My Lai: Lektionen aus einem Massaker | Asien | DW | 15.03.2018
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Vietnamkrieg

My Lai: Lektionen aus einem Massaker

Der Massenmord an Zivilisten in einem Dorf in Südvietnam wurde vor 50 Jahren zum Sinnbild für die Gräueltaten der US-Truppen im Krieg gegen die Vietcong. Doch was hat die US-Politik daraus gelernt?

Menschen, die von Kugeln und Granaten durchbohrt wurden, durchschnittene Kehlen, abgehackte Hände - unvorstellbare Grausamkeiten, verübt von Soldaten der US-Armee an vietnamesischen Zivilisten. Am 16. März 1968 fiel eine Kompanie junger Soldaten in ein dicht besiedeltes Gebiet im Nordosten Südvietnams ein. Ihr Auftrag: alle Vietcong in der Gegend zu vernichten. Doch statt Kämpfern fanden sie Zivilisten vor. Die Truppen schlachteten Frauen, alte Männer, Kinder ab.

Die US-Armee verheimlichte die Vorkommnisse und stellte das Massaker von My Lai als Sieg über die kommunistische Guerilla dar. Erst ein Jahr später erfuhren US-Bürger, was wirklich vorgefallen war, als der Journalist Seymour Hersh von dem Massaker berichtete.

Vietnam My Lai Massaker (Imago/UIG)

Noch am Leben, aber für immer gezeichnet: Do Ba verlor zwei Finger beim Angriff der US-Truppen

"Viele wurden in kleinen Gruppen zusammengetrieben und erschossen, andere wurden in einen Abwassergraben am Rand des Dorfes geworfen und dort getötet, viele wurden in ihren Häusern oder nahebei willkürlich abgeknallt. Manche der jüngeren Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt und dann ermordet", schrieb Hersh in einem späteren Text im Magazin "New Yorker" über das Massaker 1972. My Lai wurde zum Inbegriff der Gräueltaten der US-Armee im Ausland.

Nur ein Leutnant wurde verurteilt

Sechs Männer aus der Kompanie mussten sich später für die Ereignisse in My Lai vor einem Militärgericht verantworten. Nur einer von ihnen, Leutnant William L. Calley Jr., wurde schuldig gesprochen. Wegen Mordes an 22 Menschen wurde er zu lebenslänglicher Haft verurteilt, musste aber am Ende nur dreieinhalb Jahre absitzen.

Vietnam 50 Jahre Tet-Offensive BG | My Lai Massaker| William Laws Calley (picture alliance/CPA Media)

William L. Calley Jr. wurde als einziger der Täter von My Lai verurteilt

504 Menschen starben laut Angaben der vietnamesischen Regierung bei dem Angriff auf My Lai und die umliegenden Dörfer. Diese Zahl ist heute vor Ort in einem Denkmal aus schwarzem Marmor verewigt, ebenso wie die Namen der Opfer.

"Das Massaker von My Lai ist auf gewisse Weise heute noch präsent, weil es so außergewöhnlich war in seiner gleichgültigen Brutalität", so Seymour Hersh im Gespräch mit DW. "Die meisten Massaker passieren im Gefecht. Aber hier gab es kein Gefecht. Die Truppen sind einfach Amok gelaufen in einem Dorf."

Das Massaker spaltete Ende der 1960er die bereits zutiefst polarisierten USA noch weiter: Für manche waren die Morde von My Lai ein Ausreißer, untypisch für das sonst ehrenhafte Verhalten der US-Armee. Für andere waren sie ein Weckruf, der zeigte, zu welchen Grausamkeiten ganz normale Soldaten im Krieg fähig waren.

Seymour Hersch (picture-alliance/AP Photo)

Enthüllungsjournalist Seymour Hersh: "Einfach Amok gelaufen"

"Diese Gruppe an Soldaten war in keinster Weise ungewöhnlich oder unnormal", so Howard Jones. Der emeritierte Professor ist Autor des Buches "My Lai: Vietnam, 1968, and the Descent into Darkness" (deutsch: "My Lai: Vietnam, 1968 und der Abstieg in die Finsternis").

"Nie wieder" - bis Abu Ghuraib

"Ich denke, dass US-Bürger nach My Lai viel Vertrauen in die Armee verloren haben", meint Fred Borch, der als Historiker für die oberste Justizbehörde der US-Armee arbeitet. Die Armee, so Borch, hat hart dafür kämpfen müssen, das öffentliche Vertrauen zurückzugewinnen.

Als Reaktion auf das Massaker habe man alle Militäroperationen unter rechtliche Aufsicht gestellt, so Borch. "In den letzten 50 Jahre hat sich die Armee so gewandelt, dass Juristen in Militäroperationen auf allen Ebenen miteinbezogen werden, so dass Befehlshaber rechtliche Beratung haben."

Seymour Hersh jedoch ist nicht der Meinung, dass es ausreichende Reformen in der Armee gab. Kurzfristig habe seine Berichterstattung die Behauptungen des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon in Frage gestellt, dass die USA im Vietnamkrieg eine moralische Überlegenheit hätten. Langfristig, so Hersh, hätten die Ereignisse von My Lai die US-Politik kaum beeinflusst.

"Es gab zwar seitdem kein Ereignis mehr wie das Massaker von My Lai , aber wir [die US-Amerikaner, d.Red.] werfen täglich weitreichende Bomben auf Städte," sagt Hersh.

Er verweist zudem darauf, dass Präsident Donald Trump jetzt Gina Haspel zur CIA-Direktorin berufen hat. Haspel hat in Thailand ein CIA-Gefängnis geleitet, in dem zahlreiche Gefangene gefoltert worden sein sollen. 

Abu-Ghuraib-Folterskandal (picture-alliance/AP Photo)

Der Abu-Ghuraib-Folterskandal schockierte Mitte der 2000er-Jahre nicht nur die US-Öffentlichkeit

Howard Jones glaubt, dass das Massaker von My Lai in den Lehrplan der Armee miteinbezogen werden sollte. Das Massaker sei im öffentlichen Bewusstsein kaum noch präsent, und viele junge Soldaten würden nichts darüber wissen. "Während des ersten Golfkrieges hat ein Kommandeur seinen Männern gesagt: 'Keine My Lais mehr!' Aber wir wissen natürlich, was dann später in Afghanistan passiert ist und im Irak in Abu Ghuraib", sagt Jones. In einem Gefängnis in Abu Ghuraib misshandelten US-Soldaten Gefangene, einige bis zum Tod, was 2004 bekannt wurde.

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