Nichts für Zartbesaitete: Jordan Peeles Horrorfilm ″Wir″ | Filme | DW | 20.03.2019
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Film

Nichts für Zartbesaitete: Jordan Peeles Horrorfilm "Wir"

Er gilt als einer der Regiestars des afroamerikanischen Kinos: Der Regisseur Jordan Peele erobert Hollywood und die Filmwelt mit einem ungewöhnlichen Genre - dem subtilen Horrorfilm.

Eine Familie im Blutrausch, Vater, Mutter, eine Tochter, ein Sohn, alle sind mit orangefarbenen Ganzkörperanzügen bekleidet und stehen eines Abends vor der Toreinfahrt des Ferienhauses der Wilsons. Bewaffnet sind sie mit ungewöhnlich langen Scheren, die sie still, aber doch ungemein furchterregend vor sich hertragen.

Da stehen sie nun also zunächst regungslos im Schutz der Dunkelheit vor dem Urlaubsdomizil - und der Zuschauer ahnt: Gleich fängt das Gemetzel an. Die Wilsons sind eine gewöhnliche schwarze Mittelstandsfamilie: Vater, Mutter und zwei Kinder. Und da fangen die unheimlichen Gemeinsamkeiten auch schon an bei Jordan Peele und seinem neuen Film "Wir" (Originaltitel "Us").

Kampf gegen Spiegelbilder

Aber was heißt schon Gemeinsamkeiten? Die Wilsons stehen an diesem Abend ihren Doppelgängern gegenüber. Der unheimliche Mann in der Toreinfahrt gleicht nicht nur dem Oberhaupt der Familie Wilson, er sieht haargenau so aus. Und auch Mutter und Kinder gleichen einander wie eineiige Zwillinge. Jordan Peele lässt die Horrorfamilie direkt von denselben Schauspielern spielen. Das Grauen als Spiegelbild.

Komplett in Rot gekleidete Familie in einem Garten (Universal Pictures)

Spiegelbild der braven Mittelstandsfamilie? Die mordlustige Familie lauert in "Wir" den Wilsons abends auf

Nach einer ersten Aufführung beim "South by Southwest Festival" in Austin vor ein paar Tagen kommt Peeles Horrorschocker nun weltweit in die Kinos, in vielen Ländern der Welt (20.03.2019) und auch in Deutschland (21.03.2019) hat er gar einen früheren Starttermin als in der Heimat des afroamerikanischen Regisseurs (22.03.2019). Schon das ist erstaunlich.

Genrekino mit Rassismus-Kritik

Doch was ist nicht erstaunlich an Jordan Peele, der gerade als neues Talent des amerikanischen Films gehandelt wird? Peele, 1979 in New York City geboren, legte im Januar 2017 beim Sundance Filmfestival ein sensationelles Regiedebüt vor: den Horrorstreifen "Get Out", der von einem jungen schwarzen Mann erzählt, der mit seiner weißen Freundin bei deren Eltern zu Besuch ist und in eine Spirale aus Horror und Gewalt gerät.

"Get Out" war ein ungewöhnlich elegant inszenierter Genrefilm, der mit den Elementen Grauen und Witz jonglierte und dabei seine untergründige Botschaft unters Kinovolk brachte: Hinter der Fassade des Horrors transportierte Peele in seinem Spielfilmdebüt mehr oder weniger versteckte Kritik an Rassismus in allen Facetten.

Verängstigter, weinender Mann (picture-alliance/AP Photo/Universal Pictures)

Daniel Kaluuya glänzte in Jordan Peeles Regiedebüt "Get Out"

Rassismus kam in "Get Out" nicht als plumper Gegensatz zwischen Gut und Böse oder Schwarz und Weiß daher, sondern in subtilerer Form. "Der Film vermittelt ein Gefühl und einen Eindruck davon, wie es in den USA ist, schwarz zu sein oder einer Minderheit in diesem Land anzugehören, und davon, wie wir wahrgenommen werden, auch wenn man uns sagt, dass dem nicht so sei", so Peele zum Filmstart gegenüber der "Los Angeles Times".

Weltweiter Kassenhit "Get Out"

"Get Out" erlebte nach seiner Premiere beim Sundance Festival eine sagenhafte Kinokarriere und katapultierte den Regisseur in die vorderste Front des US-Kinos. Sensationell war schon das Einspielergebnis: Bei einem Mini-Budget von rund fünf Millionen Dollar Produktionskosten spielte "Get Out" in den folgenden Monaten über 250 Millionen Dollar an den Kassen ein und machte den Regisseur in manchen Statistiken zum erfolgreichsten schwarzen Filmemacher der Kinogeschichte. Peele gewann dann im vergangenen Jahr neben vielen anderen Preisen auch noch einen Oscar für das beste Original-Drehbuch.

Jordan Peele strahlt mit einem Oscar in der Hand (Reuters/M. Blake)

Stolzer Oscar-Preisträger: Jordan Peele im Jahr 2018

Dabei war Jordan Peele zuvor kein Unbekannter. Über 50 Credits weist seine Schauspieler-Biografie auf, zudem trat er vielfach als Produzent und Sprecher in Erscheinung. In der Mini-Serie "Obama" war er 2008 in der Titelrolle als US-Präsident zu sehen. Als Comedian ist er in den USA landesweit bekannt, er hatte eine eigene TV-Show. Schon vor fünf Jahren erschien Jordan Peele auf der Liste des "Time Magazines" der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt.

"Wir" wird von Kinofans mit großer Spannung erwartet

Doch erst Peeles erster Kinofilm machte aus ihm einen Weltstar der Filmszene. Die Erwartungen sind also groß: Peeles zweites Werk gilt zurzeit als einer der am meisten herbeigesehnten Filme der Kinosaison. Als noch grausiger und erschreckender wurde "Wir" in den amerikanischen Medien angekündigt - als wahrer Horrorfilm, bei dem die lustigen Momente, die "Get Out" auszeichneten, reduziert sind.

Verängstigte Frau in einem Treppenhaus (Universal Pictures)

Lupita Nyong'o spielt in "Wir" eine Mutter mit dunkler Vergangenheit

Und tatsächlich: "Wir" bietet klassischen Kino-Horror, handwerklich meisterlich in Szene gesetzt, aber auch sehr viel konventioneller und weniger hintergründig. Der Film spielt wieder mit gesellschaftskritischen Motiven, die aber diesmal kaum zu entschlüsseln sind. "Der Film handelt von einer amerikanischen Familie, die versucht den perfekten amerikanischen Traum zu leben", charakterisiert Hauptdarsteller Winston Duke die Handlung von "Wir" und verweist auch auf den Umstand, dass die Protagonisten dunkelhäutig sind.

Dass die Familie schwarz ist, spiele keine Rolle, so der Schauspieler. "Normalerweise erlebt das Publikum schwarze Charaktere als erste Opfer der Handlung." Hier sei das zentrale Opfer dagegen der amerikanische Traum.

Jordan Peele: "Das Monster hat unsere Gesichter"

Regisseur Jordan Peele hat besonders ein Thema gereizt: "Die Idee zu diesem Film entstand aus der tiefsitzenden Angst vor Doppelgängern", so Peele. "Ich liebe Doppelgänger-Mythologien und die Filme, die sich mit ihnen beschäftigt haben, und ich wollte meinen Beitrag zu diesem Pantheon von 'bösen Doppelgänger-Filmen' machen."

Er sei von dieser Idee fasziniert, "dass wir unser eigener schlimmster Feind sind." Das sei etwas, das alle wissen, sagt Peele. "Aber es ist eine Wahrheit, der wir nicht gerne ins Auge sehen. Wir geben dem Außenstehenden die Schuld, wir geben dem Anderen die Schuld. In diesem Film hat das Monster unsere Gesichter."

Mann mit Baseballschläger und Mädchen mit erhobenem Golfschläger in einer Gartenanlage (Universal Pictures)

Bewaffnet: Vater (Winston Duke) und Tochter (Shahadi Wright Joseph) wissen sich zu wehren

Ob diese Idee vom "Monster in uns" aufgegangen ist, müssen die Zuschauer in den kommenden Monaten entscheiden. Das Branchenblatt "Variety" bescheinigte dem Regisseur, dass er mit dem Film "eine visuelle Allegorie für die dunkleren Aspekte unserer eigenen Sozialisation [geschaffen habe], durch die wir mit dem Monster konfrontiert werden, das in jedem von uns lauert."

"Wir" auf Slasher-Niveau?

Kritischer sah das der Reporter des "Rolling Stone": "Es reicht 2019 nicht mehr, wenn Kreaturen sich aus Schatten lösen und unvermittelt lange Scheren in Kehlen rammen." Das sei Slasher-Niveau aus früheren Kino-Zeiten.

Die Mythologie, die Peele in "Wir" anbiete, sei zudem widersprüchlich: "Wenn eine rätselhafte Geschichte nicht durch die handelnden Figuren selbst aufgeklärt wird, sondern am Ende von einer Person erklärt werden muss, die an einer Schultafel steht, und das in einer langen Rede, die fast bei Adam und Eva ansetzt, dann hat ein solcher Film ein Problem."

Schreiendes Mädchen (Universal Pictures)

"Wir" bietet grandiose Bilder, aber auch viel konventionellen Horror

In der Tat: "Wir" besitzt nicht die subtile Finesse des Vorgängerfilms "Get Out". Die reinen Horrorszenen verbreiten zwar gehörige Spannung und Gruseleffekte, doch fragt man sich beim Abspann des Films nach dem Sinn des Ganzen. Die Zuschauer im Kino zu erschrecken, ist ein altes und bewährtes Mittel des Kinos seit Stummfilmzeiten. Dem hat Jordan Peele in "Wir" nicht allzuviel hinzugefügt.

Hoffen wir also, dass dieser ungemein talentierte und begabte Regisseur sein Publikum demnächst wieder mehr überraschen wird.

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