Niko Kovac: Im Fadenkreuz bayerischer Erwartungen | Sport | DW | 18.05.2019
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Nach dem Meistertitel

Niko Kovac: Im Fadenkreuz bayerischer Erwartungen

Die Meisterschaft hat Niko Kovac mit dem FC Bayern eingetütet. Aber das bedeutet nicht unbedingt, dass der Klub dem Trainer auch weiterhin vertraut und mit ihm den Umbruch angeht. Aber warum eigentlich nicht?

Niko Kovac hat es geschafft. Der 47-Jährige ist deutscher Meister mit dem FC Bayern München - und damit erst der Zweite nach Franz Beckenbauer, dem das sowohl als Spieler als auch als Trainer gelungen ist. Die Meisterschale geht zum siebten Mal in Folge wieder einmal in die bayerische Landeshauptstadt. Der Trainer Kovac hat mit dem Titel die Mindestanforderung seines Arbeitgebers erfüllt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger?

Es lohnt sich, einen Blick zurück zu werfen, auf eine Saison, durch die sich Kovac mit sehr viel Mühe durchlaviert hat. "Alles, was weniger als Erfolg ist, ist Misserfolg - das wusste ich. Diese zehn Monate waren sehr lehrreich, sehr intensiv", sagte Kovac kürzlich. So kompliziert, wie es letztendlich dann war, dürfte sich Kovac sein Engagement bei den Münchnern aber wohl nicht vorgestellt haben.  

Als der junge Coach seine bei den Bayern im vergangenen Sommer übernahm, war er nicht die erste Wahl der Vereinsoberen. Bayern-Präsident Uli Hoeneß hätte lieber den endgültig pensionsbereiten Jupp Heynckes behalten. Als Hoeneß zu spät erkannte, dass sein Freund sich kein weiteres Mal erweichen lassen würde, waren andere Wunschkandidaten wie zum Beispiel Thomas Tuchel nicht mehr auf dem Markt. So vertraute man Kovac den Auftrag an, die Mannschaft durch eine Saison des Übergangs zu begleiten. 

Ein Team über dem Zenit

Kovac ergriff diese (Job-) Chance, wohl wissend, dass er grundlegend andere Voraussetzungen hatte, als so viele seiner Vorgänger. Kovac hatte eine Spielzeit vor sich, die alle Beteiligten so sehr forderte, dass die Nerven bis auf das Äußerste angespannt waren. Denn der Klub stellte ihm eine Mannschaft zur Verfügung, die vor allem eines war: ungewöhnlich alt.

Im Champions-League-Gruppenspiel gegen Ajax Amsterdam etwa hatte das Bayern-Team einen Altersdurchschnitt von 30 Jahren, ganze sechs Jahre mehr als der Gegner. Dass die aktuelle Mannschaft ihren Leistungszenit überschritten hat, das würden wohl nicht einmal Vereinspräsident Uli Hoeneß und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bestreiten.     

Schwieriger Spagat: Trainer Niko Kovac (l.) und Franck Ribery (Imago Images/kolbert-press/C. Kolbert)

Schwieriger Spagat: Trainer Niko Kovac (l.) und Franck Ribery

Kovac musste auf der einen Seite die selbstbewussten Altstars Arjen Robben und Franck Ribéry bei Laune halten. Zum anderen und zeitgleich musste er deren avisierte Nachfolger Kingsley Coman und Serge Gnabry so in das Team integrieren, dass sie bereits eine entscheidende Rolle spielen konnten. Dieser schwierige Umbruch forderte zudem weitere Konflikte, etwa den Umstand, dass James Rodriguez weniger Spielzeit bekam, auch weil Neuzugang Leon Goretzka sich aufdrängte.

Formkrisen von Thomas Müller, Jérôme Boateng und auch Mats Hummels, die von Bundestrainer Joachim Löw auch noch aus der Nationalmannschaft verbannt wurden, brachten zusätzliche Unruhe.

Konflikte programmiert

All diese Veränderungen und Konfliktsituationen sorgten für interne Spannungen, auch weil die Bayern traditionell über Profis verfügen, deren Egos besonders ausgeprägt sind. "Wenn es manchmal ein bisschen ruhiger wäre, wäre es nicht so schlecht", bemerkte Kovac vielsagend.

Hinzu kam, dass Kovac eine eher defensive Denk- und Spielweise bevorzugte und mit seiner häufigen Rotation auf wenig Gegenliebe bei vielen Spielern stieß. Es holperte und ruckelte sogar in der Bundesliga: Neun Punkte Rückstand hatten die Münchner zwischenzeitlich auf Borussia Dortmund, was bei den erfolgsverwöhnten Bayern die Nervosität deutlich ansteigen ließ.

"Es gibt keine Job-Garantie bei Bayern München, für niemanden. Das ist auch gut so. Jeder muss bei Bayern München liefern - das ist das Prinzip Bayern München. Mit diesem Druck muss man umgehen können, und wer das nicht kann, der ist hier fehl am Platz", sagte Rummenigge dann auch kompromisslos in Richtung Kovac. Auch Sportdirektor Hasan Salihamidzic vermied bei einem Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" des ZDf ein klares Bekenntnis zu Kovac. Kurz vor dem Saisonfinale tauchte zudem ein Bericht auf der Internetseite "spox.com" auf, der behauptete, Kovac werde auch als Double-Gewinner abgelöst und durch Mark van Bommel ersetzt.

Beistand für Kovac von Beckenbauer

Nur ein Burgfrieden? Klubboss Karl-Heinz Rummenigge (l.) und Trainer Niko Kovac (Getty Images/Bongarts)

Nur ein Burgfrieden? Klubboss Karl-Heinz Rummenigge (l.) und Trainer Niko Kovac

Klubchef Rummenigge gilt im Gegensatz zu Unterstützer Hoeneß als einer der größten Kritiker des Trainers. Rummenigge wünscht sich vor allem eine spielerische Weiterentwicklung des Teams. Denn eines ist kaum zu bestreiten: Das Ausscheiden aus der Champions League bereits im Achtelfinale gegen den FC Liverpool und die Spielweise der Konkurrenten aus Spanien und England, von deren Dynamik, Spielauffassung und Leidenschaft die Bayern derzeit meilenweit entfernt sind, haben die Alarmglocken vor allem bei Rummenigge schrillen lassen.

Dennoch hat Kovac den Kritikern Entscheidendes entgegenzusetzen: Die Herbst-Krise hat er mit einem Umdenken bei Rotation und Taktik beendet. Mit 42 Punkten aus 17 Rückrundenpartien haben die Bayern eine der besten Halbserien ihrer Geschichte hingelegt.

"Es ist nicht leicht, die Mannschaft zu trainieren. Es ist eine verwöhnte Truppe", sagte FCB-Ehrenpräsident Franz Beckenbauer jüngst und sprang dem Coach damit ausdrücklich zur Seite. Er wünsche Kovac den Double-Triumph, "um denen die lange Nase zu zeigen, die nicht an ihn geglaubt haben". Nicht wenige Beobachter sind wie Beckenbauer der Auffassung, dass Kovac mit seiner Ruhe und rhetorischen Souveränität das nahezu Optimale aus dieser Saison herausgeholt hat. 

Vertrauen gefragt

Die allgemeine Meinung zu Kovac, der noch einen Vertrag bis 2021 hat, ist ambivalent in München. Die Meisterschaft allein dürfte die Kritiker kaum verstummen lassen, zu normal ist der Titelgewinn beim FCB in den vergangenen Jahren geworden. Das Double aus Meisterschaft und Pokal würde aber zumindest zu einer kollektiven Beruhigung der aufgeheizten Diskussionen führen. Das Pokal-Finale wird am kommenden Samstag (Anstoß 20 Uhr MESZ, ab 19:45 Uhr im DW-Audio-Livestream) ausgetragen, Gegner der Münchener im Berliner Olympiastadion wird RB Leipzig sein. 

Die Bayern haben bereits rund 118 Millionen Euro in die Zukunft investiert: die Verteidiger Lucas Hernandez (80 Mio.Euro ) und Benjamin Pavard (35 Mio.Euro) sowie Angreifer Jann-Fiete Arp (3 Mio. Euro) werden kommen. Damit dürfte der personelle Umbruch bei den Bayern aber noch nicht abgeschlossen sein. Die große Frage wird sein, ob die Vereinsverantwortlichen Kovac zutrauen, dass er das Team weiterentwickeln und die Bayern-Mannschaft der Zukunft aufbauen kann. Kovac steht im Fadenkreuz der hohen bayerischen Erwartungen. 

Kovac hat Informationen

Denn der internationale Spitzenfußball ist momentan vor allem auf Tempo, Ballbesitz und Leidenschaft ausgerichtet. Dass Kovac anpassungs- und entwicklungsfähig ist, hat er in der laufenden Spielzeit unter Beweis gestellt. Ob den Bayern-Verantwortlichen diese Aussicht genügt, scheinen sie momentan aber nicht einmal selbst beantworten zu können.

Die Bayern-Fans stärkten Kovac in der zweiten Halbzeit des letzten Saisonspiels mit andauernden Sprechchören demonstrativ den Rücken. Und der Trainer selbst lieferte nach der obligatorischen Bierdusche, die zwangsläufig auf die Meisterschaft folgt, neuen Gesprächsstoff: "Ich habe Informationen und bin davon überzeugt, dass es weitergeht. Es sind keine Informationen aus zweiter Hand, sondern aus erster Hand", sagte Kovac im Interview mit "Sky" und grinste. Der Reporter fragte nach: "Bedeutet dass, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge haben Ihnen gesagt, dass Sie Bayern-Trainer bleiben?" Kovac grinste noch breiter und entgegnete: "Das lassen wir mal so stehen." 

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