Nicht nur Lehrer benötigt | Deutschlehrer-Info | DW | 15.10.2015
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschlehrer-Info

Nicht nur Lehrer benötigt

Das deutsche Schulsystem ist schlecht gerüstet für die Zahl der geflüchteten Kinder und Jugendlichen, die nach Deutschland kommen. 2015 werden es wohl mehr als 300.000 sein. Eine Studie skizziert den Handlungsbedarf.

Die Zahl der Geflüchteten, die nach Deutschland kommen, steigt – darunter auch viele schulpflichtige Kinder und Jugendliche. Eine Bildungsstudie des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache kommt zu dem Ergebnis: Dieser Zuzug wird das Schulsystem langfristig verändern. Seit 2006 hat sich der Anteil der 6- bis 18-jährigen Einwanderer nach Deutschland vervierfacht. Allein im vergangenen Jahr wuchs die Zahl der Kinder und Jugendlichen von 22.000 auf rund 100.000. Für 2015 rechnen Politik und Gewerkschaften mit rund 300.000 geflüchteten Kindern an deutschen Schulen.

Die Frage, wie neu zugewanderte Schüler ins Bildungssystem aufgenommen werden können, sei jahrelang vernachlässigt worden, sagte Professor Michael Becker-Mrotzek, der Direktor des Mercator-Instituts. „Die Zahl wächst mit großer Geschwindigkeit und gerade diese Schnelligkeit stellt die Schulen und Lehrkräfte vor große Herausforderungen.“ Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert deswegen bereits die Einstellung von 24.000 neuen Lehrern.

Schulpflicht früher und einheitlicher

Aber damit nicht genug, der Studie zufolge müsse auch das Bildungssystem umgebaut werden. Eine zentrale Forderung: Die Neuankömmlinge müssen möglichst schnell ins Schulsystem integriert werden. Hier gibt es bislang deutliche Unterschiede, weil das Schulsystem in Deutschland von den Bundesländern organisiert wird.

Während in Baden-Württemberg die Schulpflicht erst nach sechs Monaten in Deutschland gilt, müssen schulpflichtige geflüchtete Kinder in Bayern und Thüringen nach drei Monaten in die Schule. Und in Berlin sind sie erst schulpflichtig, wenn ihr Asylantrag anerkannt ist, allerdings haben sie vorher ein Recht auf den Schulbesuch. gilt die Schulpflicht bislang vom ersten Tag. Studienautorin Mona Massumi vom Zentrum für Lehrerinnenausbildung (ZfL) fordert eine Vereinheitlichung der Regelungen. Je früher die Kinder und Jugendlichen integriert würden, desto besser, sagt Massumi.

Aber auch die Frage, wie die Flüchtlinge ohne Deutschkenntnisse am besten unterrichtet werden sollen, muss neu beantwortet werden, sagen die Studienmacher. Es müsse in allen Bundesländern vergleichbare Maßstäbe geben, wie viel Sprachförderung jedes Kind braucht, um dem Unterricht auf Deutsch folgen zu können. Zudem müsse geklärt werden, ob Parallelklassen mit Sprachförderung das beste Mittel seien, um die Schüler nach einem bis zwei Jahren in den Regelunterricht zu integrieren. Absehbar sei, so die Ko-Autorin der Studie Nora von Dewitz, dass der Bedarf an zusätzlicher Sprachförderung „von Schulform zu Schulform stark variieren kann.“

Ohne Betreuung und Sprachförderung geht es nicht

Je jünger die Kinder sind, desto schneller sollten sie aber in den Regelschulbetrieb mit ergänzender Sprachförderung kommen. „Grundschulen haben mit der Heterogenität der Schüler mehr Erfahrung als weiterführende Schulen“, sagt Becker-Mrotzek.

Je älter die Kinder sind, desto stärker unterscheiden sich Wissen und Kompetenz der Schülerinnen und Schüler. Deshalb dürften vor allem ältere Flüchtlingskinder häufiger in eigenen Parallelklassen landen, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Patentrezepte gebe es nicht, sagt Becker-Mrotzek. Nur eines könne man ausschließen: Dass die Flüchtlingskinder ohne Betreuung und ohne Sprachförderung in ganz normale Klassen gehen könnten.

Das liege vor allem daran, dass sich die Herkunftsländer der schulpflichtigen Einwanderer geändert hätten. Bis 2014 war der Zuzug geprägt vom benachbarten, europäischen Ausland. 60 Prozent stammten aus Polen, Rumänien, Russland, Bulgarien oder Serbien. Seit 2014 kommen besonders viele junge Syrer nach Deutschland. Studienautorin von Dewitz sagt: „Der Zuzug junger Syrer hat sich in den vergangenen drei Jahren nahezu verzehnfacht.“

Wohin mit den 18-jährigen Einwanderern?

Auf die weiterführende Schulen kommen besonders große Herausforderungen zu: Denn die Zahlen für 2014 zeigen, dass unter den jungen Zuwanderern besonders viele 18-Jährige waren. In Deutschland ist diese Altersstufe nicht mehr schulpflichtig. Das wirft Fragen auf: Müssen diese 18-Jährigen ins normale Schulsystem zurückgestuft werden? Oder braucht man eine Flexibilisierung der Schulpflicht, die an Mindeststandards des Spracherwerbs gekoppelt ist? Noch gibt es darauf keine Antwort. Nur so viel scheint klar zu sein: Sprachförderung muss künftig Alltagsgeschäft an deutschen Schulen sein.

Die Redaktion empfiehlt