Notstand in Genua nach Brücken-Tragödie | Aktuell Europa | DW | 15.08.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Italien

Notstand in Genua nach Brücken-Tragödie

Materialfehler, Unwetter, menschliches Versagen? Nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua wird nun nach Schuldigen gesucht. Italiens Regierung will dem Betreiber die Lizenz entziehen und richtet Vorwürfe an die EU.

Video ansehen 03:11
Jetzt live
03:11 Min.

Lage am Unglücksort: Michael Kadereit aus Genua

Nach dem Brücken-Einsturz im italienischen Genua mit derzeit 39 Todesopfern mehren sich in Italien die Schuldzuweisungen. Regierungsmitglieder machten den privaten Betreiber der Autobahn für das Unglück verantwortlich.

Gegen den Betreiber Autostrade per l'Italia seien Schritte eingeleitet worden, um die Lizenz für die Straße zu entziehen und eine Strafe von bis zu 150 Millionen Euro zu verhängen, erklärte Verkehrsminister Danilo Toninelli auf Facebook. Er forderte das Management zum Rücktritt auf. Auch der Fünf-Sterne-Chef und Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio machte das Unternehmen für die Tragödie verantwortlich.

EU als Sündenbock?

Auch Innenminister Matteo Salvini sprach sich für einen Entzug der Lizenz aus. Das sei das Mindeste, was man erwarten könne. Salvini ging noch einen Schritt weiter und fand die Schuldigen in Brüssel. Ihm zufolge stehen der Sicherheit des Landes auch die strengen europäischen Defizitregeln im Wege: Geld, das für die Sicherheit ausgegeben werde, dürfe "nicht nach den strengen Defizitregeln berechnet werden, die Europa uns auferlegt", sagte der EU-kritische Politiker dem Sender Radio24. "Immer muss man um Erlaubnis fragen, um Geld auszugeben", prangerte er an. Davon dürfe aber nicht die Sicherheit auf den Straßen, bei der Arbeit und in den Schulen, "in denen immer mal wieder die Decken einstürzen", abhängen.

Italien A10 Autobahnbrücke Morandi in Genua eingestürzt (Reuters/S. Rellandini)

Schwierige Bergungsarbeiten: Mit jedem entfernten Stück muss das Risiko für Einsatzkräfte neu berechnet werden

Nach dem Brückeneinsturz hat Regierungschef Giuseppe Conte unterdessen für Genua den Notstand ausgerufen. Der Ausnahmezustand solle für zwölf Monate gelten, sagte Conte nach einem außerordentlichen Treffen des Ministerrats in der nördlichen Hafenstadt. "Wir wollten diesem Treffen einen symbolischen Wert geben", sagte der Ministerpräsident. Zudem stellte die Regierung fünf Millionen Euro Nothilfe zur Verfügung. Conte sagte weiter zu, einen Kommissar für den Wiederaufbau Genuas einzusetzen.

Die ganze Nacht hindurch suchten Rettungskräfte nach Überlebenden und bargen Leichen zwischen den gewaltigen Trümmern. "Seit gestern sind verschiedene Fahrzeuge gefunden worden und es gibt noch immer Fahrzeuge, die zu sehen sind", sagte Federica Bornelli vom Roten Kreuz. "Der Einsatz hat sich nicht verlangsamt." Doch die Bergungsarbeiten gestalten sich schwierig: Ein einziges Auto zu bergen, habe am Morgen vier bis fünf Stunden gedauert. An jeder Stelle müsse das Sicherheitsrisiko für die Einsatzkräfte neu bewertet, erst dann könne gearbeitet werden. "Die Arbeit ist in mentaler und physischer Hinsicht sehr anstrengend."

Noch mehr Tote befürchtet

Die vorläufige Zahl der Toten stieg auf 42 an. Mindestens drei Minderjährige im Alter von acht, zwölf und 13 Jahren seien ums Leben gekommen. Nach Angaben der Präfektur seien 16 Menschen verletzt, der Zustand von zwölf Personen sei kritisch. Es werde erwartet, dass die Zahlen weiter steigen, sagte Regionalpräsident Giovanni Toti laut Nachrichtenagentur Ansa nach einem Besuch von Verletzten in einem Krankenhaus zusammen mit Regierungschef Giuseppe Conte. Die italienische Regierung will für die mehr als 40 Toten eine nationale Staatstrauer ausrufen, kündigte Toti an.

Italien Giuseppe Conte bei der eingestürzten Brücke Morandi in Genua (Foto: Reuters/M. Pinca)

Regierungschef Giuseppe Conte (m.) besucht die Unglücksstelle

Für den Großteil der Verletzten seien die Heilungschancen gut. Es gebe aber unter der Brücke noch immer "zahlreiche Vermisste", sagte Toti. Unter den Toten der Katastrophe sind auch drei Franzosen. Man stehe in engem Kontakt zu den italienischen Behörden, um herauszufinden, ob möglicherweise noch weitere Landsleute bei der Katastrophe ums Leben gekommen seien, teilte das französische Außenministerium mit.

Marode Brücke ins Urlaubsparadies

Während eines schweren Unwetters stürzte am Dienstagmittag der Polcevera-Viadukt - auch Morandi-Brücke genannt - in mehr als 40 Metern Höhe auf einem etwa 100 Meter langen Stück ein. Die Brücke ist Teil der Autobahn 10, die auch als "Autostrada dei Fiori" bekannt ist und von vielen Urlaubern genutzt wird. Sie ist eine wichtige Verbindungsstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei.

Italien A10 Autobahnbrücke Morandi in Genua eingestürzt (Reuters/S. Rellandini)

Auch wenn sie keine Lebenszeichen mehr hören, suchen die Rettungsteams weiter nach Überlebenden

Augenzeugen hatten berichtet, dass kurz vor dem Einsturz ein Blitz in die Brücke eingeschlagen habe. Doch Staatsanwalt Francesco Cozzi ließ im Gespräch mit RaiNews24 erkennen, dass die Ermittler auch menschliches Versagen als mögliche Ursache nicht ausschließen. Zum jetzigen Zeitpunkt von einem Unglück zu reden, obwohl es sich bei der Brücke um ein "Werk von Menschen" handele, das Instandhaltungen unterzogen worden sei, "erscheint mir ziemlich gewagt", sagte Cozzi. Die Infrastruktur in Italien ist vielerorts dramatisch veraltet.

Die Katastrophe lässt nach mehreren weniger dramatischen Einstürzen in den vergangenen Jahren nun die Alarmglocken umso lauter schrillen. Laut der Tageszeitung "La Repubblica" sind um die 300 Brücken und Tunnel marode. Der Polcevera-Viadukt wurde 1967 eingeweiht. Das Bauwerk hat eine Gesamtlänge von 1182 Metern. Zum Zeitpunkt der Tragödie waren laut Betreibergesellschaft Instandsetzungsarbeiten im Gange.

sam/haz/kle (afp, dpa, rtr)

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema