Nicht jeder Grammatikfehler ist wirklich einer | Deutschlehrer-Info | DW | 24.01.2019
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Deutschlehrer-Info

Nicht jeder Grammatikfehler ist wirklich einer

Wenn Lehrer mit dem Rotstift im Aufsatz wüten, liegen sie bei dem einen oder anderen Grammatikfehler vielleicht nicht immer richtig. Forscher haben herausgefunden: Viele Varianten sind gebräuchlicher als gedacht.

Sie kennen sich mit der deutschen Sprache aus? Dann wissen Sie sicher, ob dieser Satz richtig ist: „Bereits seit Anfang Monat verkehrt ein Schiff zwischen Rorschach und Lindau.“

Sie finden, dass der Satz seltsam klingt und dass es doch eigentlich „seit Anfang des Monats“ heißen müsste? So geht es den meisten von uns. Doch nach einem neuen Nachschlagewerk über grammatische Gepflogenheiten in der deutschen Sprache ist dieser Satz trotzdem in Ordnung – denn genau so kann er in der deutschsprachigen Schweiz und in Liechtenstein in der geschriebenen Sprache vorkommen.

Viele Varianten – eine Sprache

Um herauszufinden, welche verschiedenen grammatikalischen Konstruktionen häufiger vorkommen, hat ein internationales Forscherteam Tausende Zeitungsartikel aus dem deutschsprachigen Raum ausgewertet. Grammatische Konstruktionen und Wortbildungsmuster, die in einer bestimmten Häufigkeit auftraten, nahmen sie in ihre „Variantengrammatik des Standarddeutschen (2018)“ auf.

Aufgelistet werden in diesem Onlinekatalog unter anderem Phänomene der grammatischen Bereiche Flexion, Adverbien-, Artikel- und Pronomengebrauch, Wortbildung sowie Wort- und Satzstellung. Eine Karte zeigt dabei an, in welcher Region die Varianten üblich sind.

Auf die Idee, die Variantengrammatik zu erstellen, kam die Sprachwissenschaftlerin Christa Dürscheid von der Universität Zürich. Die gebürtige Baden-Württembergerin kam vor mehr als 15 Jahren in die Schweiz. Ein Elternbrief von der Schule ihrer Kinder weckte ihr Forscherinteresse. Statt „In den Alpen liegt bereits Schnee“ stand darin: „Bereits liegt in den Alpen Schnee.“ Damals habe sie gedacht: „Das kommt aus der Schule, das kann wohl kein Fehler sein.“

„Es ist ein berechtigtes Anliegen, wissen zu wollen, was falsch und was richtig ist“, sagt Dürscheid. „Aber Sprachgebrauch lässt viel Variation zu.“ Das heißt: Grammatische Formen, die sich für manche falsch anhören, sind anderswo gebräuchlich – wie zum Beispiel, ob man „zu Weihnachten“ oder „an Weihnachten“, „im Voraus“ oder „zum Voraus“ verwendet – „das Bonbon“ oder „der Bonbon“. Denn im Gegensatz zur Rechtschreibung, bei der der Rat für deutsche Rechtschreibung die oberste Instanz ist,  gibt es bei der Grammatik niemanden, der über richtig oder falsch entscheidet, sagt Dürscheid.

Und was ist mit den Regeln?

Dies bedeutet allerdings nicht, dass Schülerinnen und Schülern damit Tür und Tor für jede beliebige Schreibung geöffnet sind. Schließlich beruht die Grammatik auf bestimmten Regeln und Bildungsnormen, auch wenn diese dem Sprachwandel unterworfen sind. Manche Grundregeln, etwa zum grammatischen Geschlecht oder zu den Wortarten, bleiben stabil, wie die Sprachwissenschaftlerin Sabine Krome betont. Sie vertritt die Geschäftsstelle des Rats für deutsche Rechtschreibung beim Institut für Deutsche Sprache in Mannheim.


sts/rh (mit dpa, Variantengrammatik des Standarddeutschen, 2018)

 

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