NS-Täter freigesprochen: ″Der Fall Collini″ als Kinostoff | Filme | DW | 18.04.2019
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Romanverfilmung

NS-Täter freigesprochen: "Der Fall Collini" als Kinostoff

Schon das Buch war ein Bestseller. Ferdinand von Schirachs erster Roman "Der Fall Collini" über einen Justizskandal begeisterte 2011 die Leser. Jetzt ist der Roman verfilmt worden - mit einer überraschenden Besetzung.

Auch der Film dürfte das Potential zum Bestseller haben. Und das nicht nur, weil im gleichnamigen Kino-Film (Kinostart 18. April) ein spannender Justizskandal vor brisantem historischen Hintergrund behandelt wird. Für die Besetzung der Hauptrolle haben sich die Produzenten einen Coup ausgedacht. Elyas M'Barek, Deutschlands Teenie-Schwarm Nummer eins, spielt die Hauptrolle.

Der Schauspieler, der in den drei Folgen des Kinohits "Fack ju Göhte" die Deutschen zwischen 2013 und 2017 millionenfach in die Kinos lockte und die Schul-Komödien zu einem der größten Publikumserfolge des deutschen Films der letzten Jahren machte, spielt einen smarten Jung-Anwalt, einen Verteidiger mit wenig Erfahrung, frisch von der Uni. Elyas M'Barek ist Casper Leinen, der als Pflichtverteidiger im "Fall Collini" eingesetzt wird.

Ein schwieriger historischer Stoff - aufbereitet auch für ein jüngeres Publikum

Dieser Fall hat es in sich. Viele Zuschauer dürften von dem 1968 in der Bundesrepublik beschlossenen "Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten" noch nie etwas gehört haben. Es sorgte damals für einen großen Justizskandal und eine gesellschaftliche Debatte. Doch das ist lange her. Diejenigen, die den Roman "Der Fall Collini" vor ein paar Jahren gelesen haben, werden den historischen Hintergrund möglicherweise noch im Kopf haben - eine jüngere Generation hingegen kaum noch.

Filmszene Der Fall Collini (2019 Constantin Film Verleih GmbH)

Elyas M'Barek tappt zunächst, wie die Zuschauer, lange im Dunkeln

"Mir geht es darum, komplizierte Stoffe so aufzubereiten, dass sie nicht nur für eine kleinere Randgruppe interessant sind", sagt Produzent Christoph Müller: "Denn wir wollen ja eine Diskussion anstoßen über Themen wie Rechtsstaat, Rache, Verjährung, Selbstjustiz, Gerechtigkeit - und diese Debatte sollte nicht nur von der älteren Generation geführt werden." Deshalb, so der Plan der Produzenten, die Besetzung mit dem populären jungen Star - in einem Film, in dem es unter anderem um grausige nationalsozialistische Verbrechen geht.

Das "Dreher-Gesetz": juristische Spitzfindigkeiten mit fatalen Folgen

Das Gesetz, das der Bundestag im Mai 1968 beschloss - umgangssprachlich auch "Dreher-Gesetz" tituliert - sorgte dafür, dass viele Mordtaten plötzlich verjährt waren - weil sie nach dem neuen Gesetzestext nicht mehr als Mord bewertet wurden, sondern lediglich als Totschlag. Und Totschlag verjährte nach der neuen deutschen Rechtsprechung irgendwann - im Gegensatz zu Mord.

Filmszene Der Fall Collini (2019 Constantin Film Verleih GmbH)

Der europäische Kinostar Franco Nero spielt eindrucksvoll Fabrizio Collini

Das betraf - so der fatale Hintergrund des Gesetzes - viele NS-Mörder. Konkret hieß das: NS-Mörder konnten reihenweise nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden, weil sie nicht mehr als Täter, sondern lediglich als Gehilfen eingestuft wurden. Ihre Taten galten somit "nur" noch als Totschlag. Das besonders perfide an dem neuen Gesetz: Einer der Mitinitiatoren war ein gewisser Eduard Dreher, der im Justizministerium der Bundesrepublik damals an entscheidender Stelle saß.

Das Gesetz wurde auch als Selbstschutz auf den Weg gebracht

Dreher war während des Nationalsozialismus als Staatsanwalt am Sondergericht in Innsbruck tätig und für viele Todesurteile verantwortlich. Historiker gehen heute davon aus, dass Dreher das Gesetz 23 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs somit auch aus ideologischen und eigennützigen Gründen auf den Weg gebracht hat.

Filmszene Der Fall Collini (2019 Constantin Film Verleih GmbH)

Die Sekunden vor der Tat: Collini (Franco Nero, l.) und Hans Meyer (Manfred Zapatka)

Ferdinand von Schirach hatte den historisch brisanten Justiz-Stoff des Romans 2011 in eine spannende Handlung gegossen, die sich auf reale Fälle bezog. Der Autor hatte diese zuvor sorgsam recherchiert.

Im Film bekommt der junge, unerfahrene Casper Leinen als Pflichtverteidiger die Aufgabe, den 70-jährigen Fabrizio Collini (gespielt von Italo-Western-Legende Franco Nero) zu verteidigen. Collini hatte den angesehenen deutschen Industriellen Hans Meyer erschossen und sich anschließend teilnahmslos festnehmen lassen. Über die Motive seiner Tat schweigt Collini beharrlich.

Der Zuschauer tappt im "Fall Collini" lange im Dunkeln

Der Film zeigt Casper Leinen bei seiner Recherchearbeit: Warum nur, fragt er sich (gemeinsam mit den Zuschauern), hat Collini Meyer überhaupt umgebracht? Was waren seine Motive? Und warum schweigt er nun? Regisseur Marco Kreuzpaintner, der schon in Hollywood gearbeitet hat ("Trade" 2007 mit Kevin Kline) und zuletzt mit der für "Amazon" inszenierten Serie "Beat" überzeugen konnte, hat aus der Buchvorlage ein bis zum Ende spannendes Kinostück gemacht.

Filmszene Der Fall Collini (2019 Constantin Film Verleih GmbH)

Sie hat Verbindungen zu allen Parteien im Film: Johanna Meyer (Alexandra Maria Lara)

Hans Meyer, das stellt sich im Verlaufe der Handlung heraus, war einst in Italien ein skrupelloser SS-Offizier, der unter anderem für den Tod von Collinis Vater verantwortlich war. Meyer, da lässt der Film keinen Zweifel, war ein grausamer nationalsozialistischer Täter, der in Italien bestialische Morde beging bzw. sie ausführen ließ. Durch die Rechtssprechung von 1968 wurde er "entlastet" und musste sich nie seiner Verantwortung stellen.

Elyas M'Barek kann in der Rolle des Anfangs naiven Verteidigers überzeugen

"Der Fall Collini" erzählt seine Story als klassischer Justizthriller mit vielen Rückblenden in die Vergangenheit und stellt dabei Fragen: "Mich hat vor allem das Thema Gerechtigkeit interessiert", sagt Regisseur Kreuzpaintner: "Die Frage, ob das, was wir Recht nennen, auch immer gerecht ist." Der Film sei für ihn "etwas, das heutzutage sehr selten geworden ist, nämlich ein im besten Sinne 'moralischer' Filmstoff: eine Geschichte, in der man sich über eine Ungeheuerlichkeit empören darf und einen Helden dabei begleitet, wie er ein Stück weit für mehr Gerechtigkeit sorgt."

Elyas M'Barek macht seine Sache im Übrigen ausgezeichnet. In dem hochkarätig besetzten, historisch brisanten Justiz-Thriller überzeugt der in München geborene österreichische Schauspieler mit tunesischen Wurzeln als sympathischer Anwalt, der für die eine gute Sache kämpft.

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