Nicht nur Mario Götze: Corona-Krise trifft Spielermarkt | Sport | DW | 25.05.2020
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Fußball in Corona-Zeiten

Nicht nur Mario Götze: Corona-Krise trifft Spielermarkt

Jedem achten Bundesliga-Profi droht, in der kommenden Saison ohne Vertrag dazustehen. Die Experten sind sich einig: Die Corona-Krise wird dafür sorgen, dass mehr Profifußballer als sonst auf der Straße stehen werden.

Selbst der Schütze des "goldenen" Tors von Rio sitzt mit im Boot. Mario Götzes Vertrag bei Borussia Dortmund läuft am 30. Juni aus. Und seit Samstag steht endgültig fest: Der 27-Jährige wird den BVB verlassen. Wohin ist noch unklar, vielleicht nach England oder Italien. Götze, der 2014 mit seinem Siegtreffer zum 1:0 im Finale gegen Argentinien zum WM-Helden wurde, ist der prominenteste von über 60 Bundesliga-Profis, die Ende Juni ohne Job dastehen. Es sei denn, ihre Berater finden einen neuen Arbeitgeber oder einigen sich mit dem alten Klub darauf, den bestehenden Vertrag zu verlängern. Allein bei der abstiegsbedrohten Düsseldorfer Fortuna laufen zehn Verträge aus.

Ulf Baranowsky von der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) rechnet damit, dass wegen der Corona-Krise mehr Spieler als sonst auf der Straße stehen werden. "In der Tat müssen wir darauf vorbereitet sein, dass viele Klubs ihre Kader verkleinern und Neuverträge auch geringer vergütet werden", sagt der VdV-Geschäftsführer der DW.

Marktwert rasant gesunken

Die Unterbrechung oder sogar komplette Absage der Spielzeiten im europäischen Fußball haben nicht nur dazu geführt, dass den Vereinen fest eingeplante Einnahmen verloren gingen. Auch der Marktwert der Fußballer ist geschrumpft. Das Portal "transfermarkt.de" stufte alle nach 1998 geborenen Profis um 10 Prozent herunter, ältere Spieler um 20 Prozent.

Das renommierte, international tätige Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG ermittelte für die Bundesligaspieler einen Wertverlust zwischen Februar und Mai von im Schnitt 16,5 Prozent - für den Fall, dass der jetzt begonnene Spielbetrieb auch bis zum Saisonende fortgesetzt werden kann. Im Falle eines Saisonabbruchs läge der Marktwert sogar um durchschnittlich 25,4 Prozent niedriger.

Fußball Bundesliga Mönchengladbach - Hoffenheim (Reuters/T. Schmuelgen)

Matthias Ginter: Innerhalb von drei Monaten sank sein Marktwert um mehr als ein Drittel

Selbst Nationalspieler wie Leon Goretzka vom FC Bayern (minus 30 Prozent), Matthias Ginter von Borussia Mönchengladbach (35,3) und Emre Can von Borussia Dortmund (36,4) wären derzeit aktuell deutlich weniger wert als vor Beginn der Corona-Krise. Für diese drei Spieler trifft zu, was Spielerberater Stefan Backs im DW-Interview so beschreibt: "Jeder Spieler, der aktuell einen Vertrag hat, der über diesen Sommer hinaus gilt, kann sich glücklich schätzen."

Ganz normale Angestellte

Für jeden achten Bundesligaprofi gilt das nicht. In den Ligen darunter ist die Lage noch prekärer. In der 2. Liga läuft der Vertrag fast jedes vierten Spielers ab (23,9 Prozent der Verträge), in der 3. Liga ist mehr als jeder Dritte betroffen (36,6), in den fünf Regionalligen sogar mehr als jeder zweite Spieler (59,5).

Sowohl Gewerkschafter Baranowsky als auch Spielerberater Backs verweisen vor diesem Hintergrund auf eine verzerrte Wahrnehmung des Berufs Fußballprofi in Deutschland. Millionäre seien bestenfalls Spieler aus der Bundesliga. "Die breite Masse der Profis ist von Topgehältern meilenweit entfernt", sagt Baranowsky. Sie seien ganz normale Angestellte, die hart getroffen würden, wenn sie ohne Vertrag dastünden. "Beispielsweise kümmern wir uns gegenwärtig um Regionalliga-Spieler, die ihren Lebensunterhalt von deutlich weniger als 1000 Euro bestreiten müssen."

Spieler im Trainingscamp der Vereinigung der Vertragsfußballspieler VDV (DW/J. Bartkowiak)

Auch in diesem Sommer gibt es wieder ein Trainingscamp der Spielergewerkschaft VdV für vertragslose Profis

Auch in der zweiten und dritten Liga ist die Lage alles andere als rosig. "Die Spieler dort haben es ohnehin nicht leicht, weil sie in der Regel nicht so viel Geld verdienen, dass sie nach der Karriere ausgesorgt haben", sagt Backs. "Sie haben große Schwierigkeiten, hinterher wieder im Berufsleben Fuß zu fassen. In dieser Krise werden dann auch noch Gelder gekürzt, vielleicht werden hinterher sogar einige Vereine gar nicht mehr existieren."

Toptransfers nur noch bei Topspielern

Die Spielergewerkschaft VdV, so Geschäftsführer Baranowsky, rate Fußballern, die aktuell ohne Vertrag dastehen, abzuwägen, "inwieweit es besser ist, zunächst eine kurze Vertragslaufzeit zu wählen. Wenn danach nämlich die Krise vorbei sein sollte, hätten die Spieler im Verhandlungpoker wieder bessere Karten". Und ein Wechsel ins Ausland? Das hänge "sehr stark vom Leistungsniveau und von den persönlichen Vorstellungen" des Spielers ab, sagt Baranowsky. "Wer auch auf dem internationalen Arbeitsmarkt die Augen aufhält, hat aber zumindest bessere Jobchancen."

Dagegen spricht, dass auch in den anderen Staaten Europas Profi-Fußballklubs unter den Folgen der Corona-Krise leiden. Sie werden aller Voraussicht nach dreimal nachdenken, ehe sie einem guten, aber nicht überragenden Spieler aus Deutschland einen Vertrag geben. "Es wird kurzfristig erst mal so sein, dass die ganz großen Transfers nur noch bei absoluten Topspielern stattfinden", erwartet Spielerberater Backs.

Flucht in die Qualität

Fußball-WM 2014 - Finale: Deutschland - Argentinien- Mario Götze (picture-alliance/EPA/dpa/K. Krzaczynski)

Götzes WM-Ruhm zahlt sich nicht mehr aus

"Flight to quality", Flucht in die Qualität, nennen Finanzexperten dieses Phänomen: In einer wirtschaftlichen Krise investieren Unternehmen nur noch in risikoarme Geschäfte. Fußballvereine werden sich also eher dagegen entscheiden, einen Spieler zu verpflichten, der seine Topform nicht nachweisen konnte - oder auch durfte, wie im Fall Mario Götze, der zuletzt bei Borussia Dortmund meist auf der Auswechselbank saß. Götzes Marktwert ist übrigens inzwischen laut "transfermarkt.de" auf gut zehn Millionen Euro gesunken. Vor einem Jahr lag er noch bei 25 Millionen Euro, 2014 zu seiner Zeit bei den Bayern sogar bei über 50 Millionen Euro. Selbst WM-Ruhm verblasst - in der Corona-Krise noch schneller.

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