Nobelpreisträgerin Doris Lessing ist tot | Kultur | DW | 17.11.2013
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Kultur

Nobelpreisträgerin Doris Lessing ist tot

Viele verehren sie als feministische Ikone, doch Doris Lessing sah sich als Geschichtenerzählerin. Sie verknüpfte gelebte Erfahrung mit weltgeschichtlichen Ereignissen. Am Sonntag starb sie im Alter von 94 Jahren.

Unter dem Namen Doris May Tayler wurde sie am 22. Oktober 1919 in Kermanshah in Persien (dem heutigen Iran) geboren. Ihre Eltern waren vom Ersten Weltkrieg geprägt: Ihr Vater, ein britischer Kolonialoffizier, wäre 1917 fast durch einen Granatsplitter getötet worden und verlor ein Bein. Ihre Mutter, eine Krankenschwester, lernte ihn in dem Krankenhaus in London kennen, in dem er sich von der Amputation erholte.

Bewegte Kindheit und Jugend

Die Familie zog 1925 in die britische Kolonie Südrhodesien (heute Simbabwe), wo sie eine Maisfarm unterhielt und ein entbehrungsreiches Leben führte. Lessing durchlebte eine sehr unglückliche Kindheit. Sie hasste ihre Mutter, mit der sie immer wieder Streit hatte. Die Gesellschaft, in der sie aufwuchs, empfand sie als kalt, unmenschlich und provinziell, eine Gesellschaft, die sie zutiefst verachtete.

Umgeben von Büchern, die ihr von einem Londoner Lesezirkel zugeschickt wurden, brach Lessing schon mit 14 Jahren die Schule ab und zog in die Hauptstadt Salisbury (heute Harare), wo sie als Telefonistin arbeitete. Dort heiratete sie mit 19 Jahren ihren ersten Mann, Frank Wisdom, und brachte zwei Kinder auf die Welt, John und Jean. Die Ehe wurde 1943 geschieden. “Es gibt nichts Langweiligeres für eine intelligente Frau, als sich den ganzen Tag um ein Kleinkind zu kümmern“ - so beschrieb sie später diese Lebensphase.

Um ein Foto der britischen Literatur-Nobelpreisträgerin Doris Lessing drängen sich Bildjournalisten der Buchmesse in Frankfurt am Donnerstag (11.10.2007) am Stand des Hoffmann und Campe Verlages. (Foto: Boris Roessler dpa/lhe)

Bücher von Doris Lessing auf der Frankfurter Buchmesse

Durch den Einfluss europäischer Einwanderer in Salisbury entdeckte Lessing ihr Interesse an politischen Themen. Als Mitglied eines kommunistisch inspirierten Literaturkreises ("Left Book Club") lernte sie Gottfried Lessing, einen Flüchtling aus Deutschland, kennen. 1945 heiratete sie ihn und bekam 1947 ihren Sohn Peter.

Nachdem auch ihre zweite Ehe gescheitert war, überließ Lessing die beiden Kinder aus ihrer ersten Ehe ihrem Vater und dessen zweiter Frau. Mit dem Sohn aus der zweiten Ehe zog sie nach England. Im Gepäck waren eine umfangreiche Buchsammlung und das Manuskript ihres ersten Romans "Afrikanische Tragödie" ("The Grass is Singing").

Frühe literarische Erfolge

Als alleinstehende Mutter ohne eine abgeschlossene Ausbildung hatte Lessing in England zunächst einen schweren Start. Doch bald wurde sie zu einer der wichtigsten Vertreterinnen der englischen Literatur der Nachkriegszeit. Ihr 1950 veröffentlichtes Erstlingswerk, das die schwierigen Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen im damaligen Südrhodesien zum Thema hatte, erschien innerhalb von nur fünf Monaten in mehreren Auflagen.

In diesem teilweise autobiografischen Roman verknüpfte Lessing Erlebnisse ihrer eigenen Kindheit mit einer beißenden Sozialkritik. Die Kolonialgesellschaft von Südrhodesien bezeichnete sie als "sehr hässlich, widerlich und kleinkariert".

Nach diesem großen Erfolgserlebnis brachte Lessing ihren Sohn gegen Bezahlung immer wieder für längere Zeiträume bei einer Familie unter, um mehr Zeit zum Schreiben zu haben. Für die fünfteilige Romanserie "Kinder der Gewalt" ("Children of Violence"), die später noch ausgeweitet werden sollte, erhielt sie 1953 den Somerset-Maugham-Preis. Weitere Auszeichnungen und Ehrungen folgten.

Lessing bewegte sich in linksorientierten intellektuellen Kreisen, wo sie die Bekanntschaft von John Berger, John Osborne und Bertrand Russell machte. Sie wurde aktives Mitglied der Kampagne für nukleare Abrüstung und eine wortgewaltige Gegnerin des südafrikanischen Apartheid-Regimes. Aufgrund ihrer politischen Einstellung wurde ihr jahrzehntelang die Einreise nach Südafrika und Rhodesien verweigert.

Schriftstellerin Doris Lessing hat 2007 den Literaturnobelpreis gewonnen (Foto: AFP)

2007 wurde Doris Lessing mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet

"Das Goldene Notizbuch"

Durch die Veröffentlichung des “Goldenen Notizbuchs” (“The Golden Notebook”) im Jahr 1962 wurde Lessing eher unfreiwillig zur feministischen Ikone. Der Roman, der unter anderem Themen wie Feminismus und Mutterschaft aufgreift, erzählt in nicht-chronologischer Folge die Geschichte der Autorin Anna Wulf, die versucht, verschiedene Aspekte ihres Lebens in vier Notizbüchern zusammenzubringen.

Hier experimentiert Lessing mit der klassischen Erzählform und provoziert mit der offenen Beschreibung von Menstruation und Orgasmus, sowie den Konflikten zwischen mütterlichen Pflichten und erotischen Bedürfnissen. Während das Werk zu einem feministischen Glaubensbekenntnis stilisiert wurde, entgegnete Lessing: "Was hatte ich denn nun im 'Goldenen Notizbuch' wirklich gesagt? Dass jegliche Art von Fanatismus, Engstirnigkeit, Besessenheit zum mentalen Zusammenbruch führen müssten, wenn nicht gar in den Wahnsinn".

Schriftstellerin Doris Lessing vor ihrem Haus in London im Jahr 2007, mit Blumen und Geschenken, nachdem sie mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde (Foto: AFP)

Blumen für die Nobelpreisträgerin: Doris Lessing vor ihrem Haus in London (2007)

Unsentimentale und provozierende Erzählerin

Die Autorin wurde 2007 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Als Lessing von der Auszeichnung hörte, stieg sie gerade aus einem Taxi vor ihrem Haus in London. Ihr Kommentar war: "Oh Christ!", gefolgt von einem Stöhnen. Später beklagte sie häufig, dass ihr diese Ehrung die Zeit zum Schreiben gestohlen hätte, da sie ständig damit beschäftigt war, Autogramme zu geben und mit Journalisten zu sprechen.

In ihrem letzten Buch "Alfred and Emily" (2008), kehrte die Autorin wieder zurück zu ihrer Kindheit in Südrhodesien. Der erste Teil des Buches besteht aus einer Kurzgeschichte, die darstellt, wie das Leben ihrer Eltern hätte verlaufen können, wenn sie doch nur den Schrecken des Ersten Weltkriegs entronnen wären. Der zweite Teil ist eine Biografie ihrer Eltern.

Lessing lehnte alle Formen von Sentimentalität ab und vertrat das "nicht-lineare Denken". Konventionen und Erwartungen beugte sie sich nie. Sie verfasste Romane, Theaterstücke, Gedichte, Biografien, Texte und Aufsätze. In erster Linie sah sie sich immer als eine Geschichtenerzählerin und glaubte unerschütterlich an die Macht des geschriebenen Wortes.