Mit High-Tech gegen die Schneelawinen-Gefahr | Europa | DW | 04.01.2018
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Wintersport

Mit High-Tech gegen die Schneelawinen-Gefahr

App, Suchgerät, Sonde und Airbag: Immer mehr Skifahrer wappnen sich für den Ernstfall - wenn der schöne Pulverschnee zur Falle wird. Trotzdem sterben noch immer rund 100 Menschen pro Jahr im alpinen Raum.

Bei einem Lawinenunglück in Südtirol sind ein Kind und dessen Mutter ums Leben gekommen. Die beiden waren am 3. Januar 2018 mit einer Gruppe von neun Tourengehern aus Deutschland abseits der Piste unterwegs, als sich das Schneebrett im Skigebiet Schöneben-Haideralm löste. 

Leider kommt es in der Schnee- und Ski-Hochsaison immer wieder zu solchen Unglücken. Alpinexperten verweisen darauf, dass die Gefahr solcher Schneeabgänge schon ab Herbst besteht - nicht nur für Ski- und Snowboardfahrer, sondern auch für Wanderer.  

So hatte eine Familie aus den Niederlanden Pech, als sie an einem Septembertag wandern ging. Bevor sie startete, hatte sie sich zwar über die Wetterverhältnisse informiert. Sie fühlten sich sicher - ein Bergführer hatte zuvor eine Spur von der Gotzenalm Richtung Landtal in den Berchtesgadener Alpen gelegt. Das war die Strecke, die auch die Familie nehmen wollte. Wenn ein Profi an dem Tag diesen Weg geht, sollte es auch für sie nicht zu gefährlich werden, so ihre Überlegung. Als sich die Familie am Nachmittag in 1650 Meter Höhe auf einem Steig Richtung Tal bewegt, passiert dennoch das Unglück: Eine Schneelawine reißt den 24-jährigen Sohn mit. Er war als Letzter der Gruppe in der Rinne entlang gelaufen. Der junge Mann stürzt ab und ist sofort tot. Experten vermuten, dass sich der Schnee am Nachmittag erwärmt hatte und auf steilem Untergrund ins Rutschen kam.

Rund 100 Menschen kommen jährlich in den Alpen wegen eines Lawinenunglücks ums Leben, schätzt der Deutsche Alpenverein. Besonders Freerider, also Ski- oder Snowboard-Fahrer, die abseits der Pisten durch unberührten Tiefschnee hinunter sausen, leben gefährlich. "Das Erstaunliche ist dennoch: Die Zahl der Todesopfer bleibt über die Jahre relativ stabil", sagt Thomas Bucher, Pressesprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV) der DW. "Das wundert vor allem deswegen, weil es immer mehr Sportler gibt, die aufs Freigelände gehen." Gerade Freerider, die abseits der Pisten unterwegs sind, setzen sich der Lawinengefahr aus. "Und trotzdem sind die Zahlen nicht angestiegen: Man kann also sagen: Das individuelle Risiko in einer Lawine zu verunglücken, ist eher gesunken."

Österreich Lawinenunglück (picture-alliance/ZOOM.TIROL/APA/picturedesk.com)

Lawinenunglück in Tirol: Hilfskräfte machen sich bereit für die Suche (2016)

Forschung seit den 1930er-Jahren

Das schrumpfende Risiko für den Einzelnen hat auch etwas mit den immer besser entwickelten Frühwarnsystemen zu tun. Wie und wann Lawinen entstehen, versuchen zum Beispiel Wissenschaftler des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) im schweizerischen Davos schon seit Jahrzehnten herausfinden. Seit den 1930er-Jahren führen sie Schnee-Experimente durch. Eine wichtige Erkenntnis: Lawine ist nicht gleich Lawine. Während die Lockerschneelawine in der Regel harmlos ist, kann die Schneebrettlawine tödliche Folgen für den Alpinisten haben. Sie ist auch die Lawinenart, die vom Wintersportler am häufigsten selbst ausgelöst wird. Dabei lockert sich von einer Kante ein Schneebrett und rutscht mit bis zu 80 Stundenkilometern Richtung Tal. Besonders gefährlich ist der erste schöne Tag nach Neuschnee. Das Gefährliche daran: Die unberührte Schneedecke ist bei Wintersportlern besonders beliebt. Bahnt sich eine gefährliche Wetterlage in den Schweizer Alpen an, warnt das Institut im Internet oder mit ihrer App "White Risk".

Thomas Bucher, Deutscher Alpenverein DAV (DAV/Tobias Hase)

Thomas Bucher, Deutscher Alpenverein: "Hinweise interpretieren"

Doch die Frühwarnsysteme haben auch ihre Tücken, sagt Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein. "Sie machen natürlich keine Vorhersage für den einzelnen Hang." Man müsse die Vorhersage herunterbrechen können und sich überlegen: Ist das ein Hang, der besonders gefährlich werden könnte, weil er ostseitig gelegen oder besonders steil ist?  Man müsse den Lawinenlagebericht gut interpretieren können. "Es wird deshalb nie 100-prozentige Sicherheit geben - es sind Hinweise, mehr nicht", sagt Bucher.

Technik für den schlimmsten Fall

Dennoch: Gerade Freerider sind auch für den schlimmsten Fall mittlerweile oftmals gut ausgerüstet, sagt Bucher. Viele haben eine Notfallausrüstung dabei - dazu zählt auch ein sogenanntes Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS-Gerät), mit dem Menschen unter Schneedecken schneller gefunden werden können. Das Lawinensuchgerät kann senden, aber auch suchen. Die Reichweite beträgt bis zu 60 Meter. Ebenfalls wichtig: Eine Sonde zum Markieren der Unglücksstelle und eine Schaufel, mit der Verschüttete schnell ausgegraben werden können."Ohne Schaufel hat man bei dem harten Lawinenschnee überhaupt keine Chance", sagt Bucher. Auch Rucksäcke mit Airbags können Leben retten. Ein aufgeladenes Handy sei ebenfalls wichtig.

Wintersport Freeriding (Getty Images/AFP)

Trendsport Freeriding: Abseits von den Pisten ist noch mehr Können gefragt

"Doch auch die Bergrettung arbeitet wesentlich besser als früher", sagt er. Mit dem Hubschrauber kommt die Bergwacht schnell zur Unglücksstelle. Handys und Suchgeräte helfen bei der Suche und Koordination. "Das andere ist das eigene Können und Wissen, zum Beispiel darüber, dass man nicht auf organisierte Rettung hoffen sollte." Bergsportler sollten sich deshalb nicht alleine auf den Weg machen, sondern nur in einer Gruppe - die sich im Unglücksfall selber zu helfen weiß. "Innerhalb von 15 bis 18 Minuten sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit in einer Lawine rapide, doch die Bergrettung braucht meist 20 Minuten oder mehr", warnt Bucher. "Wer nicht weiß, wie er sich selbst schützt und andere rettet, setzt Menschenleben aufs Spiel."

"Jederzeit ein Unfall möglich" 

Doch auch wenn alle Tipps beherzigt werden: "Berge sind nun mal Wildnis, man wird sie nicht vollständig berechnen können", erklärt Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein. So können auch Vollprofis unter der weißen Wucht ihr Leben verlieren, wie zum Beispiel Freeride-Weltmeisterin Estelle Balet, die 2016 bei Dreharbeiten ums Leben kam. Die 21-jährige Schweizerin hatte mit ihrem Snowboard eine steile Rinne im Gebiet Portalet befahren, als sie von einer Lawine erfasst und etwa einen Kilometer mitgerissen wurde. Sie konnte zwar recht schnell befreit werden, doch die Verletzungen waren zu schwer. Erst Tage zuvor hatte sie in einem Interview mit der Schweizer Illustrierten "Blick" über die Gefahren beim Freeriden gesprochen. Ihr sei bewusst, dass "jederzeit ein Unfall passieren kann".

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