Muslimische Mode und der Zoff um Stoff: ″Contemporary Muslim Fashions″ | Kultur | DW | 03.04.2019
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Muslimische Mode

Muslimische Mode und der Zoff um Stoff: "Contemporary Muslim Fashions"

Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zeigt in einer aktuellen Schau muslimische Mode. Leiter Matthias Wagner K wurde dafür schon im Vorfeld heftig kritisiert. Im Interview erklärt er, wie politisch Mode sein kann.

Deutsche Welle: Herr Wagner K, Sie verkaufen ihre Ausstellung als reine Modeausstellung. Ist sie das?

Matthias Wagner K: Ja, zuerst einmal ist sie das. Sie zeigt das Phänomen zeitgenössischer muslimischer Mode, die man unter dem Begriff "modest fashion" kennt, also "weniger körperbetont", "dezent", auch wenn sie das in vielen Teilen nicht ist. Sie nimmt, und das macht ja diese Ausstellung aus, die vielfältigen und in den unterschiedlichen Ländern regional geprägten aktuellen Interpretationen muslimischer Mode in den Blick. Und sie zeigt, wie muslimische Frauen ihre eigenen modischen Vorstellungen von "modest fashion" umsetzen. Ein globales Phänomen.

Es gibt Länder, in denen Verschleierung und Verhüllung des weiblichen Körpers nicht als Befreiung empfunden wird. Wie passen Mode und Frauenrechte zusammen?

Frankfurt am Main - Nacht der Museen mit Museumsdirektor Matthias Wagner K. vom MAK (picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

Direktor Matthias Wagner K vom Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt

Ich glaube, dass Mode, wie es auch der Ausstellungsinitiator Max Hollein sagt, ein exaltierter Ausdruck eines kulturellen Zustandes ist. Das Thema Frauenrechte klammern wir überhaupt nicht aus. Es gibt sehr viele Fotografien und Beiträge von Künstlerinnen wie zum Beispiel Shirin Neshat, die explizit die Unterdrückung von Frauen thematisieren, die, wenn sie sich gegen diese Bekleidungsvorschriften wehren, um ihr Leben oder um ihre Unversehrtheit fürchten müssen.

Frauenrechtlerinnen werfen Ihnen vor, Sie verharmlosen islamische Kleidervorschriften als Modetrend?

Diese Vorschriften, von denen die Rede ist, finden sich nicht in den in der Ausstellung gezeigten Exponaten. Sie zeigen keine einzige Burka. Da, wo sie gezeigt wird, ist es ein kritischer, künstlerischer Beitrag oder Streetfotografie. Nein, die Ausstellung zeigt gerade sehr viele junge Frauen, die sich äußerst selbstbewusst und selbstbestimmt modest kleiden, mit Hidschab oder nicht, und ein komplett neues Bild der muslimischen Frau repräsentieren. Das hat nichts mit einschlägigen Stereotypen zu tun.

In Deutschland gibt es diese strengen Kleidervorschriften nicht. Wie ist ihre Position zum Stichwort Verhüllung weiblicher Körper?

Natürlich gilt es dagegen anzukämpfen, wenn es denn eine Vorschrift ist. Wir müssen uns einsetzen für Freiheit und Selbstbestimmtheit. Dazu gehört aber auch, dass eine muslimische Frau, so sie es denn selbstbestimmt tut, sich auch entsprechend kleiden kann. Ich meine damit keine Burka. Denn diese, davon bin ich überzeugt, würde wahrscheinlich keine Frau freiwillig anziehen, wenn nicht dahinter Repressalien stünden, patriarchalische Vorstellungen von Männern, Unterdrückungsmechanismen und vieles mehr.

Sie haben schon im Vorfeld der Ausstellung Drohungen und harsche Kritik bekommen. Haben Sie Angst?

Wir müssen diese Drohungen, diese zum Teil sehr persönlichen Hassmails sehr ernst nehmen. Schon um den Schutz der Besucherinnen und Besucher zu gewährleisten, machen wir Kontrollen am Eingang beim Zutritt in das Museum. Das ist für uns neu, das muss ich ganz klar sagen. Aber wenn ich die Photography Foundation in der Europäischen Zentralbank (EZB) besuche, werde ich komplett durchgescannt. Wenn ich zum Fußballverein Eintracht Frankfurt gehen will, werde ich kontrolliert.

Aber hier zeigt sich noch etwas anderes: Gerade die zahlreichen und hasserfüllten Mails zeigen, dass hier in Deutschland die größere Bedrohung für Muslime doch von Menschen ausgeht, die sie aufgrund ihres Glaubens nicht als Teil der Gesellschaft begreifen wollen. Ich glaube, das ist etwas, worauf wir unseren Blick richten müssen. Und es zeigt, dass Mode per se nie völlig unpolitisch ist, weil sie unterschiedlichste gesellschaftliche Problematiken aufgreift, dass es um Gender und Identität geht, auch um Nachhaltigkeit.

Die Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" ist vom 5. April bis zum 1. September 2019 im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen. 

Das Gespräch mit Professor Matthias Wagner K führte Stefan Dege.

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