe eine falsche Identität vor.

Wohllebens Verteidiger verlieren langsam die Nerven

All das hätte wahrscheinlich auch André E. im Laufe des NSU-Prozesses erzählen können. Doch der wegen Beihilfe Angeklagte schweigt weiterhin - als Einziger. Nach den frühzeitigen Aussagen von Carsten S. und Holger G. haben zuletzt Zschäpe und der mutmaßliche Tatwaffen-Beschaffer Wohlleben ausgesagt oder aussagen lassen. Der frühere NPD-Funktionär scheint unter dem Eindruck der Zschäpe-Einlassungen immer nervöser zu werden.

Ralf Wohlleben am 257. Verhandlungstag im NSU-Prozess (Foto: Peter Kneffel/dpa)
Der Angeklagte Ralf Wohlleben - seine Anwälte monieren Mundwinkel-Bewegungen auf der RichterbankBild: picture-alliance/dpa/P. Kneffel

Seine Verteidiger stellen am Donnerstag gleich zwei Befangenheitsanträge - gegen den Vorsitzenden Richter Götzl und die beisitzende Richterin Michaela Odersky. Ihr Mandant habe die Sorge, dass Götzl "ihm und seiner Sache nicht unvoreingenommen gegenüber steht", hieß es.

Götzls Kollegin halten Wohllebens Verteidiger vor, während der Ausführungen ihres Kollegen Wolfram Nahrath "den linken Mundwinkel leicht nach oben" gezogen und "abschätzig" gelächelt zu haben. Vor allem der zweite Antrag löst spürbare Erheiterung aus, zumindest auf der voll besetzten Besucher-Tribüne. Es sind nicht die ersten Befangenheitsanträge im NSU-Prozess und sie dürften ebenso erfolglos bleiben wie frühere.