Mohammad Rasoulof: Proteste gegen die Haft des iranischen Regisseurs | Kultur | DW | 09.03.2020
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Iran

Mohammad Rasoulof: Proteste gegen die Haft des iranischen Regisseurs

Sein aktueller Film ist ein Affront gegen das Regime im Iran – und gewann den Hauptpreis der Berlinale. Nun muss der iranische Filmemacher Rasoulof ins Gefängnis. Zahlreiche Filminstitutionen protestieren.

Regisseur Mohammad Rasoulof 2013 in Cannes (picture-alliance/xim.gs/Crystal Pictures)

Mohammad Rasoulof 2013 in Cannes

Der Gewinner des Abends war nicht anwesend: Bei der Preisgala der Berlinale haben seine Tochter und seine Produzenten den Goldenen Bären der Internationalen Filmfestspiele Berlin an seiner statt entgegen genommen. Denn der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof, der den Preis für den besten Film des Festivals für sein Werk "There Is No Evil" ("Es gibt kein Böses") erhalten sollte, durfte nicht ausreisen: Bereits im Juli 2019 war er im Iran wegen angeblicher "Propaganda gegen das System" zu einer Haftstrafe und einem zweijährigen Berufsverbot verurteilt worden. Rasoulof darf den Iran nicht verlassen und sich nicht politisch betätigen.

There Is No Evil von Mohammad Rasoulof gewinnt den Goldenen Bären für den besten Film der 70. Berlinale. (picture-alliance/AP Photo/M. Sohn)

Sein Team nimmt den Goldenen Bären für "There Is No Evil" für Rasoulof entgegen

Gerade ein paar Tage nachdem die Berlinale beendet und der rote Teppich in Berlin zusammengerollt war, sei Rasoulof am 4. März vom zuständigen Richter in Teheran aufgefordert worden, die Haft anzutreten, berichtet die Berlinale, die nun öffentlich gegen seine bevorstehende Haft protestiert.

Die Berlinale protestiert gegen die Haft von Mohammad Rasoulof

"Es ist erschütternd, dass ein Regisseur so hart für seine künstlerische Arbeit bestraft wird", sagte die Leitung des Berliner Filmfestivals, Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian. "Wir hoffen, dass die iranischen Behörden das Urteil revidieren."

Auch mehrere andere Institutionen wie die Europäische Filmakademie, die Internationalen Filmfestspiele von Cannes und das IDFA, das Internationale Dokumentarfilm-Festival Amsterdam zeigten sich solidarisch mit Rasoulof und äußerten sich besorgt über die ihm drohende Haft. Sie fordern, dass die Anklage gegen Mohammad Rasoulof zurückgezogen und das gegen ihn verhängte Reiseverbot unverzüglich und bedingungslos aufgehoben wird.

Wim Wenders: "Wir brauchen Stimmen wie die von Mohammad Rasoulof"

Der Präsident der Europäischen Filmakademie, der deutsche Filmemacher Wim Wenders, betont in der Erklärung: "Unser Kollege Mohammad Rasoulof ist ein Künstler, der uns immer wieder von einer Realität erzählt, von der wir sonst nur wenig wissen." Die Gesellschaft benötige Stimmen wie seine, "Stimmen, die die Menschenrechte, die Freiheit und die Würde verteidigen".

Sein Platz auf der Pressekonferenz blieb leer: Mohammad Rasoulof durfte nicht nach Berlin reisen (AFP/T. Schwarz)

Sein Platz auf der Pressekonferenz blieb leer: Mohammad Rasoulof durfte nicht nach Berlin reisen

Rasoulof wird in dem Protestaufruf gegen seine Haft ebenfalls zitiert. Demzufolge sorgt er sich um die gesundheitliche Lage bereits Inhaftierter: "Viele kulturschaffende Aktivisten sind im Gefängnis, weil sie die Regierung kritisiert haben. Die unkontrollierte Ausbreitung des Covid-19-Virus in iranischen Gefängnissen gefährdet ernsthaft ihr Leben. Diese Bedingungen erfordern eine sofortige Reaktion der internationalen Gemeinschaft."

Corona im Iran: Sorge auch um Gefängnisinsassen

Im Iran hat das Coronavirus bereits mehr als zweihundert Todesopfer gefordert. Schulen und Universitäten wurden geschlossen und nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP offenbar aus Sorge über die Verbreitung des Virus in Gefängnissen rund 54.000 Insassen in Hafturlaub entlassen.

In Rasoulofs bei der Berlinale prämierten Film geht es um die Todesstrafe im Iran und um die Frage, wie jeder Einzelne Verantwortung für sein Handeln in einem System der Willkürherrschaft übernimmt. Gedreht wurde im Geheimen und unter anderen Namen.

Lesen Sie hier, wie Mohammad Rasoulof es trotz Berufsverbot schaffte, einen Film im Iran zu drehen.

Seinen Pass musste Rasoulof bereits 2017 den iranischen Behörden übergeben, nachdem er vom Filmfestival in Cannes in sein Heimatland zurückgekehrt ist. In Cannes hatte er mit seinem Film "A Man of Integrity" (auf Deutsch: "Kampf um die Würde") den Hauptpreis in der Kategorie "Un Certain Regard" ("Ein gewisser Blick") gewonnen.

Lesen Sie hier das ganze DW-Interview mit Mohammad Rasoulof.

Im DW-Interview erzählt Rasoulof, dass er es vorziehe, Widerstand zu leisten, als sich dem Zensurapparat geschlagen zu geben: "Das gibt mir ein Gefühl der inneren Ruhe, weil ich so mir selbst treu bleiben kann. Wer in einem tyrannischen System er selbst bleiben möchte, der muss einen hohen Preis zahlen."

Sein Film war nicht das erste Mal, dass Rasoulof öffentlich opponierte: Er gehörte ebenfalls zu den Unterzeichnern eines offenen Briefes, in dem sich im November 2019 mehr als 200 Mitglieder der iranischen Filmindustrie gegen die staatliche Zensur aussprachen und freie Meinungsäußerung in der Islamischen Republik forderten. Der Protest entzündete sich an dem Verbot des Films "The Paternal House" von Kianoush Ayari, der eine Woche nach seiner ersten Vorführung in iranischen Kinos nicht mehr gezeigt werden durfte.

So wie es derzeit aussieht, wird Rasoulof seinen Widerstand teuer bezahlen – noch hat der internationale Protest gegen seine Haftstrafe keine Wirkung gezeigt. 

ld/rbr (kna, afp, dpa)

 

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