″No Walls - Mehr Geil″ | Europa | DW | 18.01.2019
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4. Hellas Filmbox Berlin

"No Walls - Mehr Geil"

Auf dem Festival des griechischen Films in Berlin stellt sich das Land vor: Thematisch spannt sich der Bogen von der Nazi-Besatzungszeit bis zur Fußballmannschaft der Arbeitslosen.

Möchte man sich einen Eindruck über die aktuellen Filme griechischer Regisseure verschaffen, dann ist Hellas Filmbox Berlin die richtige Adresse. Es ist das wohl wichtigste Festival des griechischen Films im Ausland. Seit 2015 wird es jährlich im Januar veranstaltet. Auch diesmal zeigt man Produktionen von etablierten Filmemachern und Newcomern, Spielfilme und Dokumentationen. Im 30. Jahr des Mauerfalls heißt das Motto "No Walls - Mehr Geil".

Mauern einreißen, das war auch der ursprüngliche Beweggrund einer Gruppe von Cinephilen, Griechen und Deutsche in Berlin, um dieses Projekt ins Leben zu rufen. Im Zuge der Finanzkrise Griechenlands kam es zu erheblichen Spannungen im deutsch-griechischen Verhältnis, Stereotypen und Vorurteile kamen auf. "Wir wollten etwas dagegen tun, dazu beitragen, dass sich die Menschen beider Länder wieder annähern", so der Initiator von Hellas Filmbox, Asteris Koutoulas.

Die deutsche Besatzung Griechenlands im Film

Zu den Spannungen zwischen beiden Ländern trug auch die Diskussion um die deutsche Besatzung Griechenlands und griechischen Forderungen nach Reparationen und Wiedergutmachung bei. Gleich zwei Filme des diesjährigen Festivals handeln von der deutschen Okkupationszeit. In beiden werden Unbeteiligte als Vergeltung für den Tod von deutschen Wehrmachtsangehörigen erschossen.

Kino Babylon Berlin Eröffnungsveranstaltung Hellas Filmbox (Martin Peterdamm)

Pantelis Voulgaris (links), Regisseur des Filmes "Die letzte Notiz", Chrysanthos Konstantinidis, (Mitte) Regisseur des Dokumentarfilms "The Balcony - Memories of Occupation" und Ionna Karystiani (rechts), Drehbuchautorin von "Die letzte Notiz"

In seinem Spielfilm "Die letzte Notiz" zeigt der Altmeister des griechischen Kinos, Pantelis Voulgaris, die letzten Tage von politischen Gefangenen im KZ von Chaidari in Athen. 200 von ihnen sollen als sogenannte Sühnemaßnahme für die Tötung von vier deutschen Militärs am 1. Mai 1944 hingerichtet werden. Jenseits von Klischees und sehr facettenreich gelingt es Voulgaris atmosphärische Dichte aufzubauen. Sehr stark die Szenen über die letzte Nacht der Häftlinge vor ihrer Erschießung. Bis in den Morgengrauen ihres Todes tanzen und singen sie in einer Art mystischem Ritual. Herausragend in der Rolle des KZ-Kommandanten der deutsche Schauspieler André Hennicke.

"Es geht um Vergangenheitsbewältigung"

Natürlich wolle er an die Ermordeten erinnern - aber nicht nur, sagte Pantelis Voulgaris nach der Filmvorführung dem Publikum. Er verstehe seinen Film auch als einen Beitrag gegen den aufkommenden Rechtsextremismus in Europa. Seine Ideologie führe zu Nationalismus und Krieg, erklärte der Regisseur im Beisein des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten, Joachim Gauck. Er tritt im zweiten Film über die deutsche Besatzung Griechenlands auf.

Es ist der Dokumentarfilm "The Balcony - Memories of Occupation" von Chrysanthos Konstantinidis. Der Regisseur lässt Angehörige der 83 Menschen im Dorf Lyngiades zu Wort kommen, die am 3. Oktober 1943 von Wehrmachtstruppen als Vergeltungsmaßnahme für einen deutschen Offizier erschossen, erstochen oder verbrannt wurden. Es waren fast ausschließlich Babys, Kinder, Frauen und alte Menschen. "Sie kamen am Nachmittag," erzählt eine Dorfbewohnerin, "und als sie am Abend weggingen, hatten wir keine Kinder mehr."

2014 hat Joachim Gauck dieses Dorf in Nordwestgriechenland besucht und um Verzeihung für die deutschen Verbrechen in Griechenland gebeten. Manche der Dorfbewohner haben die Entschuldigung akzeptiert andere nicht. Er wolle mit seinem Film nicht anklagen, sagte der Regisseur in Berlin, der selbst aus Lyngiades stammt. Ihm gehe es um Vergangenheitsbewältigung. Interessanterweise wurde der Film mit Geldern aus dem Deutsch-Griechischen Zukunftsfond des Auswärtigen Amtes finanziert. Daraus werden vornehmlich Projekte unterstützt, die sich mit der deutschen Besatzungszeit Griechenlands auseinandersetzen.

Von Rio bis Kairo und in die Meerestiefe

Der 35jährige Konstantinidis gehört zur neuen Generation der griechischen Filmemacher, die während der Wirtschaftskrise ihre ersten Streifen drehten. Die Cineasten orientieren sich stärker an internationalen Filmtrends, fassen heiße Themen an und bemühen sich, in Ermangelung einheimischer, um ausländische Finanzquellen. Bekanntester Repräsentant dieses neuen griechischen Kinos ist der preisgekrönte Regisseur Yorgos Lanthimos. Sein neuster Film "The Favourite" ist für fünf Golden Globes nominiert. Und ebenso wie Lanthimos drehen immer mehr griechische Regisseure im Ausland.

Gleich zwei Dokumentare auf der Hellas Filmbox Berlin handeln von Rio de Janeiro. Im essayistischen "Obscuro Barroco" taucht Evangelia Kranioti ins Nachtleben Rios ein, und in "Happy Princess" beobachtet Panos Deligiannis in einer der Favelas der Stadt Kinder zwischen ihrem harten Alltag und Theaterspielen.

Marina Gioti zeigt in "Invisible Hands" Kairo während des Arabischen Flüchtlings und Stratos Tzitzis ist in "Night Out" im Berliner Sexclub "KitKat" unterwegs. Lefteris Charitos war unter Wasser in den Meeren vor Japan, Nordamerika, Europa und Indien. In seinem Dokumentarfilm "Dolphin Man" tauchte er mit Jacques Mayol, dem Protagonisten von Luc Bessons "The Big Blue". Menelaos Karamaghiolis folgt in seinem Dokumentarfilm "Kick Out Poverty" der griechischen Fußballnationalmannschaft der Obdachlosen bis nach Polen zu einem internationalen Turnier.