Muslime als Partner gegen Antisemitismus | Deutschland | DW | 21.11.2019
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Antisemitismus

Muslime als Partner gegen Antisemitismus

Eine Initiative in Berlin bringt Juden und Muslime zusammen, um gemeinsam Vorurteile abzubauen und gegen Antisemitismus anzukämpfen. Das ist nicht immer einfach.

Der 19-jährige Samuel zog sich nach einem Besuch im Fitness-Studio gerade um, da packte ihn jemand von hinten und riss ihm die Kippa vom Kopf. "Du dreckiger Jude", schrie der Angreifer und warf die Kippa in einen Abfalleimer. Seitdem hat Samuel Angst um sein Leben. Vor diesem Tag im November hatte er zwar hin und wieder "unfreundliche Blicke" bekommen, wenn jemand seine Kippa sah, erzählt er der Deutschen Welle, aber er sei vorher noch nicht körperlich angegriffen worden.

Samuel hat den Vorfall auch auf Facebook beschrieben. Viele Leute fragten ihn nach der Herkunft des Angreifers in der Annahme, dieser sei Muslim. Samuel fand die Frage abwegig. "Antisemitismus ist Antisemitismus", sagt er, "egal von wem".

Idee aus einer Kreuzberger WG

Während Antisemitismus in Deutschland immer sichtbarer wird, versucht eine Organisation, beim Kampf gegen Diskriminierung Muslime und Juden zusammenzubringen. Aycan Demirel, Muslim mit türkischen Wurzeln, war im Berliner Stadtbezirk Kreuzberg schon oft Zeuge antisemitischer Vorfälle. Im Jahr 2000 arbeitete er als Sozialarbeiter und wohnte gegenüber der Synagoge Fraenkelufer. "Abneigung, antisemitisches Sprechen über Juden, das habe ich im Alltag in meiner Jugendarbeit immer wieder bei Kindern aus Flüchtlingsfamilien beobachtet", sagt er. Demirel beschloss, dagegen vorzugehen.

Die Idee zur Gründung der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, KIgA, wurde in der Küche einer Wohnung geboren, die Demirel damals mit den späteren Journalisten Doris Akrap und Deniz Yücel teilte. 2017 wurde Yücel in der Türkei festgenommen und ein Jahr lang wegen Terrorvorwürfen eingesperrt.

Zu Beginn des Jahrtausends war Antisemitismus nicht nur ein Thema in Deutschland, sondern auch in der Türkei. Am 15. November 2003 explodierten Autobomben vor zwei Synagogen in Istanbul, 24 Menschen kamen dabei ums Leben. "Dieser Anschlag in Istanbul hat uns sehr bewegt. Wir wollten nicht schweigen", sagt er heute dazu.

Berlin Aycan Demirel (DW/Natalia Smolentceva)

Aycan Demirel, Gründer der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, KIgA

16 Jahre später ist die KIgA ein Begriff, wenn es um den Kampf gegen Hass auf Juden und Muslims in der Gesellschaft geht. "Damals wurde viel über Antisemitismus unter Migranten diskutiert, vergleichbar damit, wie heute über Antisemitismus unter Geflüchteten gesprochen wird. Deshalb war es uns wichtig, deutlich zu sagen, dass wir uns dagegen positionieren."

Die Gemeinsamkeiten der Minderheiten

Seit 2015 sind mehr als eine Million Migranten nach Deutschland gekommen, viele von ihnen Muslime. Vielfach ist seitdem in den Medien von einem "importierten" Antisemitismus die Rede. Das beunruhigt Demirel: "Heute ist es sehr wichtig, über Antisemitismus zu sprechen, aber heute muss man sehr viel vorsichtiger sein, weil eine rechte Lawine auf uns zukommt". Den Rechten gehe es aber um eine "antimuslimische Stimmung". Stattdessen will er Muslime als Partner im Kampf gegen Antisemitismus gewinnen. "Als religiöse Minderheiten haben Muslime und Juden viel gemeinsam."

Im Oktober griff ein bewaffneter Mann eine Synagoge in Halle an. Als er nicht in das Gotteshaus eindringen konnte, tötete er eine Passantin und einen Besucher eines türkischen Schnellrestaurants. Er gab zu, aus antisemitischen und antimuslimischen Motiven gehandelt zu haben. Der Vorfall markiert nach den Worten von Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, einen "Einschnitt". Die antisemitische Bedrohung könne nun "von niemandem mehr ignoriert werden", wie Klein der Deutschen Welle am Tag danach sagte.

Es passiert immer noch

Zu Beginn seiner Kampagne hätten ihm viele Menschen gesagt, der Antisemitismus sei Geschichte, so Demirel. Es heiße dann: "Wir gehen zu Gedenkstätten oder besuchen die Anne-Frank-Haus-Ausstellung." Doch in seinen Augen ist der Judenhass alles andere als Geschichte, sondern gehört zum heutigen Alltag. Die KIgA veranstaltet Diskussionen und Workshops mit Schülern und Lehrern. Dabei geht es nicht nur um den Holocaust, sondern auch um heutige Theorien einer "jüdischen Welt-Verschwörung" oder um den israelisch-palästinensischen Konflikt.

Nach Angriff in Halle/Saale - Gedenken (picture alliance/dpa/H. Schmidt)

Nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle

Demirels Tochter ist zehn Jahre alt. Durch die Arbeit ihres Vaters hat sie schon eine ganze Reihe von Synagogen und jüdischen Museen besucht. Sie geht in Kreuzberg zur Schule. Wissen ihre Klassenkameraden so viel wie sie über das Thema ? "Kaum", sagt ihr Vater. Aber auf dem Pausenhof benutzten viele Schüler das Wort "Jude" als Schimpfwort.

Antisemitismus im Alltag

Im Jahr 2018 wurden in Deutschland fast 1800 antisemitische Vorfälle gemeldet, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Nach Angaben der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, RIAS, in Berlin werden pro Tag zwei Fälle amtlich.

Fast 30 Prozent der Vorfälle werden rechtsgerichteten Gruppen zugeschrieben. "Doch es wäre zu einfach zu sagen, Antisemitismus sei allein ein Problem durch Rechtsradikale", sagt RIAS-Mitarbeiter Alexander Rasumny. Mehr als 40 Prozent hätten kein eindeutiges politisches Motiv.

Doch "die Tatsache, dass eine Partei im Bundestag und den Landesparlamenten vertreten ist, die antisemitische Positionen in die normale politische Debatte bringt, trägt zur Normalisierung des Hasses bei", sagt Rasumny mit Blick auf die Alternative für Deutschland, AfD.

Zu wenig Diskussion

Rasumny ist der Ansicht, in deutschen Familien werde zu wenig über deren eigene Nazi-Vergangenheit geredet, und dieser Umstand könne den Antisemitismus fördern. "Während die Debatte auf Staatsebene geführt wurde, haben sich viele Familien zuhause noch immer nicht mit dem Thema befasst."

Nach einer Untersuchung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, EVZ, glauben 35 Prozent der Deutschen, ihre Vorfahren seien Opfer der Nazi-Diktatur gewesen. Weniger als 20 Prozent sagen, Mitglieder ihrer Familien seien Täter gewesen. Das hält Rasumny für eine "verzerrte Wahrnehmung" der Zeit des Nationalsozialismus. 

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