Mord in Wiener Vorort: Tod eines Exil-Tschetschenen | Welt | DW | 09.07.2020
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Europa

Mord in Wiener Vorort: Tod eines Exil-Tschetschenen

Tatort EU: Wieder ist ein Gegner des tschetschenischen Präsidenten erschossen worden, diesmal in Österreich. Das Opfer, der Blogger Mamichan Umarow, hatte Ramsan Kadyrow auf YouTube scharf angegriffen.

Die Verfolgungsjagd begann bei Wien und endete bei Linz. In einer groß angelegten Operation gelang es am vergangenen Samstag Spezialeinheiten der österreichischen Polizei, den flüchtigen Tatverdächtigen zu stellen - einen 47-jährigen Bürger der Russischen Föderation, geboren in Tschetschenien. Dessen mutmaßlicher Komplize ist ebenfalls Tschetschene. Beide wurden festgenommen, beide sitzen in Wien in Untersuchungshaft und beide schweigen.

Das Opfer: Mamichan Umarow, ein 43-jähriger Tschetschene, erschossen auf einem Parkplatz in Gerasdorf, einem Vorort von Wien. Nach dem Großeinsatz der Polizei und dem Fund der Leiche mit fünf Schusswunden forderte Österreichs Innenminister eine "volle Aufklärung der Hintergründe" und sprach von "Null Toleranz für das Hineintragen ausländischer Konflikte nach Österreich".

Forderung nach Ende von Auftragsmorden

In Österreich leben schätzungsweise rund 35.000 Tschetschenen. Die meisten kamen als Flüchtlinge ins Land und viele von ihnen waren an den Kämpfen gegen russische Truppen in den beiden Unabhängigkeitskriegen (1994 bis 1996 und 1999 bis 2000) beteiligt.

Der jetzige Präsident der russischen Teilrepublik im Nordkaukasus, Ramsan Kadyrow, regiert mit eiserner Hand, sein Sicherheitsapparat ist berüchtigt und gefürchtet. Den Agenten des Präsidenten wird nachgesagt, bei der Suche nach Terrorverdächtigen und ehemaligen Separatisten vor Folter nicht zurückzuschrecken. Der Strom von Flüchtlingen aus Tschetschenien reißt jedenfalls nicht ab, auch viele Jahre nach dem Ende des Krieges.

Ramzan Kadyrov (Imago-Images/ITAR-TASS/ Press Office Republic of Chechnya)

Tschetschenischer Präsident Kadyrow: Berüchtigter Sicherheitsapparat

Am Dienstag gingen Dutzende Exil-Tschetschenen in Wien auf die Straße. Vor der russischen Botschaft in Österreichs Hauptstadt verlangten sie ein Ende der Auftragsmorde an Regimegegnern im Ausland. Organisiert wurde die Kundgebung von Hussein Ischanow, der heute in Wien lebt und einen tschetschenischen Kulturverein leitet. Er hatte in beiden Tschetschenien-Kriegen gekämpft und war eine Zeit lang persönlicher Adjutant des damaligen Separatistenführers Aslan Maschadow. Ischanow zufolge wurden in den vergangenen Jahren 19 Exil-Tschetschenen im Ausland umgebracht. 

Der letzte aufsehenerregende Mord war der an Selimchan Changoschwili, der im Berliner Tiergarten im August 2019 erschossen wurde. Die deutschen Ermittler gehen von einem russischen Auftragsmord aus. Im Februar 2020 wurde im französischen Lille ein Tschetschene erstochen. Ein anderer wurde in Schweden im März im Schlaf attackiert, konnte aber seinen Angreifer überwältigen.

Tschetschenische Regimegegner im Visier

Damit ist seit Beginn des Jahres der Mord von Wien bereits der dritte Anschlag auf einen in der EU lebenden Exil-Tschetschenen. Die Opfer haben eines gemeinsam: Sie haben es gewagt, den tschetschenischen Präsidenten Kadyrow öffentlich scharf zu kritisieren. Der in Gerasdorf erschossene Mamichan Umarow veröffentlichte drei Dutzend Videos auf Youtube, in denen es um Präsident Kadyrow und dessen Familie geht. Die einen bezeichnen die Videos als "kritisch", die anderen als "beleidigend".

Aktivist Ischanow hat sich eines von Umarows Youtube-Videos angeschaut. "Der Autor nennt konkrete Personen mit Vor- und Nachnamen", sagte er und fügte hinzu, dass Umarow dabei Schimpfwörter verwendet habe, die man besser nicht zitieren sollte. Jedenfalls war man sich in der tschetschenischen Gemeinde sicher, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte. Es ging sogar das Gerücht um, auf Umarow sei ein Kopfgeld ausgesetzt worden. Polizeischutz soll Mamichan Umarow aber abgelehnt haben.

Tschetschenische Gemeinde steht unter Schock

Hussein Ischanow beschreibt die Lage in der tschetschenischen Diaspora in Österreich als "schwierig". Viele würden um ihre Sicherheit und die ihrer Familien bangen. Auf die Frage, ob er selbst auch Angst habe, sagte er: "Wissen Sie, ich bin durch zwei Kriege gegangen und war zweimal in Gefangenschaft. Ich fürchte nichts. Ich habe ein anständiges Leben geführt. Wann es endet, entscheide nicht ich."

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