400 Jahre Molière: Das Lachen geht weiter | Kultur | DW | 15.01.2022
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Theater

400 Jahre Molière: Das Lachen geht weiter

Die Theaterstücke Molières, wie Tartuffe oder Don Juan, waren skandalös und wurden gelegentlich verboten. Im 400. Geburtsjahr des Dramatikers kommen sie noch immer zur Aufführung.

400 Jahre wäre er dieses Jahr alt geworden, der französische Dramatiker Molière, dessen Namen in einem Atemzug mit William Shakespeare genannt wird. Zu seinen Lebzeiten verhalf Molière insbesondere der Komödie zu großem Ansehen und verschaffte ihr den Respekt, der zuvor der Tragödie vorbehalten gewesen war.

Geboren als Sohn eines Textilhändlers und königlichen Ausstatters im Jahr 1622, schrieb Jean-Baptiste Poquelin alias Molière seine zahllosen Theaterstücke lange vor der Französischen Revolution. Damals war die Autorität von König und Kirche noch ungebrochen. In seinen Stücken, die noch heute regelmäßig aufgeführt werden, legte er sich mit den Mächtigen an, mit Kirche und Adel, zuletzt sogar mit dem Tod - immer durch die Kraft des Lachens. Vier seiner brillantesten Komödien erlauben uns, diesen besonderen Mann kennenzulernen, dessen Stücke uns noch heute zum Lachen bringen. Eines für jedes Jahrhundert.

1. Ein Skandal erschüttert Versailles: "Tartuffe"

Eine Frau umarmt einen Mann von hinten und löst die Krawatte in dem Bühnenstück Le Tartuffe ou l'Hypocrite

Die Comédie Francaise feiert Molières Geburtstag bis zum 25. Juli und zeigt viele seiner Stücke, u.a. auch "Tartuffe"

Tartuffe, angeblich ein besonders frommer Mensch, schleicht sich bei der Familie Orgon ein. Er schmeichelt und belügt so lange den Hausherren, bis Orgon ihn statt seines ältesten Sohnes zum Alleinerben einsetzt - und ihm sogar die Hand seiner Tochter verspricht. Die ist alles andere als begeistert. Zuletzt erschwindelt sich der fromme Betrüger sogar das Haus und den gesamten Besitz der Familie.

Es war dieses Stück, das Molière am 12. Mai 1664 zum Skandalautoren machte: Aufgeführt ihn Versailles, während der Autor auf dem Höhepunkt seiner Karriere "Vergnügungsdirektor" des absolutistischen Königs Ludwig des XIV. war, führte die Darstellung eines religiösen Betrügers und die damit einhergehende Kritik an der Macht der katholischen Kirche zum Verbot des Stücks.

Fünf Jahre lang kämpfte Molière dafür, dass sein Stück wieder aufgeführt werden durfte - nach umfangreichen Änderungen gelang ihm das 1669 im dritten Anlauf. Die Comédie Francaise, eines der wichtigsten Theater Frankreichs, führt unter der Regie des renommierten belgischen Regisseurs Ivo van Hove im Jahr 2022 erstmals die unzensierte Fassung aus dem Jahr 1664 auf - sowie zahllose weitere Stücke des großen französischen Komödianten.

2. Autoren und Verführer im Dienste der Aufklärung: "Dom Juan"

Drei männliche Akteure: im Vordergrund krabbelt einer, der im Mittelgrund möchte diesen mit einem runden Gegenstand hauen und derjenige im Hintergrund hält eine Obstschale hoch

Molières Stücke werden von Theaterkompanien weltweit gespielt - hier eine Aufführung des "Dom Juan" am Majakowski-Theater in Moskau

Ein Grund für Molières jahrhundertelangen Erfolg mag sein, dass seine Stücke immer auch, aber niemals nur lustig sind. Ihm gelingt es, so lange humorvoll zu sein, bis seinem Publikum das Lachen im Halse stecken bleibt. Das ist zum Beispiel in seinem Stück "Dom Juan" (1664, französischer Originaltitel) der Fall, das er sehr bald nach dem Verbot seines "Tartuffe" schrieb. In "Dom Juan" dreht sich alles um den großen Verführer Don Juan, diesen europäischen Archetypen eines Frauenhelden. Don Juan befindet sich auf der Flucht, nachdem er Donna Elvira dazu verführt hat, ihr Klostergelübde zu brechen, sich danach aber weigert, sie zu heiraten. Auch auf Sizilien verführt er weiterhin reihenweise junge Frauen.

Weltliteratur wird die Komödie in dem Moment, als Don Juan sein Glaubensbekenntnis abverlangt wird, und er nichts weiter sagt als: "deux et deux sont quatre" (Deutsch: "zwei und zwei sind vier"). Molières Don Juan ist nicht nur ein Flegel, er ist ein Freigeist, der nicht Frauen ablehnt, sondern die Dogmen und Sakramente der Kirche, um Raum für Logik und Wissenschaft zu schaffen. Bei Molière ist Komödie immer auch Ernst - und stets ein Ort, um über die Gesellschaft nachzudenken. Wenig überraschend: auch sein "Dom Juan" wurde schon nach wenigen Aufführungen verboten.

3. Nach dem Verbot: Aufräumen mit den Konventionen des Sonnenkönigs in "Der Menschenfeind"

Sechs Schauspieler stehen in einer Reihe, zwischen dem ersten und zweiten Schauspieler von links klafft eine Lücke

Ulrich Matthes als Alceste war 2019 am Deutschen Theater Berlin in "Der Menschenfeind" zu sehen

Nur zwei Jahre nach dem Verbot seines "Tartuffe" schrieb Molière, bezahlt von Ludwig XIV., seine Komödie "Der Menschenfeind" (1666). Wie Don Juan ist auch die Hauptfigur im "Menschenfeind" ein Außenseiter, der an den Konventionen der Mächtigen rührt: Alceste ist adeliger Abstammung, weigert sich aber, an den Zeremoniellen des Hofes teilzunehmen. Er spricht stets die Wahrheit und lehnt es ab, zu schmeicheln oder zu intrigieren. Er wünscht sich ein Leben fern von Heuchelei. Deren weite Verbreitung am Hof nimmt er zum Anlass, den Menschen an sich zu verachten.

Gleichzeitig verliebt er sich aber in eine Frau: Célimène. Sie ist junge Witwe, 20 Jahre jünger als Alceste und spottet in Briefen über ihre Liebhaber - auch über ihn. Alceste ist jedoch der einzige, der ihr daraufhin anbietet, mit ihr auf einen Landsitz zu ziehen und dort ein gutes Leben zu verbringen.

Es ist dieser innere Gegensatz, der Molières Figuren so stark macht, ihnen Komik, Tragik und Tiefe verleiht: einerseits ist Alceste Menschenfeind - andererseits glaubt er an die Liebe. Auch Molière war verheiratet. Er und seine Frau Armande hatten mehrere Kinder, von denen nur eines überlebte: seine Tochter Esprit-Madeleine, geboren 1665.

4. "Der Eingebildete Kranke": Lachen bis zum Schluss

Ein Stuhl, mit Kissen ausgeschlagen, ist Sitz eines kränkelnden Mannes - zu seiner rechten steht eine Frau, die ein weiteres Kissen in der Hand hält

Wer eine der Jubiläums-Aufführungen der Comédie Francaise sehen möchte, braucht einen gültigen Gesundheitspass

Der Tod muss im Leben Molières also allgegenwärtig gewesen sein. Den Humor ließ er sich trotzdem nicht verderben. Wie bei Shakespeare entsteht der Humor bei Molière oft aus der Zuspitzung menschlicher Torheit, also dem, was auf Englisch "human folly" genannt wird: All das, was uns an unseren Mitmenschen im Alltag so oft in den Wahnsinn treibt, kleine Angewohnheiten oder monströse Banalitäten von Familienmitgliedern, Kolleginnen und Kollegen oder Fremden, die auf Dauer eigentlich kaum zu ertragen sind - außer, man lacht über sie. Und das bis zum Schluss.

In Molières letztem Stück, "Der Eingebildete Kranke", wird ein alter Mann namens Argan, der sich seine Krankheiten allesamt nur einbildet, von einem betrügerischen Arzt ausgenutzt. Uraufgeführt wurde es am 10. Februar 1673, mit dem Autor in der Hauptrolle. So war das in vielen von Molières Stücken. Sieben Tage später, bei der vierten Aufführung, erleidet er einen Blutsturz. Er muss die Aufführung abbrechen. Wenige Stunden später stirbt er.

"Unmöglich", so die Comédie Francaise, die auch dieses Stück 2022 aufführt, "in der Figur des Argan nicht den Schatten des sterbenden Autoren zu sehen", der uns gerade in seinem eigenen Unglück noch ein letztes Mal zum Lachen bringe. Denn obwohl der Tod in "Der Eingebildete Kranke" allgegenwärtig ist, verbringt das Publikum einen ganzen Abend lang damit, vor allen Dingen über ihn zu lachen. Wenn sich der Hypochonder Argan für todkrank hält, wenn junge Verliebte dramatisch schwören, sie wollten lieber sterben als getrennt zu werden, wenn eine Frau ihn benutzt, um einer Tracht Prügel zu entgehen ...

Das hinterließ er uns also als seine letzte Komödie, der Autor Molière, geboren als Jean-Baptiste Poquelin am 15. Januar 1622 in Paris. 400 Jahre später lachen wir noch immer über seine Stücke. Joyeux Anniversaire, Molière !

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