Mit HIV an der Uni | Bildung | DW | 01.12.2013
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Bildung

Mit HIV an der Uni

Rund 78.000 Menschen in Deutschland sind HIV-positiv oder haben AIDS. In den 90ern galt eine Diagnose noch als Todesurteil. Heute ermöglichen Medikamente eine Zukunft, eine Perspektive, für die sich das Studieren lohnt.

Anderthalb Jahre ist der Tag nun her, an dem sich Alex' (Name von der Redaktion geändert) Leben veränderte. Im August 2012, kurz bevor der junge Mann sein Auslandsstudium an der Universität Bonn antritt, macht er einen HIV-Test in seinem Heimatland. So ein Test ist für Alex keine große Hürde. Zweimal im Jahr lässt er sich durchchecken, ein Routinebesuch.

Bis zu diesem Tag im August war das Ergebnis immer negativ. Diesmal aber ist es anders. Alex hat sich mit HIV infiziert. Als ihm das Testzentrum die Diagnose mitteilt, ist er schon für sein Masterstudium nach Bonn gezogen. "Sie sagten mir, ich solle den Test noch ein zweites Mal machen, um ganz sicher zu sein", erinnert er sich. In Bonn geht Alex zum Gesundheitsamt und macht einen zweiten anonymen Test. Auch der ist positiv.

Die AIDS-Initiative als Anlaufstelle für Betroffene

Nach der Diagnose führt ein Arzt ein ruhiges Gespräch mit ihm, so dass Alex nicht in Panik gerät. Der Arzt empfiehlt ihm, Kontakt zur Bonner AIDS-Initiative aufzunehmen. Die begleitet Menschen mit HIV oder AIDS und verfolgt dabei das Prinzip der Selbsthilfe.

Die Bonner AIDS-Initiative verteilt sauberes Spritzbesteck, um HIV-Übertragung bei Drogenabhängigen zu vermeiden. Außerdem verteilen sie Kleidung und Kondome (Hintergrund Kultur (Bildung))

Die AIDS-Initiative verteilt sauberes Spritzbesteck, um HIV-Übertragung bei Drogenabhängigen zu vermeiden

Betroffene können sich in den Räumen der AIDS-Initiative in Gesprächsrunden austauschen, erhalten Antworten auf ihre Fragen und bei Bedarf Kleidung, Kondome oder sauberes Spritzbesteck.

"Die Menschen, die zu uns kommen, sind zu einem großen Teil arm und kommen aus dem Migrations- oder Drogenbereich", sagt Stefanie Kubosch, Mitarbeiterin bei der AIDS-Initiative. Zehn Prozent der Betroffenen, die sie betreut, sind aber auch Auszubildende und Studierende wie Alex.

Das Versteckspiel beginnt

Von seiner Krankheit will der Student aus Osteuropa seinem Umfeld nichts erzählen. Erst recht nicht seiner Familie. "Das ist für mich ein ganz privates Problem. Ich spreche nur mit wenigen Menschen darüber." Zu diesen Menschen zählt auch Stefanie Kubosch von der AIDS-Initiative.

Schattenbild eines anonymen Studenten, der HIV-positiv ist (Hintergrund Kultur (Bildung)) NUR FÜR DAS STÜCK HINTERGRUND KULTUR STUDIEREN MIT HIV!

Alex will anonym bleiben, denn seine HIV-Erkrankung ist für ihn privat

"Die meisten Studenten erzählen anderen nicht von ihrer HIV-Infektion. Und wir sagen auch in der Beratung: sei vorsichtig damit, sei zurückhaltend."

Denn wenn sich der Betroffene einmal geoutet habe, dann sei das nicht mehr rückgängig zu machen, so Kubosch. Es sei vor allem die Angst vor Diskriminierung, weshalb betroffene Studenten ihre Krankheit verheimlichen. An der Uni ist HIV kein großes Thema, bestätigt auch Alex. Ob es wirklich so wenig Betroffene gibt oder ob sie, wie Alex, ihre Infektion verschweigen, kann keiner sagen. Denn offizielle Statistiken zu HIV-positiven Studenten gibt es nicht. Das Robert-Koch-Institut schätzte Ende 2012 die Zahl aller HIV- und AIDS-Erkrankten in Deutschland auf 78.000 Menschen, 63.000 davon sind Männer. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Die AIDS-Hilfe Bonn, eine weitere Anlaufstelle für Betroffene, geht von rund 15.000 Menschen aus, die von ihrer Infektion noch nichts wissen.

Die Universität Bonn bietet keine spezielle HIV- oder AIDS-Beratung an. Ratsuchende können sich aber an die Beauftragte für behinderte und chronisch erkrankte Studenten wenden. Alex hat von diesem Angebot allerdings noch nichts gehört. "Ich brauche diese Beratungsstelle nicht. Stefanie Kubosch beantwortet mir all meine Fragen."

HIV ist kein Grund, nicht zu studieren

Stefanie Kubosch von der Bonner AIDS-Initiative berät Betroffene in ihrem Büro und am Telefon (Hintergrund Kultur (Bildung))

Stefanie Kubosch von der Bonner AIDS-Initiative berät Betroffene in ihrem Büro und am Telefon

Stefanie Kubosch versichert Alex, dass seine HIV-Infektion kein Grund sei, Deutschland verlassen oder sein Informatik-Studium beenden zu müssen. "Zu Beginn der HIV-Geschichte war es so, dass man Schwierigkeiten hatte, als Chirurg zu arbeiten. Die Befürchtung war zu groß, dass der Chirurg sich während der Operation verletzt und einen anderen Menschen ansteckt", erklärt Kubosch.

Heutzutage ist das anders. Betroffene haben bei ihrer Studienwahl keine Einschränkungen mehr. Denn Medikamente ermöglichen es, die HI-Viren so stark zurückzudrängen, dass sie nicht mehr im Blut nachweisbar sind. HIV-Patienten sind daher in der Regel nach einem halben Jahr nicht mehr ansteckend, soweit sie keine anderen sexuell übertragbaren Krankheiten haben.

Alex begann seine Therapie im Mai dieses Jahres. Seitdem geht es ihm deutlich besser. Nebenwirkungen, zu denen Erbrechen und Gewichtsverlust gehören, hat er nicht. Trotzdem kann er nicht mehr ein ganz normales Leben führen.

Die Hürden des Uni-Alltags

Seitdem er von seiner Infektion weiß, achtet Alex mehr auf seinen Körper. Bevor er seine Therapie begann, ging es ihm so schlecht, dass er abends lieber zuhause blieb, anstatt mit seinen Kommilitonen feiern zu gehen. Den Grund dafür kannten sie nicht. Genauso wenig seine Dozenten, denn Alex schaffte auch vor der Therapie das geforderte Pensum. Nur in den Prüfungsphasen war es für ihn sehr schwer, weil er durch die Infektion häufig müde und erschöpft war.

Stefanie Kubosch kennt das Problem. Sie weiß, dass andere HIV-positive Studentinnen und Studenten mehr mit dem Leistungsdruck zu kämpfen haben. "Das deutsche Studiensystem ist auf gesunde, leistungsstarke Menschen ausgelegt. Man muss auf den Punkt genau Leistung erbringen. Wenn ich aber eine chronische Erkrankung habe, kann ich das häufig nicht."

Finanzielle Unterstützung durch die deutsche AIDS-Stiftung

Sebastian Zimer von der AIDS-Stiftung (Hintergrund Kultur (Bildung))

Sebastian Zimer von der AIDS-Stiftung

Manche Studenten schaffen es aufgrund ihrer Krankheit nicht, ihr Studium in der Regelzeit zu beenden. In solchen Fällen und bei anderen finanziellen Problemen, die durch HIV entstehen, können sie sich an die Deutsche AIDS-Stiftung wenden. Die verteilt Gelder an Betroffene, die einen Antrag stellen. "Studierende kommen auf uns zu, wenn sie zum Beispiel Hilfe bei der Übernahme der Studiengebühren oder Semesterbeiträge brauchen. Darüber hinaus bezuschusst oder übernimmt die AIDS-Stiftung die Kosten für Lernmaterialien oder Exkursionen", so Sebastian Zimer von der Deutschen AIDS-Stiftung. Letztes Jahr hätten etwa zehn Studenten dieses Angebot wahrgenommen.

Zukunft mit HIV

Versteckspiel, gesundheitliche Beschwerden und die Angst, andere anzustecken, begleiten viele Betroffene ein Leben lang. Alex geht das Thema HIV inzwischen pragmatisch an. Für ihn sei seine Krankheit nur ein Problem, das es zu lösen gilt, sagt er. Er möchte sein Informatik-Studium erfolgreich abschließen und danach in Deutschland arbeiten.

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