Novi Sad: Kontroversen in der neuen Kulturhauptstadt Europas | Europa | DW | 14.01.2022
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Serbien

Novi Sad: Kontroversen in der neuen Kulturhauptstadt Europas

Novi Sad läutet das Jahr als Kulturhauptstadt Europas mit einem Open-Air-Spektakel ein - und mit Kontroversen. Stadt und Organisatoren sind stolz, Vertreter der freien Kunstszene sehen das Event äußerst kritisch.

Serbien | Eröffnungsfeier Novi Sad Kulturhauptstadt 2022

Novi Sad ist 2022, neben Kaunas und Esch an der Alzette, Kulturhauptstadt Europas. Nicht ohne Kontroversen

Die nordserbische Stadt Novi Sad am Abend des 13. Januar 2022 um exakt 20.22 Uhr: Hunderte Balletttänzer, Sänger und Akrobaten sowie eine traditionelle serbische Blaskapelle eröffnen offiziell das Jahr Novi Sads als Kulturhauptstadt Europas. Als erster Ort außerhalb der Europäischen Union ist die 250.000-Einwohner-Stadt an der Donau in den kommenden zwölf Monaten kulturelles Zentrum des Kontinents - zusammen mit Kaunas in Litauen und Esch an der Alzette in Luxemburg.

Unter dem Motto "Für neue Brücken" sind rund 3000 Ausstellungen, Konzerte, Ballettaufführungen und andere Kulturveranstaltungen geplant. Ein Aspekt, den die Stadt dabei betont, ist ihre reiche multiethnische und multikulturelle Geschichte - in Novi Sad lebten seit Jahrhunderten Serben, Kroaten, Ungarn, Rumänen, Juden, Deutsche und viele andere. Und: Als Vermächtnis soll das Jahr als Kulturhauptstadt Europas in Novi Sad eine kulturelle Infrastruktur hinterlassen, die das gesamte kulturelle Leben dort langfristig verbessert.

Infografik Karte Serbien DE

Doch so schön das klingt, so überschattet ist das Event Kulturhauptstadt-Jahr von Kontroversen. Es geht um Konflikte zwischen den Organisatoren und der freien Kunstszene, um intransparente Ausgaben und um die Frage, wie nachhaltig das Jahr 2022 für Novi Sads Kultur wirklich wird.

Anerkennung von außen, Kritik von innen

"Wir haben dieses Jahr nicht vorbereitet, damit der Zirkus anschließend wieder aus unserer Stadt verschwindet", sagt Nemanja Milenkovic, Direktor der Stiftung "Novi Sad - Kulturhauptstadt Europas", der DW. Seine Institution habe von Anfang an versucht, das Kulturhauptstadt-Jahr zur dauerhaften Verstärkung der lokalen Kulturkapazitäten zu nutzen - also genau darauf zu achten, was am Ende davon in der Donaustadt bleibe. Milenkovic betont beispielsweise, dass Novi Sad bereits eine neue Musik- und Ballettschule sowie einen neuen Konzertsaal erhielt und bis Jahresende noch Kulturinvestitionen in zweistelliger Millionenhöhe folgen sollen.

Europäische Kulturhauptstadt Novi Sad, Serbien

Die Altstadt von Novi Sad unter dem Festungshügel Petrovaradin

Die erste Auszeichnung für in den Vorbereitungsjahren begonnene Maßnahmen hat die Stiftung bereits erhalten. Ende 2021 zeichnete die Berliner Causales GmbH, eine der führenden Agenturen für Kulturmarketing und Kultursponsoring in Europa, Novi Sad mit dem Titel "Beste europäische Trendmarke im Kulturbereich" aus. Der Preis würdigt neue "Kulturstationen" - alte, bis dahin leerstehende Fabriken und Lagerhäuser, die für Ausstellungen und andere Kulturveranstaltungen nutzbar gemacht wurden - sowie das Festival "Kaleidoskop der Kultur" und das Begrüßungsprogramm "Empfang".

Vor allem Spektakel?

"'Empfang' ist eine einzigartige künstlerische Feier von zwei Neujahrsfesten, die mit der identitätsstiftenden multikulturellen Natur Novi Sads verbunden sind," erklärt Milenkovic. Tatsächlich wird Neujahr in Novi Sad traditionell bei den serbisch-orthodoxen Bürgerinnen und Bürgern nach dem julianischen Kalender gefeiert, also am 14. Januar - und bei den Katholiken nach dem gregorianischen am 24. Dezember. Zudem wird sowohl auf kyrillisch als auch auf lateinisch geschrieben, was vielerorts das Stadtbild prägt.

Europäische Kulturhauptstadt Novi Sad, Serbien

Die neue Ballett- und Musikschule von Novi Sad

"Das Ganze ist vor allem Spektakel", meint dagegen Branka Curcic von der "Gruppe für konzeptuelle Politik", einer lokalen Bürgervereinigung, die sich unter anderem für die Kulturszene Novi Sads einsetzt, im Gespräch mit der DW. Schon 2018 hat die Kulturwissenschaftlerin einen Brief an die Expertenjury zur Bewertung der Novi Sader Vorbereitungen geschrieben - und davor gewarnt, dass Kulturhauptstadt Europas zu sein für viele in ihrer Stadt nur ein weiteres Festival bedeute. Die beiden größten Veranstaltungen des Kulturhauptstadtjahres - Empfang und Kaleidoskop - seien eigentlich selbst Festivals.

Dazu passt, dass die führenden Mitglieder der Stiftung ehemalige oder aktuelle Organisatoren des internationalen Musikfestivals "Exit" sind, das seit 20 Jahren alljährlich in Petrovaradin, der über Novi Sad thronenden Habsburger-Festung stattfindet. "Diese Festivals sind einerseits Simulationen echter kreativer Prozesse - und gleichzeitig vernachlässigen sie die tatsächlichen Bedürfnisse und Potenziale von uns allen, die wir in dieser Stadt leben", meint Curcic.

Schließung des alternativen Kulturzentrums

Eine der größten Kontroversen gab es um die Transformation des so genannten "Chinesischen Viertels" von Novi Sad in einen Kreativbezirk - was zum Symbol des Konflikts zwischen Stiftung und freier Szene wurde. Auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik war Jahre zuvor ein Zentrum alternativer Kultur mit Clubs, Ateliers, Handwerksbetrieben und Musikstudios entstanden. Die wurden geschlossen, nachdem die Stadtoberen erfahren hatten, dass Novi Sad Kulturhauptstadt werden würde - ohne die bisherigen Betreiber darüber zu informieren, wann und unter welchen Bedingungen sie zurückkehren könnten.

Europäische Kulturhauptstadt Novi Sad, Serbien

Kulturstation Svilara in Novi Sad

"Zwischenzeitlich wurde uns alles Mögliche versprochen, aber immer nur mündlich", sagt der Maler Boris Lukic aus Novi Sad, der im Viertel sein Atelier hatte, der DW. "Geht es nach der Stadt, dann sollen wir sie praktisch heiraten wie eine Braut, die wir noch nie gesehen haben."

"Wir haben unser Wort gegeben und werden es halten", bekräftigt dagegen Kulturhauptstadt-Direktor Milenkovic: "Alle, die im Chinesischen Viertel waren und regelmäßig ihre Rechnungen bezahlt haben, können in den neuen Bezirk zurückkehren." Bis dahin werde das Viertel für Veranstaltungen im Rahmen des Kulturhauptstadt-Programms gebraucht.

Festivalkulissen

Eine Folge der Vertreibung der freien Kunst- und Kulturszene aus dem Viertel ist das tiefe Misstrauen, dass zwischen der Stiftung und vielen Künstlern in Novi Sad herrscht. Verstärkt wurde es durch zahlreiche Skandale, die das kulturelle Leben der Stadt in den vergangenen Jahren prägten: von der Zensur mancher Ausstellungen über unerklärliches Entfernen von Gemälden, willkürliche Zerstörung von Kulturdenkmälern bis hin zu undurchsichtigen öffentlichen Ausschreibungen.

Weltspiegel | Novi Sad, Serbien | Exit Festival

Das "Exit"-Festival in Novi Sad im Juli 2021

Viele Kulturschaffende wollen nicht so recht glauben, dass ein Jahr als Kulturhauptstadt all das ändern kann. "Ich erwarte nichts Gutes", sagt Branka Curcic. Die erhoffte Demokratisierung der Kunst- und Kulturproduktion habe schon in der Vorbereitungsphase nicht stattgefunden. "Jetzt werden wir sehen, wie die meisten Projekte, die angeblich der kulturellen Infrastruktur dienen sollen, zu Festivalkulissen werden."

Tiefes Misstrauen

"Wenn Misstrauen der größte Kritikpunkt an meiner Arbeit ist, dann ist das tatsächlich das größte Kompliment, das man mir machen kann", sagt dazu der Stiftungsdirektor Milenkovic. "Denn das heißt: Es gibt keine Kritik mehr an der künstlerischen Vision oder daran, dass etwas nicht gebaut, nicht gemacht wurde. Bezweifelt wird nur noch, ob das, was wir geschaffen haben, überlebt."

Serbien, Novi Sad | Porträt von Vojislav Seseljan einer Hausfassade

Porträt von Vojislav Seselj während der Eröffnungszeremonie zum Kulturhauptstadt-Jahr in Novi Sad am 13.01.2022

Antworten auf diese Frage wird es erst geben, wenn die Kulturhauptstadt-Party vorüber ist. Unterdessen hat sie schon am Abend der Eröffnung in merkwürdigem Ambiente begonnen. Die feierliche Eröffnungszeremonie fand vor einem Regierungsgebäude im Novi Sader Zentrum statt. Unmittelbar daneben prangt auf einem Gebäude der rechtsextremen Serbischen Radikalen Partei (SRS) schon seit langem ein riesiges Porträt ihres Vorsitzenden: Vojislav Seselj, der vom Jugoslawien-Tribunal in Den Haag unter anderem wegen Beteiligung an ethnischen Vertreibungen rechtskräftig als Kriegsverbrecher verurteilt wurde. Warum die Organisatoren diese unglückselige Symbolik nicht vermeiden konnten, wollte auf Nachfrage der DW bisher niemand der Beteiligten beantworten.