Nach dem Tsunami: Das Geschäft mit den Toten | Asien | DW | 02.01.2019
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Naturkatastrophe

Nach dem Tsunami: Das Geschäft mit den Toten

Der Tsunami in Indonesien hinterlässt neben Tausenden zerstörter Existenzen auch mehr als 400 Familien, die Angehörige verloren haben. Ausgerechnet im Krankenhaus wird aus dem Leid der Hinterbliebenen Profit geschlagen.

Schmerz, innere Leere und Ohnmacht. In diesem Schockzustand müssen die Angehörigen der Tsunami-Opfer die sterblichen Überreste ihrer Liebsten im Bezirkskrankenhaus Serang in der Provinz Banten abholen, rund 150 km von der zerstörten Küstenregion Javas entfernt. Unter den wartenden Angehörigen ist auch Jackson Sinaga aus Jakarta, der seinen neun Monate alten Sohn in den Flutwellen verlor: "Satria schlief tief und fest in einer gemieteten Villa in Carita Beach, als der Tsunami durch das Gebäude krachte. Es ging so schnell; ich hatte keine Zeit mehr, meinen kleinen Buben zu retten."

Einen Tag nach der Katastrophe sieht er sein totes Kind wieder. Traumatisiert und geplagt von Schuldgefühlen, muss er den leblosen Körper im Krankenhaus Serang abholen. Statt mit Anteilnahme wird der 29-Jährige mit einer gesalzenen Rechnung begrüßt. 800.000 Rupiah, umgerechnet rund 50 Euro, seien zu begleichen für den Transport des Leichnams - "in bar", fügt der Angestellte der forensischen Abteilung hinzu. Das ist viel Geld in einem Land mit einem Durchschnittslohn von knapp 240 Euro. Unfähig, einen rationalen Gedanken zu fassen, zahlt Jackson den Betrag.

Indonesien Serang - Bezirkskrankenhaus Dradjat Prawiranegara (DW/J. Küng)

Ein Fünftel eines Monatslohns für die Herausgabe eines Toten: Angehörige vor dem Krankenhaus von Serang

Vor dem Gebäude treffen sich drei weitere Opferfamilien. Auch ihnen werden Beträge von rund vier Millionen Rupiah, umgerechnet 240 Euro berechnet. Und das, obwohl das indonesische Gesundheitsministerium alle Folgekosten der Tsunami-Katastrophe voll aus der Staatskasse begleicht. Eine Diskussion entbrennt unter den Hinterbliebenen. Noch vor Ort sammelt einer der Geprellten alle Belege ein, verspricht, sich an die lokalen Behörden zu wenden.

Quittungen auf gefälschtem Briefpapier

Die Deutsche Welle konfrontiert das Krankenhaus mit den Vorwürfen, wird von Vizedirektor Rahmat Fitriadi zum Gespräch eingeladen. Auf die Frage ob die Krankenhausleitung von den illegalen Einnahmen weiss, bricht Fitriadi in Tränen aus: "Weder die Leitung, noch unsere Ärzte haben Dienstleistungen in Rechnung gestellt. Wir haben mit diesen Machenschaften nichts zu tun", behauptet Fitriadi schluchzend. Die offiziellen Briefköpfe auf den Zahlungsbelegen seien Fälschungen, sagt er weiter, tupft sich die Tränen aus den Augen: "Das ist eine Tragödie für unser Krankenhaus. Ich hoffe, dass dieser Skandal nicht unseren Ruf schädigt. Wir unterstützen die Ermittlungen der Behörden mit allen verfügbaren Informationen." 

Indonesien Serang - Bezirkskrankenhaus Dradjat Prawiranegara: Vizedirektor Rahmat Fitriadi (DW/J. Küng)

Rahmat Fitriadi: "Wir haben damit nichts zu tun"

Ermittler der Provinzpolizei von Banten vernehmen Ärzte, Forensiker und Krankenhauspersonal, stechen dabei in eine Eiterbeule. Mindestens 15 Millionen Rupiah sollen illegal in den Taschen von Angestellten verschwunden sein. Bis jetzt konnten sechs geprellte Familien ausgemacht werden. Ein Angestellter der forensischen Abteilung und zwei Mitarbeiter des Rettungsdienstes wurden unter dem Tatverdacht der Korruption festgenommen. Die Ermittlungen der Behörden laufen noch.

Lange Haftstrafen drohen

Illegale Rechnungen und Schmiergelder in öffentlichen Einrichtungen sind nichts Neues im ostasiatischen Inselstaat. Führerscheine werden auf Verkehrsämtern nur nach einer "Extrazahlung" in einer überschaubaren Frist ausgestellt. Lehrer an öffentlichen Schulen geben die Lösungen von Prüfungsfragen nach Zahlung von Schmiergeld heraus. Mehrfach versprach Präsident Joko Widodo, der wuchernden Korruption mit aller Härte zu begegnen. Dass mit dem Unglück der Tsunami-Opfer Kasse gemacht wird, ist allerdings neu. Bei einer Verurteilung droht den Beschuldigten lebenslange Haft; mindestens für vier Jahre müssten sie hinter Gitter.

Für Jackson Sinaga sind die Verhaftungen zur Zeit Nebensache: "Ich hoffe nur, dass keine weiteren Hinterbliebenen abgezockt werden und mit einer solchen Empathielosigkeit konfrontiert werden." Das Vertrauen in das Bezirkskrankenhaus Serang hat die Familie Sinaga jedenfalls verloren. Jacksons Bruder und Schwester, die bei der Flutwelle ebenfalls schwer verletzt wurden, werden nicht mehr in Serang, sondern in einem Krankenhaus in Jakarta gepflegt.

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