Nicht alles unter Kontrolle am Nil | Nahost | DW | 18.09.2013
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Nahost

Nicht alles unter Kontrolle am Nil

Die ägyptische Armee hat nicht nur auf der Sinai-Halbinsel Mühe, bewaffnete Islamisten zurückzudrängen. In Oberägypten beherrschten Extremisten vorübergehend eine Großstadt. Verliert Kairo die Kontrolle?

Wochenlang hatten militante Islamisten in Ägypten die 120.000-Einwohner-Stadt Delga in der Hand. Sie vertrieben die Polizei und errichteten ein Willkür-Regime. Erst am Montag (16.09.2013) rückte die Armee mit Hubschraubern und Schützenpanzern in die Provinzstadt ein und vertrieb die Extremisten. Drei Tage später stürmten Regierungstruppen auch das von Aufständischen kontrollierte Dorf Kerdassah nahe der Hauptstadt. Die Militäroperationen machten deutlich, dass radikale Gruppen nicht nur auf der Sinai-Halbinsel die Staatsgewalt herausfordern. Auch im Niltal sind die Sicherheitskräfte nicht überall Herr der Lage.

Die Gewalt im Land hat deutlich zugenommen, seit die Armee am 3. Juli den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi stürzte. Die Muslimbrüder, aus deren Reihen Mursi hervorging, forderten anschließend mit Protestcamps und Straßenblockaden die Wiedereinsetzung des gewählten Staatsoberhaupts. Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen wurden mehr als tausend Menschen getötet. Mittlerweile sind die meisten Führer der Muslimbruderschaft in Haft. Zur politischen Eskalation kommt eine wachsende Zahl von Terroranschlägen. Verschiedene Gruppen verüben vor allem auf der Sinai-Halbinsel Attentate. Aber auch Kairo wurde am 5. September von einem schweren Anschlag erschüttert. Innenminister Mohammed Ibrahim entging knapp einem Anschlag auf seinen Autokonvoi. Dutzende Menschen wurden verletzt.

Ägyptische Sicherheitskräfte am 16.9.2013 in Delga (Foto: AFP)

Erst Mitte September erlangten ägyptische Sicherheitskräfte die Kontrolle in Delga zurück

Die Übergangsregierung hat wegen der angespannten Situation den Ausnahmezustand mit einer nächtlichen Ausgangssperre verhängt. Insgesamt habe sich die Sicherheitslage seit Mitte August jedoch verbessert, meint der Politikwissenschaftler Mustafa Kamel Al-Sayyid. "Tagsüber ist es kein Problem, sich zu bewegen ", sagt der Professor der Amerikanischen Universität in Kairo im DW-Gespräch.

Militante besser bewaffnet als Polizei

Das galt jedoch nicht für Delga, 300 Kilometer südlich von Kairo. Bewaffnete steckten die Polizeiwache ebenso wie mehrere Kirchen und Häuser von Christen in Brand. Christen mussten ein Schutzgeld zahlen. Ähnliche Angriffe auf Kirchen gab es auch in anderen Städten. Die Polizei in Delga war nach Ansicht von Al-Sayyid zu schwach, um sich gegen die schwer bewaffneten Angreifer zu wehren. "Es gibt einige Orte, vor allem in Oberägypten, die unter der gleichen Situation leiden", schildert Al-Sayyid die Lage im Land.

Aus Delga ließen sich die Islamisten ohne großen Widerstand vertreiben. Nach offiziellen Angaben kam niemand ums Leben. Die Soldaten durchkämmten Medienberichten zufolge die Straßen und feuerten Tränengas in die Wohnungen von Verdächtigen. 88 Personen wurden festgenommen, darunter auch Mitglieder der militanten Gruppe Gamaa Islamija. Viele Gesuchte sollen jedoch vor dem Einmarsch geflohen sein.

Al-Sayyid zufolge stecken hinter den Übergriffen auf Staatsorgane und Kirchen eher militante Gruppen als die von der Macht verdrängte Muslimbruderschaft. "Sie sehen jeden Nicht-Muslim als Ungläubigen an, der bekämpft werden muss", beschreibt der Politikwissenschaftler die Einstellung der Radikalen. Christen sind dabei nicht nur wegen ihres Glaubens Ziel von Anschlägen. Sie gelten als Sympathisanten der Armee.

Erinnerungen an die Terrorwelle der 1990er Jahre

Die unsichere Lage erinnert den pensionierten Generalmajor Mohamed Kadry Said an die 1990er Jahre. Damals hatten Gruppen wie die Gamaa Islamija zahlreiche Anschläge verübt. Die Organisation war 1997 für das Blutbad an Touristen in Luxor verantwortlich. Dabei starben 62 Menschen, darunter 36 Schweizer und vier Deutsche. "Es hat damals vier Jahre gedauert, bis wir diese Terroraktivitäten beenden konnten", erinnert sich Said. Er ist heute Militärberater des Kairoer Al-Ahram-Zentrums für politische und strategische Studien. Im Gegensatz zu damals habe die Armee nun mehr Erfahrung im Kampf gegen Extremisten. Außerdem unterstütze die Bevölkerung die Sicherheitskräfte, meint der Offizier.

Polizisten führen festgenommene Demonstranten ab (Foto: AFP)

Im August waren Polizeikräfte mit massiver Gewalt gegen Protestcamps der Muslimbrüder vorgegangen

Das sieht Diana Eltahawy von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in London kritischer. Für die Ägypten-Referentin tragen Polizei und Armee eine deutliche Mitschuld an der Lage im Land. So hätten Sicherheitskräfte ohne Unterschied auf gewalttätige wie friedliche Anhänger von Mursi geschossen. "Dagegen sind sie nicht zu sehen, wenn sie massiv auftreten sollten, um Kirchen oder koptische Christen zu schützen", klagt Eltahawy die Einheiten von Innen- und Verteidigungsministerium an.

Wie der Machtkampf zwischen Armee, Muslimbruderschaft und den militanten Gruppen weitergeht, ist kaum vorherzusagen. Al-Sayyid nimmt jedoch an, dass die meisten Muslimbrüder weiter mit politischen Mitteln für ihre Ziele kämpfen werden. Gegen die Staatsmacht habe die Organisation im bewaffneten Kampf keine Chance. "Wann immer die Muslimbrüder in der Vergangenheit die Regierung herausgefordert haben, wurden sie besiegt", betont der Forscher. "Sie sollten diese Lektion lernen", mahnt er. Eine kleine Gruppe von Muslimbrüdern könnte jedoch ins Lager der radikalen Organisationen wechseln.

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