Moskau lässt den Rubel-Kurs fallen | Fokus Osteuropa | DW | 03.02.2014
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Fokus Osteuropa

Moskau lässt den Rubel-Kurs fallen

Auch die russische Währung ist in den Sog der Kapitalflucht aus den Schwellenländern geraten. Ihre Abwertung ist jedoch in erster Linie hausgemacht. Das beunruhigt deutsche Investoren.

Auf den Devisenmärkten rollt der Rubel, und zwar wie derzeit alle Währungen von Schwellenländern, steil bergab. Seit Tagen schon markiert er zum Euro ein Allzeittief nach dem anderen. Ende Januar musste man in Moskau für einen Euro zeitweise fast 48,5 Rubel zahlen. Vor einem Monat waren es noch 45 Rubel, Anfang 2013 etwa 40 Rubel. Der Wertverlust innerhalb eines Jahres beträgt somit mehr als 20 Prozent.

Die deutsche Wirtschaft war vorgewarnt

Der rapide Kursverfall in den letzten Wochen mag in seiner Heftigkeit den einen oder anderen deutschen Geschäftsmann oder Finanzexperten überrascht haben, zumal hier externe Faktoren ausschlaggebend waren: Seitdem die amerikanische Notenbank Fed mit dem schrittweisen Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik Ernst macht, ziehen Investoren spekulatives Kapital zurück. Die kontinuierliche Abwertung des Rubels seit Frühjahr 2013 war dagegen vorhersehbar.

Porträt von Andreas Männicke (Foto: Andreas Männicke)

Andreas Männicke empfahl rechtzeitig, auf den Anstieg des Euro-Kurses zu setzen

Andreas Männicke, Herausgeber des in Hamburg erscheinenden Börsenbriefes East Stock Trends, empfahl schon damals seinen Abonnenten, auf einen Anstieg des Euro-Kurses gegenüber der russischen Währung zu setzen. Auch beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin war man vorgewarnt. "Die russische Politik hat schon vor längerem angekündigt, dass sie die volle Konvertibilität des Rubels anstrebt und damit einen freien Wechselkurs als Ziel formuliert. Wir hatten uns also darauf eingestellt, dass es in diese Richtung gehen wird", betont Volker Treier, Außenhandelschef des DIHK im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Auf dem Weg zur vollen Konvertibilität hatte die russische Zentralbank, die den Rubel-Kurs bislang an einer recht kurzen Leine hielt, damit begonnen, ihre Stützungskäufe langsam zurückzufahren. Das musste aber nicht zwangsläufig zu einer beschleunigten Abwertung führen, denn die enormen Deviseneinnahmen aus dem Export von Öl und Gas sorgten seit Jahren immer wieder eher für einen Aufwertungsdruck.

Schwaches Wirtschaftswachstum, hohe Inflation

Doch 2013 wurde alles anders: Das russische Wirtschaftswachstum verlangsamte sich rapide (am Ende wurden aus den offiziell erwarteten 3,6 Prozent lediglich magere 1,3 Prozent), während die Inflation spürbar anzog. Diese beiden Faktoren waren es in erster Linie, die den Rubel ursprünglich auf Talfahrt schickten, meint die Devisenanalystin der Commerzbank in Frankfurt, Thu Lan Nguyen, im Gespräch mit der DW.

Andreas Männicke führt in seinem Börsenbrief neben den schwachen BIP-Zahlen auch noch den massiven Kapitalabfluss an. Der hatte in Russland wegen des schlechten Investitionsklimas und fehlender Rechtssicherheit schon lange vor der heutigen allgemeinen Flucht aus den Schwellenländerwährungen begonnen.

Porträt von Thu Lan Nguyen, Devisenanalystin (Foto: Commerzbank)

Thu Lan Nguyen: Die russische Zentralbank hätte sich der Rubel-Abwertung in den Weg stellen können

"Die russische Zentralbank hätte sich der Abwertung der Landeswährung durchaus in den Weg stellen können", glaubt Thu Lan Nguyen und verweist auf die enormen Devisenreserven in Moskau. Stattdessen sei die Notenbank mit ihren regelmäßigen Interventionen nur darauf bedacht gewesen, eine geordnete Abwertung zu gewährleisten, betont Nguyen.

Die Commerzbank-Analystin erklärt solch einen Kurs damit, dass die Zentralbank angesichts des schwachen Wachstums und der hohen Inflation die Zinsen weder erhöhen noch senken konnte: "Die einzige Möglichkeit, die ihr da noch blieb, um die Wirtschaft zu stimulieren, war, die Währung graduell abwerten zu lassen." Denn, so Thu Lan Nguyen, "ein schwächerer Rubel ist für die Diversifizierung der russischen Wirtschaft förderlich, weil er die Konkurrenzfähigkeit heimischer Unternehmen stärkt".

Schlechte Nachrichten für Investoren

Dafür verschlechtern sich die Aussichten für ausländische Exporteure, denn die Kaufkraft ihrer russischen Kunden schwindet. Allerdings ist die Besorgnis deutscher Unternehmen bislang nicht besonders groß, versichert Volker Treier vom DIHK und beruft sich auf die hohe Qualität der Produkte, die im Ausland, besonders auch in Russland, sehr geschätzt würden. Das soll heißen: Wer sich ein Luxusauto "made in Germany" zulegen will, wird sich von Währungsschwankungen nicht abschrecken lassen.

Porträt von Volker Treier (Foto: DW)

Volker Treier befürchtet, dass die Schwäche des Rubels die Inflation in Russland weiter anheizen wird

Trotzdem ist der Rückgang des deutsch-russischen Handels um fünf Prozent im Jahr 2013 teilweise auch auf die Schwäche des Rubels zurückzuführen. Ernste Probleme dürfte sie aber vor allem den ausländischen Investoren in Russland bereiten. "Wenn ein Land als verlängerte Werkbank dient und man die dort produzierten Waren in alle Welt exportiert, dann ist so eine Abwertung eher positiv für den Investor, weil sich seine Kosten vor Ort verringern", erläutert Volker Treier gegenüber der DW.

Russland sei jedoch ein anderer Fall, denn viele deutsche Betriebe hätten hier hauptsächlich deshalb investiert, weil sie den großen russischen Markt vor Augen gehabt hätten. "Eine Abwertung schmälert somit jene Gewinne, die man erzielt, indem man für diesen Markt produziert", so der DIHK-Experte. Er befürchtet, dass die Schwäche des Rubels die Inflation in Russland weiter anheizen wird. Das könnte die Zentralbank dazu zwingen, die Zinsen anzuheben, wie es jüngst in der Türkei oder in Indien geschah. Das würde eine weitere Abkühlung der russischen Konjunktur nach sich ziehen.

Große Hoffnungen auf den Handelsüberschuss

Porträt von Elvira Nabiullina (Foto: DW)

Elvira Nabiullina glaubt, beachtliche Überschüsse im Außenhandel könnten den Rubel-Kurs bald stützen

Russland steht aber momentan in gewisser Hinsicht besser da als so manches andere vom Währungsverfall gebeutelte Schwellenland, ist sich Thu Lan Nguyen von der Commerzbank sicher: "Dank des Öl-Sektors hat es Leistungsbilanzüberschüsse, ist also nicht von Kapitalimporten abhängig wie etwa die Türkei oder Südafrika, die viel mehr konsumieren als exportieren."

Die Chefin der russischen Zentralbank Elvira Nabiullina ist zurzeit sichtlich bemüht, gerade diesen Aspekt in den Vordergrund zu rücken. In einem Interview für den staatlichen Ersten Fernsehkanal erklärte sie, die beachtlichen Überschüsse im Außenhandel würden den Rubel-Kurs stützen und ihm bald - vielleicht schon Ende diesen Jahres - zu neuerlicher Stärke verhelfen.

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