Nicht immer nur Englisch: Wie Wissen verloren geht und Sprachen sterben | Wissenschaft | DW | 09.10.2021
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Diversität

Nicht immer nur Englisch: Wie Wissen verloren geht und Sprachen sterben

Wichtige Ergebnisse der Wissenschaft bleiben oft unbemerkt, wenn sie nicht auf Englisch veröffentlicht werden. Und wenn kleine Sprachen sterben, geht kostbares medizinisches Wissen verloren.

Indigene in Brasilien

In vielen Kulturen wird medizinisches Wissen nur mündlich weitergegeben und droht verlorenzugehen

Neue Forschungsergebnisse werden traditionell in Fachzeitschriften auf Englisch veröffentlicht. Nur so können sie international wahrgenommen werden, denn heutzutage ist nun einmal Englisch die weltweite Verkehrssprache. Wer sich international mitteilen oder sich informieren will, kommuniziert in dieser Sprache.

Allerdings werden längst nicht alle Forschungsergebnisse auf Englisch publiziert und so werden diese teilweise enorm wichtigen Entdeckungen oder Analysen schlicht nicht wahrgenommen, was tragisch ist! Vorhandenes Wissen und regionale Expertise werden nicht weitergegeben und gehen womöglich unwiederbringlich verloren. 

Das Wort Schule in mehreren Sprachen auf einer Tafel

Wer sich international mitteilen oder sich informieren will, kommuniziert auf Englisch

Unbemerktes Wissen über Biodiversität

Wie bereichernd eine Einbeziehung auch dieser Forschungsergebnisse sein kann, hat ein internationales Team von 60 Forschenden unter Leitung der Universität Queensland untersucht.

Das Team analysierte 466 nicht-englischsprachige Fachzeitschriften aus den Bereichen Ökologie und Naturschutz in 16 Sprachen aus 38 Regionen der Welt. Das Ergebnis ihrer - natürlich auf Englisch erschienenen - Studie ist so naheliegend wie eindeutig: Wissenschaftliche Arbeiten, die in anderen Sprachen veröffentlicht und deshalb bisher oft ignoriert wurden, können zweifellos helfen, die biologische Vielfalt auf der Erde besser zu schützen.

Wissensgewinn lässt sich bemessen

Es geht dabei nicht nur um eine Wahrnehmung und damit Würdigung von vorhandenem Wissen, das die Artenvielfalt erhalten kann, sondern auch um die reine Quantität der Forschungsfelder: Bezieht man die Forschung zum Naturschutz in anderen Sprachen mit ein, steige die untersuchte geografische Fläche um 25 Prozent, so das Ergebnis der Studie.

Auch die Anzahl der beforschten Tierarten steige deutlich an: bei den Amphibien um fünf Prozent, bei Säugetieren um neun Prozent und bei den Vögeln um 32 Prozent.

Auch deutsche Studien bleiben unberücksichtigt

Die entsprechenden deutschen Studien hat Dr. Kerstin Jantke vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg ausgewertet. Sie sichtete 2756 deutsche wissenschaftliche Aufsätze von 1965 bis 2019 aus drei Ökologie-Fachjournalen.

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Die Kraft der Heilpilze

Allein in diesen deutschsprachigen Publikationen wurden 65 effektive Naturschutzmaßnahmen für den Erhalt von weiteren neun Amphibienarten, 64 Säugetierarten und 217 Vogelarten erforscht. "Diese Erkenntnisse waren für die internationale Wissenschaft aber unerreichbar", so Jantke. "Um die Ergebnisse weltweit zugänglich zu machen, werden sie jetzt in eine frei zugängliche Datenbank eingepflegt. Sie enthält Zusammenfassungen aller geprüften Studien in 16 Sprachen – ein Mammutprojekt!"

Sprache transportiert Heilwissen

Wichtige Forschungsergebnisse, die zwar in großen Sprachen, aber eben nicht auf Englisch veröffentlicht werden, bleiben also oftmals unbemerkt. Noch dramatischer ist es allerdings um das Wissen bestellt, dass nur in Sprachen weitergegeben wird, die nur noch vergleichsweise wenige Menschen sprechen. 

Besonders auffällig war laut Studie, dass ein Großteil der Forschung in anderen Sprachen aus Regionen wie Lateinamerika stammt, wo die Biodiversität stark gefährdet ist. "Auch Erkenntnisse aus indigenem Wissen, dem Indigenous Knowledge, werden häufig nicht auf Englisch publiziert. Wenn wir diese aber ignorieren, verpassen wir sehr viel erfolgreichen Klima- und Naturschutz", sagt Kerstin Jantke. "Wir sollten dieses Wissen nutzen und nicht verschenken."

Eine Studie der Universität Zürich zeigte jüngst, wie eng das vorhandene Wissen über Heilpflanzen in Lateinamerika mit den bedrohten indigenen Sprachen verbunden ist. Demnach waren 75 Prozent der Anwendungen von Heilpflanzen in nur einer Sprache bekannt.

Für die - natürlich ebenfalls auf Englisch erschienene - Studie wurden 645 Pflanzenarten im nordwestlichen Amazonasgebiet und ihre medizinische Verwendung laut mündlicher Überlieferung in 37 Sprachen untersucht. In diesem Gebiet waren die Kenntnisse über die Heilpflanzen sogar zu 91 Prozent in nur einer einzigen Sprache vorhanden.

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Südafrika: Traditionelle Medizin bedroht die Natur

Mit den Sprachen verschwindet das Wissen

Da dieses Wissen aber bei vielen indigenen Völkern traditionell nur mündlich weitergegeben wird, geht mit dem Verschwinden der Sprachen auch das über Generationen erworbene medizinische Wissen unwiederbringlich verloren.

"Jedes Mal, wenn eine Sprache verschwindet, verschwindet auch eine sprechende Stimme, verschwindet eine Möglichkeit, der Realität einen Sinn zu geben, verschwindet eine Möglichkeit, mit der Natur zu interagieren, verschwindet eine Möglichkeit, Tiere und Pflanzen zu beschreiben und zu benennen", sagt Jordi Bascompte, Forscher in der Abteilung für Evolutionsbiologie und Umweltstudien an der Universität Zürich.

Weltweit sind aktuell etwa 42 Prozent der rund 7.000 existierenden Sprachen vom Aussterben bedroht. Allein in Brasilien existieren laut Sprachforschungsorganisation SIL International von den 1.000 indigenen Sprachen, die dort vor der Ankunft der Portugiesen im Jahr 1500 gesprochen wurden, nur noch etwa 160.

Chance auf neue Medikamente wahren

Damit verringern sich zugleich die Chancen für die Entdeckung künftiger Medikamente, gibt Bascompte von der Universität Zürich in der Studie zu bedenken. Denn nach wie vor werden viele Medikamente aus Heilpflanzen gewonnen. Ob es nun die Acetylsalicylsäure in Kopfschmerztabletten ist, deren Wirkstoff aus der Weißweide (Salix alba L.) gewonnen wird oder das Morphin, das aus Mohn (Papaver somniferum) hergestellt wird.

Mann richt an Blättern im brasilianischen Amazonas-Regenwald

Die Pflanzen des Amazonas-Regenwaldes dienen seit Generationen als Medizin für viele indigene Völker

Damit dieses Potential nicht verloren geht, muss beides, die Artenvielfalt wie auch das Wissen um die heilende Kraft der Pflanzen, geschützt werden. Biologische und kulturelle Vielfalt sind untrennbar miteinander verbunden.

"Wir können dieses Netzwerk jetzt nicht ignorieren und nur an die Pflanzen oder nur an die Kultur denken", meint Bascompte mit Blick auf den Verlust der Artenvielfalt. "Wir Menschen sind sehr gut darin, Kultur und Natur zu homogenisieren, so dass die Natur überall mehr oder weniger gleich zu sein scheint."

Zentrale Rolle von indigenen Schulen

Da in Brasilien seit der Kolonialzeit die portugiesische Sprache vorherrschend ist, haben viele indigene Eltern auf ihre Muttersprache verzichtet, auch um ihre Kinder für den gesellschaftlichen Erfolg zu rüsten.

"Sprachwissenschaftler betrachten eine Sprache als gefährdet, wenn die Menschen aufhören, mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache zu sprechen", sagt Luciana Sanchez Mendes, eine auf indigene Sprachen spezialisierte Linguistin.

Eine zentrale Rolle beim Erhalt der biologischen und kulturellen Vielfalt spielen in Brasilien deshalb die indigenen Schulen in den Dörfern, wo die Kinder sowohl Portugiesisch als auch die ursprüngliche Sprache der Gemeinschaft lernen.

UNESCO ruft Aktionsjahrzehnt aus

"Es gibt ein Leben außerhalb des Englischen", sagt Bascompte. "Das sind Sprachen, die wir gerne vergessen - die Sprachen armer oder unbekannter Menschen, die keine nationale Rolle spielen, weil sie nicht in Gremien oder bei den Vereinten Nationen oder an ähnlichen Orten sitzen.

Um die wertvollen indigenen Sprachen weltweit zu erhalten und wieder zu beleben, hat die UNESCO die Jahre 2022 bis 2032 gleich zu einem ganzen Aktionsjahrzehnt für indigene Sprachen erklärt.

Wir sollten uns bemühen, diese Erklärung der Vereinten Nationen zu nutzen, um das Bewusstsein für die kulturelle Vielfalt zu schärfen und uns bewusst zu machen, wie glücklich wir uns als Spezies schätzen können, Teil dieser erstaunlichen Vielfalt zu sein." 

 

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