Netflix-Coup: Martin Scorseses neuer Film ″The Irishman″ | Filme | DW | 27.09.2019
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Weltpremiere

Netflix-Coup: Martin Scorseses neuer Film "The Irishman"

Uraufführung beim New Yorker Filmfest, Festivaleinsätze weltweit, begrenzter Kinostart in den USA, schließlich die Netflix-Premiere am 27. November: Scorseses Film mit Robert De Niro und Al Pacino ist ein Medienereignis.

Mehr Hype geht nicht. Martin Scorsese gilt trotz anderen Größen wie Steven Spielberg, Francis Ford Coppola oder Quentin Tarantino bei Experten als bester Regisseur Amerikas. Was natürlich immer auch Geschmackssache und eine subjektive Einschätzung bleibt. Doch Scorsese als wichtigsten US-Filmemacher der jüngeren amerikanischen Kinogeschichte zu bezeichnen, würde vermutlich auf wenig Widerspruch treffen.

Ein Scorsese-Film ist also immer ein Ereignis. Seitdem sich der Regisseur mit Filmen wie "Taxi Driver", "Raging Bull" und "Gangs of New York" in die Geschichtsbücher des Kinos eingetragen hat, lieben ihn Publikum und Kritik. Und im Gegensatz zu seinen Mitstreitern des "New Hollywood"-Kinos ist der 1942 in New York geborene Scorsese nach wie vor als Regisseur aktiv.

Martin Scorsese ist seit den 1970er Jahren einer der führenden US-Regisseure

Ende der 1960er Jahre und im folgenden Jahrzehnt hatten Arthur Penn, Mike Nichols, Robert Altman und andere das damals künstlerisch ausgeblutete US-Kino aus den Angeln gehoben: mit neuen Themen und einer neuen Ästhetik. Filme wie "The Graduate", "Bonnie and Clyde" und "Easy Rider" standen am Anfang. Scorsese wurde in den Folgejahren zu einem der wichtigsten Regisseure dieser filmischen Neuerfindung des Kinos. Und: Der Amerikaner mit italienischen Wurzeln ist bis heute seinen künstlerischen Wurzeln treu geblieben, Blockbuster-Kino und Superhelden-Filme haben ihn nie interessiert.

Filmstill Taxi Driver mit Robert De Niro und Jodie Foster (picture-alliance/United Archives/IFTN)

Blutjung und am Anfang ihrer Karrieren: Jodie Foster und De Niro in "Taxi Driver"

Zu seiner Spezialität wurden dagegen Mafia-Filme, New York blieb sein liebster Schauplatz. Werke wie "Goodfellas", "Casino" oder "The Departed" definierten das Kriminalfilmgenre völlig neu. Mit "The Irishman" knüpft der Regisseur nun daran an. Die Besetzung seines neuen Films dürfte den schon im Vorfeld der Premiere entstandenen Hype um den "neuen Scorsese" zusätzlich befeuert haben.

Traumduo des US-Kinos in "The Irishman" vereint

Mit Robert De Niro hat der Regisseur bereits acht Filme gedreht, er gilt als sein Lieblingsschauspieler. Und auch hier haben die Experten in den vergangenen Jahren gern zu Superlativen gegriffen: Als "bester Schauspieler seiner Generation" ist De Niro nicht selten beschrieben worden. Scorsese/De Niro gelten als Traumduo des neuen amerikanischen Films, haben aber seit über 20 Jahren nicht mehr miteinander gearbeitet. Dass neben De Niro Al Pacino eine Hauptrolle in dem Film übernommen hat, verleiht "The Irishman" zusätzlich Star-Gewicht. Auch der Scorsese-Schauspieler Joe Pesci kehrte für den Film nach fast 20-jähriger Leinwandabstinenz zurück.

Filmstill The Irishman (Imago Images/Zuma Press/Netflix/STX Entertainment)

Am Anfang noch Seite an Seite: Hoffa (Al Pacino) und Sheeran (De Niro)

Scorsese erzählt die Geschichte des in der US-Kriminalgeschichte legendären Auftragskillers Frank 'The Irishman' Sheeran über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. Der Regisseur hat sich dabei auf die 2004 als Buch erschienene Lebensgeschichte Sheerans von US-Autor Charles Brandt gestützt. Sheeran, im Film von De Niro verkörpert, war im Zweiten Weltkrieg als amerikanischer Soldat in Europa im Einsatz.

Karriere eines Auftragsmörders: Frank Sheeran

Nach dem Krieg verdingte er sich in verschiedenen Berufen, bis er Kontakt zu Mafia-Kreisen aufnahm. Dort entwickelte er sich zu einem skrupellosen Auftragskiller der Cosa Nostra. Sheeran soll unter anderem 1975 an dem Mord am mächtigen US-Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa (im Film: Al Pacino) beteiligt gewesen sein. Mehrere Quellen nennen ihn als Haupttäter. Der Mord an Hoffa, bis heute nicht vollständig aufgeklärt, gilt in den USA als eines der meistdiskutierten Verbrechen der Kriminalgeschichte. Vor allem auch, weil Hoffas Leiche nie gefunden wurde. Erst sieben Jahren nach dem Verschwinden des mächtigen Gewerkschafters, dem zahlreiche Mafia-Kontakte nachgewiesen werden konnten, wurde Hoffa offiziell für Tod erklärt.

Filmstill The Irishman (Imago Images/Zuma Press/Netflix/STX Entertainment)

Verhandlungen im Mafia-Hinterstübchen: Sheeran (De Niro r.) und Russell Bufalino (Joe Pesci)

Dieses Verbrechen steht im Mittelpunkt des Films. Scorsese zeigt in langen Rückblenden - den Erinnerungen Frank Sheerans -, das Leben eines Mafia-Auftragskillers. Das hat offenbar auch einen großen Teil der Produktionskosten verschlungen: Alle Darsteller mussten einen enormen Alterungsprozess durchlaufen, eine Herausforderung für die Trickabteilungen, die u.a. von "Industrial Light & Magic" ("Star Wars") gesteuert wurden.

Die Produktionskosten für "The Irishman" gerieten aus dem Ruder

"The Irishman" ist so zum wohl teuersten Scorsese-Film geworden. Das führte dazu, dass Produzent und ausführendes Studio ("Paramount") aus dem Projekt ausstiegen und der Streaminganbieter Netflix die Produktion von "The Irishman" übernahm. Das wiederum führte dazu, dass die Spekulationen über die Premiere des neuen Scorsese-Werks zu einem vieldiskutierten Thema in der Branche wurden.

Filmstill The Irishman (Imago Images/Netflix/STX Entertainment)

Auch die teure Ausstattung verschlang einen Großteil der Produktionskosten

Ein überaus teurer Film (es ist von rund 200 Millionen Dollar Produktionskosten die Rede) dieses Regisseurs und unbedingten Kino-Liebhabers, nur auf kleiner Mattscheibe für den Hausgebrauch? Der neue Film eines Mannes, der sich seit vielen Jahren an führender Stelle für den Film auf großer Leinwand einsetzt und mit viel Geld die Schätze der Kinogeschichte restaurieren lässt, bei einem Streaminganbieter? Für viele Scorsese-Fans und Kinoliebhaber eigentlich ein Unding.

Mit "Roma" gelang ein erster Coup, Netflix hofft jetzt auf "The Irishman"

Netflix hatte zuletzt mit dem Film "Roma" einen Coup gelandet, auch das eine Kinoproduktion, die erst während des Produktionsprozesses zum Streaminganbieter wechselte. Weil jedoch bei den Oscarverleihungen nur Filme eine Chance haben, die zuvor zumindest eine Woche in Los Angeles im Kino gezeigt wurden, kam "Roma" kurz ins Kino. Der Film des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón entpuppte sich für Netflix als überaus gute Werbung. Er wurde zum Festival in Venedig eingeladen, holte dort den Goldenen Löwen - und anschließend mehrere Oscars.

Robert De Niro und Martin Scorsese (Getty Images)

Traumduo des amerikanischen Films: De Niro und Scorsese, hier im Jahre 2010

Das Spiel könnte sich jetzt bei "The Irishman" wiederholen. Der feiert am 27. September beim New York Film Festival Weltpremiere und wird danach auf Festivals in den USA, in Europa und Asien gezeigt. In den USA startet Scorseses neuestes Werk dann am 1. November auch noch mit wenigen Kopien in einigen Kinos des Landes - auch in Großbritannien ist ab dem 8. November ein limitierter Kinoeinsatz vorgesehen. Die Oscarchancen sind damit gewahrt. Der eigentliche Start bei Netflix ist für den 27. November vorgesehen.

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