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Musik

Musikfestivals 2021: Im Dilemma

Philipp Jedicke
19. Juni 2021

Die Inzidenzen sinken, doch die Veranstaltungsbranche hat noch immer keine Öffnungsperspektive. Einige wenige Festivals finden statt - mit kreativen Ideen.

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Die Hauptbühne des Tomorrowland Festivals in Belgien 2019 mit tausenden Menschen davor
Die Hauptbühne des Tomorrowland Festivals in Belgien 2019Bild: imago images/David Pintens/Belga

Beim  Wacken Open Air sah es eine Weile noch gut aus. Doch am 1. Juni kam auch vom wohl berühmtesten Metalfestival der Welt die Absage für dieses Jahr. "Uns blutet das Herz", sagte Festival-Chef Thomas Jensen. Aber man habe keine andere Möglichkeit gesehen. Stattdessen soll die 31. Ausgabe des Festivals nun vom 4. bis 6. August 2022 stattfinden. 

Damit reihte sich das Wacken in eine lange Liste von Festivals ein, die - zum großen Teil bereits im Frühjahr - zum zweiten Mal in Folge aufgrund der Corona-Pandemie die Segel strichen, darunter Hurricane, Melt!, Splash, Rock am Ring, Summerjam und viele andere. Das finanzielle Risiko ist für die meisten Veranstalter viel zu hoch, denn die Politik fährt in Deutschland weiterhin auf Sicht. Eine echte Öffnungsperspektive für die Branche gibt es nicht - trotz einer bundesweiten 7-Tage-Inzidenz von 9 (Stand: 19.06.).

Zu große Vorsicht seitens der Politik?

Axel Ballreich, Festivalveranstalter, Clubbetreiber und Vorsitzender des Branchenverbands Livekomm, hat für diese Vorsicht einerseits Verständnis, manchmal wünscht er sich allerdings etwas mehr Mut. "Die Politik ist nicht risikofreudig bei uns. Das mag manchmal positiv sein, manchmal aber auch einfach negativ. Das ist das, was man der Politik bei uns vorwerfen muss. Sie haben uns nie irgendeine Perspektive gegeben, wir haben nie gewusst, wie es in einem Monat ausschaut." So kann Ballreich beispielsweise im Garten seines Nürnberger Clubs im Juni noch immer keine Tanzveranstaltungen mit 200 Leuten durchführen. 

Fans beim Schlammbad in Wacken 2018
Fans beim Schlammbad in Wacken 2018Bild: picture-alliance/dpa/A. Heimken

Obwohl es hierzulande laut Ballreich vergleichsweise gute Hilfsprogramme für die Branche gibt, im Bereich der Clubs zum Beispiel, wird das Sterben einiger Festivals jedoch nicht aufzuhalten sein.  Denn viele Macher kleinerer Festivals arbeiten ehrenamtlich. "Wenn sie sich zweimal in Vorbereitungen gestürzt haben, haben sie ja auch Geld ausgegeben, aber überhaupt keinen Rücklauf." Dazu kommt, dass noch völlig unklar ist, wie die Festivals nach der Pandemie angenommen werden. "Man kann nicht erwarten, dass innerhalb von ein, zwei Jahren die Branche wieder auf den Stand von 2019 hochfährt. Es kann durchaus sein, dass das bis 2025 dauert", so Ballreich gegenüber der DW.

Verschiedene Ansätze, gleiches Gesamtbild

In anderen Ländern hat man versucht, risikofreudiger an die Sache heranzugehen - doch mit bislang wenig positiven Resultaten für die Branche. So hatten französische Veranstalter im Februar seitens der Kulturministerin Roselyne Bachelot zwar eine klare Zusage für den Festivalsommer bekommen, doch aufgrund der Corona-bedingten Sicherheitsauflagen und Restriktionen sagten die meisten Veranstalter am Ende selbst ab, darunter so beliebte Festivals wie Rock en Seine, Solidays oder das Hellfest. 

Denn laut französischer Verordnung soll es keine Festivals im Stehen geben und maximal 5000 Personen pro Vorstellung. Für ein Festival wie das Metal-Großereignis Hellfest jedoch sind Sitzkonzerte schlicht undenkbar. Immerhin: Ministerin Bachelot stand, was die Regelungen betraf, im regelmäßigen engen Austausch mit Festivalplanerinnen und -planern, damit diese möglichst früh Bescheid wussten und auf neue Gegebenheiten reagieren konnten.

Reality Check auf der Insel

Auch in England war man - angesichts einer sehr schnellen und erfolgreichen Impfkampagne und purzelnden Inzidenzen - zuversichtlich für diesen Sommer. Boris Johnson verkündete im Frühjahr, dass ab 21. Juni landesweit groß angelegte Lockerungen stattfinden sollen. Doch seit die hoch ansteckende Delta-Variante des Coronavirus für steigende Infektionszahlen sorgt, wurden entsprechende Pläne um vier Wochen auf den 19. Juli verschoben - mit dramatischen Folgen für die Veranstalter von Festivals und Konzerten. Für August sind momentan noch viele Festivals geplant, darunter das Leeds und das Reading Festival, die Ende August stattfinden sollen, mit jeweils etwa 70.000 Besuchern. Doch auch sie stehen aufgrund der aktuellen Corona-Zahlen wieder auf der Kippe.

Laut dem britischen Verband unabhängiger Festivals wurden im Mai ein Viertel aller Musikfestivals im Vereinigten Königreich abgesagt. Popstar Peter Gabriel warnte vor fatalen Verlusten für die Branche, sollte die Regierung nicht ein finanzielles Sicherheitsnetz für die Veranstalter einführen, so die britische Tageszeitung "The Guardian". 

Tomorrowland: Kreativer Ansatz mit Zukunft

Ähnlich optimistisch wie in England war man auch in Belgien. Ab dem 13. August sollten hier laut Regierungsverordnung wieder Festivals mit bis zu 75.000 Besuchern unter bestimmten Bedingungen möglich sein. Belgien hat eine hohe Festivaldichte - Musikveranstaltungen sind dort ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Mit 360.000 Besuchern in nicht-pandemischen Zeiten ist das Tomorrowland das größte Festival für elektronische Musik der Welt. Sogar aus Südamerika, Asien und Australien pilgern tausende Menschen jährlich ins Städtchen Boom, wo das Großereignis stattfindet. 

Letztes Jahr hatten die Veranstalter angesichts der Pandemie eine radikale Idee. Gemeinsam mit Partnern aus der Gameszene entwickelte das Festival ein revolutionäres Konzept: Es wurden digitale Welten erschaffen, mit fantasievoll ausgestalteten Bühnen und Spielorten - ganz im beliebten Stil und Look des Festivals. "Wir wollten unsere Community zusammenführen. Also entschieden wir uns für ein digitales Festival und nicht nur einen Livestream," so Pressesprecherin Debby Wilmsen im DW-Interview.

Reale Auftritte in digitalen Welten

Die DJ-Stars performten in Studios in Antwerpen, Brasilien und den USA vor Green Screens und wurden live in die digital geschaffenen Bühnen eingesetzt. Die Fans konnten sich mit ihren Festivaltickets an drei Tagen virtuell auf dem Festival bewegen und sich zwischen Shows auf den verschiedenen Bühnen entscheiden. Das Konzept kam enorm gut an - bei den Fans wie bei den DJs. "Es war ein echtes Festival", resümiert Debby Wilmsen. Daher wurde die Idee auch für die aktuelle Ausgabe übernommen.

Tomorrowland Musikfestival: DJ Kölsch in einer digitalen Bühnenwelt
Der Dänische DJ Kölsch bei seinem digitalen Auftritt 2020Bild: Tomorrowland

Aufgrund der oben erwähnten Regierungsentscheidung sollte das Tomorrowland diesmal eine Kombination aus dem digitalen Festival und einer Corona-konformen physischen Version werden. Zahlreiche DJs sollten an zwei Wochenenden auf mehreren Bühnen performen - vor 75.000 Zuschauern am Tag. Doch dann erschien am 18. Juni dieses Statement auf der Website des Festivals: "Gestern hat die Gemeindeverwaltung von Boom & Rumst entschieden, dass die 16. Ausgabe des Tomorrowland nicht stattfinden kann. Wir sind sehr überrascht und verwirrt von den widersprüchlichen Aussagen unserer Regierungen." Weiter heißt es: "Kein Tomorrowland im zweiten Jahr in Folge wäre ein großes Desaster für unsere Firma und mehr als 1500 Unterstützer, Freischaffende und tausende Angestellte." Es sieht also danach aus, als würde die akribisch vorbereitete physische Version des Festivals nun doch noch ausgebremst. 

Ein Dorf und sein Festival

Zurück nach Deutschland. Ein eher kleines Festival in Nordrhein-Westfalen hat sich entschieden, sich zu trauen: das Haldern Pop im Örtchen Rees-Haldern am Niederrhein. Seit 1984 gilt die mit sehr viel Liebe zum Detail organisierte Veranstaltung als eines der beliebtesten Festivals für handverlesene Musik aus Bereichen wie Indie Rock, Pop, Singer/Songwriter. Als Haldern 2020 das Publikumsfestival absagen musste, entschied man sich für eine Streamingversion mit Konzerten aus der Kirche des Ortes. 

Collage: links Hauptbühne in Haldern mit Menschenmassen, rechts die leere Wiese
Haldern Pop: mit Menschen - und ohne (rechts)

Doch für 2021 war das nicht genug, so Festivalchef Stefan Reichmann: "Wir haben gemerkt, dass uns die Leute fehlen. Die Begegnung ist ein Festival." Er und seine Kollegen erinnerten sich an ihre Anfänge, "warum man das eigentlich macht." Statt Ticketverkäufen gehe es 2021 um die Rückkehr zu den Wurzeln des Festivals, zur "Urwucht, die man hatte, um dies zu machen, aus der Jugend heraus". Die Idee: Die Festivalbesucher und das Dorf sollen miteinander in Kontakt treten. Vom 12.-14. August werden 300 Leute am Tag in drei verschiedenen Gruppen von jeweils 100 die Konzerte beim Haldern Pop im Freien erleben - an überraschenden Orten, als Wander- oder Fahrradgruppe. Zusätzlich wird es in der Kirche Konzerte geben. 

Blick in den Garten hinterm Hauptquartier des Haldern Pop Festivals
Begegnung in der Idylle: einer der Gärten in HaldernBild: Maik Timm

In 20 verschiedenen Gärten des Dorfes soll es dann zu Begegnungen zwischen Ortsansässigen, Musikerinnen und Musikern und Festivalpublikum kommen. "Denn wir alle haben Geschichten zu erzählen", so Reichmann. Ziel sei es, dass Publikum, Veranstalter und die Künstler wieder aufeinander zugehen. Und das Festival, das sonst auf der Reitwiese stattfindet, kehrt ins Dorf zurück. Das Corona-Testzentrum ist in der Dorfschule untergebracht.

Ähnlich wie das Haldern Pop versuchen diverse Festivals angesichts der aktuellen Lage, mit kreativen Ideen Zeichen zu setzen und damit Hoffnung und Perspektiven zu bieten. Für alle Metalfans: Vor wenigen Tagen kam die Nachricht, dass das Wacken Festival 2021 doch nicht komplett ausfällt. Stattdessen wird es ein Miniaturformat geben. Die Gesamtsituation bleibt jedoch äußerst prekär für eine Branche, die nun schon im zweiten Jahr fast komplett brachliegt.