Mit Leselust und neuem Blick: Unser Projekt ″100 gute Bücher″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 11.10.2018
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Editorial

Mit Leselust und neuem Blick: Unser Projekt "100 gute Bücher"

Die erste Liste deutschsprachiger Literatur in englischer Übersetzung. Ein Überblick über Romane und Erzählungen, die seit 1900 erschienen sind – und die Sie unbedingt kennen lernen sollten.

Am Anfang stand zunächst nur eine Frage: Warum eigentlich sind deutschsprachige Autoren in den USA, in Großbritannien oder Australien so wenig bekannt? Gerade einmal 3,5 Prozent der Bücher auf dem englischen und amerikanischen Markt sollen Übersetzungen sein. Auch wenn diese Zahlen seit Jahren nicht mehr überprüft wurden, bestätigt jeder Blick in eine amerikanische Buchhandlung, dass da Nachholbedarf besteht. Stellt sich die nächste Frage: Welche Bücher werden überhaupt ins Englische übersetzt? 

Und dann kam die Idee: Wie wäre es mit einer Liste?

Gleich vorweg, dies ist keine Auflistung der Besten, kein Ranking. Dies ist eine Präsentation guter Bücher, geschrieben von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die Sie vielleicht schon kennen. Oder auf jeden Fall kennen lernen sollten. Bekanntes und Neues, Wiederentdeckungen, "schwere" und "leichte" Literatur. Romane und Erzählungen, die Sie einen neuen Blick auf Deutschland (und Österreich und die Schweiz und überhaupt Europa) werfen lassen. 

Die Nadel im Heuhaufen…

Wo fängt die Recherche an? Oft hilft es nur, die Verlagsprogramme zu durchstöbern. Verlage anzuschreiben. Online-Plattformen zu durchforsten. Das Goethe-Institut hat Listen zur Verfügung gestellt; wir haben Schriftsteller angeschrieben, von denen wir sicher waren, dass sie übersetzt sind, und überrascht wurden, dass dem nicht so war. Wir haben uns von Übersetzern Tipps geben lassen und sind Mitglied in Online-Bibliotheken geworden, die Bücher als ebooks verleihen. Kein Wunder, haben wir manchmal gedacht, dass es solch eine Liste bisher noch nicht gibt. Wer macht sich schon so eine Arbeit? 

Aber es gab es auch Momente der Euphorie, wenn wir auf eine literarische (Wieder-) Entdeckung stießen. Spaß am Austausch mit tollen Leuten, die sich mit großer Leidenschaft für Literatur – speziell die deutschsprachige – einsetzen. Es gab Diskussionen darüber, warum nur knapp ein Drittel der Autoren auf der Liste Frauen sind. Das ist, haben wir bedauernd festgestellt, vor allem einem großem Desinteresse der Branche geschuldet. Schriftstellerinnen hatten es (und haben es bis heute – lesen Sie den Essay der Übersetzerin Katy Derbyshire!) viel schwerer als ihre männlichen Kollegen, einen Verlag zu finden. Und dann auch noch ins Englische übersetzt zu werden. Das hat sich zwar in den letzten Jahren verändert, aber von Gleichbehandlung kann nach wie vor keine Rede sein! 

Viele Klischees – und manche Überraschung

Trotzdem waren wir am Ende über die Vielfalt aus dem Deutschen übersetzter Literatur überrascht. Unsere erste Liste umfasste weit über 200 Bücher. Ganz wichtig bei der Auswahl: Wir wollten unbedingt das Vorurteil widerlegen, dass deutschsprachige Literatur bleischwer sei und ermüdend. Dass es immer wieder um Krieg, die NS-Zeit oder die DDR ginge. Natürlich sind das die großen Themen der deutschen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts. Aber die Art, Geschichte zu erzählen, ist so vielfältig wie die Menschen, die sie erlebt haben. 

Manche der von uns vorgestellten Autoren und Autorinnen wie Emine Sevgi Özdamar, Saša Stanišić, Alina Bronsky, Yoko Tawada haben die deutsche Sprache erst als Jugendliche oder Erwachsene gelernt – und sind nicht mehr wegzudenken aus der deutschen Literaturlandschaft. Manche Werke entpuppen sich bei heutiger Lektüre als überraschend aktuell (Heinrich Böll). Anderen wünschen wir eine Wiederentdeckung (Gregor von Rezzori).

Streiten Sie mit uns!

Die unselige Grenze zwischen E (ernsthaft) und U (unterhaltend), einst so typisch für die deutschsprachige Kultur, ist durchlässiger geworden. Spürbar ist sie immer noch. Wir haben uns von diesem Grenzstreit ferngehalten. Wir haben Bücher dabei, die einfach nur spannend sind und sich zur Ferienlektüre perfekt eignen ("Der Schwarm" von Frank Schätzing). Wir haben Bücher ausgewählt, die vor allem gute Laune machen ("Tschick" von Wolfgang Herrndorf) und Bücher, die Sie eintauchen lassen in eine andere Welt (Joseph Roth und Robert Seethaler). Sie finden tragikomische Bücher (Jurek Becker) auf unserer Liste, experimentelle (Ilse Aichinger), düstere (Erich Maria Remarque) und fantasiestrotzende (Cornelia Funke). Unsere Auswahl soll Ihnen Lust aufs Lesen machen, sie wird Klischees bedienen und sie auch widerlegen. Vielleicht vermissen Sie Ihren Lieblingsschriftsteller? Macht nichts. Sie werden garantiert etwas Neues entdecken. Aber Sie dürfen natürlich auch mit uns streiten. Wir wollen die Debatte! 

Bücher zum Anschauen

Zur Liste haben wir Videos produziert, zu jedem Buch eines, auf Deutsch und auch auf Englisch. Wir haben dafür Orte gesucht, die Sie neugierig machen sollen, und die Sie ein wenig schon die Atmosphäre spüren lassen, die Sie bei der Lektüre finden werden. Christa Wolfs DDR-Erzählung "Der geteilte Himmel" haben wir vor einem der letzten Mauerstücke in Berlin gedreht. Bernhard Schlinks "Der Vorleser" durften wir in einer historischen Straßenbahn der Berliner Verkehrsbetriebe produzieren, in der auch Stephen Daldrys Verfilmung des Romans gedreht wurde. Wir waren auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee, in der letzten Berliner Wohnung von Bertolt Brecht, in vielen Museen, Parks, auf Straßen, in Cafés und Bars, in Wohnungen von Freunden und in unseren eigenen. So viele haben uns dabei geholfen, die richtigen Orte für unsere Präsentationen zu finden und Sie zu überraschen. 

"Wir" – das ist übrigens ein ganzes Team von DW-Autoren und Redakteuren, die zusammen mit Sabine Kieselbach und David Levitz ihr Wissen und ihre Ideen in dieses Projekt eingebracht haben. Kurz: ihr literarisches Herzblut. 

Und noch mehr zum Lesen…

In unserem Online-Angebot finden Sie zu jedem Buch einen Text – mit Hintergrund- und Autoreninfos und, ganz wichtig!, Tipps und Links, wo Sie die Bücher erhalten können. 

Und nun: Lassen Sie sich verführen. Und lassen Sie sich nicht einschüchtern. Fangen Sie an zu lesen. Ein gutes Buch ist schon mal ein Anfang.

 

Sabine Kieselbach ist Literaturwissenschaftlerin und hat schon während des Studiums für Zeitungen und Radiostationen über Bücher und Kultur berichtet. Seit 1994 ist sie Redakteurin der Deutschen Welle, seit 2016 deren Literaturkorrespondentin. Gemeinsam mit David Levitz präsentiert sie die Liste der "100 guten Bücher" in kurzen Webvideos, die Sie auf allen sozialen Plattformen der DW empfangen können.
 

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