Nordkorea: ″Hauptsache die Wirtschaft wächst″ | Wirtschaft | DW | 29.04.2019
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DW-Interview

Nordkorea: "Hauptsache die Wirtschaft wächst"

Nordkorea basiere schon lange nicht mehr ideologisch auf dem Sozialismus, sagt Nordkorea-Experte Bernhard Seliger. Kim Jong-un könnte schon bald das Geld ausgehen, weil Nordkorea mehr ausgebe als einnehme.

Deutsche Welle: Erst Trump, nun Putin und Xi Jinping sowieso - Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un scheint auf der Suche nach neuen Freunden zu sein. Wie ist es denn um die Wirtschaft Nordkoreas bestellt. Bleibt Kim Jong-un womöglich nichts anderes übrig, als das Land langsam zu öffnen?

Bernhard Seeliger: Das ist eine reine Spekulation. Was wir in den letzten beiden Jahren sehen ist, dass die Exporte dramatisch geschrumpft sind - um 90 Prozent und mehr. Aber die Importe sind viel weniger geschrumpft. Offensichtlich gibt Nordkorea mehr Geld aus, als es einnimmt. Das kann nicht immer so weitergehen. Aber wie lange es noch weitergehen kann, dazu fehlen wirklich die Zahlen.

 Nordkorea-Experte Bernhard Seliger bei einem seiner Besuche in Pjöngjang (privat)

Nordkorea-Experte Bernhard Seliger bei einem seiner Besuche in Pjöngjang

Hat sich denn die Wirtschaft einen Spalt weit geöffnet seid Kim Jong-un an der Spitze des Staates ist?

Einerseits muss man sagen, dass es schon seit ungefähr 15 Jahren eine Bewegung in Richtung marktwirtschaftlicher Ansätze in Nordkorea gibt. Eine sehr vorsichtige Bewegung. Aber die Rolle der Märkte, die früher illegal, dann geduldet waren, hat sich stark gefestigt. Und auch die Rolle von Marktmechanismen - etwa im Verhältnis der Firmen untereinander ist gewachsen. Andererseits haben die Sanktionen dazu geführt, dass vor allem in den letzten beiden Jahren, der Außenhandel Nordkoreas ganz stark geschrumpft ist. Und insofern kann man sagen, dass die Sanktionen dazu geführt haben, dass sich das Land weiter abgeschottet hat.

Man kennt Bilder aus Pjöngjang. Da sieht man große Straßen, am Rande gepflegte Hochhäuser. Ein Fluß. Wie sieht denn die Infrastruktur im Rest des Landes aus?

Es gibt eine sehr große und immer größer werdende Kluft von Pjöngjang und einigen Städten. Der Rest des Landes befindet sich weiterhin in sehr starker Armut. Die Menschen leben im Wesentlichen von Subsistenzwirtschaft. Das heißt, von dem, was sie selber erwirtschaften. Es gibt dort sehr wenige Berührungspunkte mit dem Handel des Landes. Ein Beispiel ist Kleidung: Die kommt meistens auch bei denen, die auf dem Land wohnen, aus China. Aber ansonsten leben die Leute auf dem Land wirklich ein sehr, sehr einfaches Leben, was kaum mit Handel und auch kaum mit Geld zu tun hat. In den Städten ist das ganz anders: Dort kann man auch für Geld, vor allem für ausländische Währung, alle Arten von Waren kaufen und das auch trotz der Sanktionen.

Nordkorea Pjönjang Juche Turm (Getty Images/AFP/E. Jones)

Am Wasser in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang

Was ist die wichtigste Branche oder die wichtigste Industrie, die das Land am Leben hält?

Die Landwirtschaft spielt eine überproportionale Rolle, wenn man sich überlegt, dass Nordkorea eigentlich traditionell keine agrarische Gesellschaft ist, sondern dass es immer relativ stark industrialisiert war. Es gibt den Bergbau, der sehr wichtig ist. Es gibt zum Beispiel große Eisenherz-Minen, Kohle-Minen und so weiter - allerdings im Moment mit einem totalen Ausfuhrverbot belegt. Dasselbe gilt für die Fischereiwirtschaft. Nordkorea hat reiche Fischerei-Ressourcen und Meeresfrüchte.  Aber dieser Bereich ist inzwischen von Exportverboten belegt und das für die meisten anderen Industrien auch.

Es heißt immer wieder, dass Nordkorea Unmengen an Rohstoffen besitzt. Sehen Sie da schon, dass ausländische Unternehmen mit den Hufen scharren und auf die baldige Öffnung des Landes hoffen?

Sicherlich gab und gibt es die eine oder andere Beratungsfirma aus dem Ausland, die versucht hat, zu berechnen, wie reich Nordkorea mit diesen Ressourcen ist. Zunächst einmal müssen die Ressourcen wirklich auch wirtschaftlich abbaubar sein. Dann müssen sie einem gehören: Das heißt, Nordkorea müsste sie dann an jemanden verkaufen oder die Lizenz für den Abbau erteilen, und dann muss natürlich auch die rechtliche Voraussetzung dafür gegeben sein, dass man sie benutzen kann. Das heißt, die Sanktionen müssten dann weg sein - das sind sehr viele Wenn und Aber. Trotzdem muss man sagen, dass für die Zukunft diese Ressourcen sehr interessant sind. Und auch in Südkorea wird das immer wieder in den möglichen Gewinn eingerechnet, die eine Wiedervereinigung beider Länder bringen könnte.

Wie schnell könnte sich Nordkorea denn öffnen, was ist Ihre Einschätzung?

Man muss sagen, dass das Wirtschaftssystem Nordkoreas schon längst nicht mehr ideologisch auf dem Modell des Sozialismus oder Zentralverwaltungswirtschaft basiert. Den Nordkoreanern ist es - ähnlich wie den Chinesen in den 80er-Jahren - ziemlich egal, wie die Wirtschaft wächst, Hauptsache sie wächst.

Aber politisch gesehen hat die Nuklearisierung des Landes dazu geführt, dass Nordkorea mit kaum einem Land mehr Handel treiben kann. Zweitens will Nordkorea die politische Kontrolle über das Land behalten. Je mehr sich das Land wirtschaftlich öffnet, desto mehr gibt es natürlich die Gefahr, dass der Führung die politische Kontrolle entgleitet.

Das heißt, wir müssen zunächst warten, wie sich Nordkorea denuklearisieren kann. Da sind Verhandlungen im Gange. Und es ist ganz klar, dass die Sanktionen dort eine sehr wichtige Rolle spielen. Denn es kann durchaus sein, dass der Druck auf Nordkorea durch die fehlenden Geldmittel des Staates so groß wird, dass es tatsächlich vielleicht in einem halben Jahr, vielleicht in einem Jahr handeln wird.

Sie waren häufiger selbst im Lande. Wie objektiv würden Sie sagen ist ihr Blick auf Nordkorea?

Wir bemühen uns natürlich, einen objektiven Blick zu haben. Dadurch dass wir Projekte machen, die in der Regel in ländlichen Regionen angesiedelt sind, haben wir einen relativ guten Blick auf das, was auch auf dem Land passiert. Andererseits ist es bei uns - wie bei allen anderen – so, dass wir dort immer begleitet werden. Insofern ist der Blick immer ein bisschen eingeschränkt.

Bernhard Seliger ist Leiter der Vertretung der CSU-nahen Hans-Seidel-Stiftung in Seoul. Der Ökonom lebt seit 20 Jahren in der Region und beschäftigt sich seitdem mit der Annäherung zwischen Nord- und Südkorea.

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