Mit ″Flutwein″ Hochwasserschäden lindern | Deutschland | DW | 01.08.2021
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Flutkatastrophe

Mit "Flutwein" Hochwasserschäden lindern

Viele Winzer im Ahrtal stehen nach dem Hochwasser vor den Trümmern ihrer Existenz. Jetzt werden vom Schlamm verdreckte, aber intakte Weinflaschen verkauft. Von Oliver Pieper, Marienthal.

Sie sagen, es sei ihr schlimmster Jahrgang, und natürlich haben sie damit recht. Und doch sind die 120 Euro, die man zum Beispiel für sechs Flaschen Wein mit dem besonderen Qualitätssiegel "originalverschlammt" überweist, jeden Cent wert. Denn das Geld für den sogenannten "Flutwein" kommt den 50 Winzern im Ahrtal zu Gute, deren Weinkeller durch das Hochwasser abgesoffen sind. Und die jetzt fast vor dem Nichts stehen.

Benno Gilles ist einer von ihnen, die Flut hat den Winzer aus Marienthal mit am härtesten getroffen. Als das Wasser kam, verschanzte er sich mit seiner Familie und den Gästen seiner Hotelpension auf dem Speicher, und sah mit eigenen Augen, wie die Wassermassen seine Existenz wegspülten. "Ich arbeite hier seit 40 Jahren als Winzer, ein Familienbetrieb der dritten Generation. Und in ein paar Stunden war alles weg."

Deutschland, Marienthal | Benno Gilles auf seinem von der Flut verwüsteten Weingut

Weinproduzent Gilles: "10.000 Flaschen und alle Maschinen sind hinüber"

Gilles' Weingut ist beliebter Anziehungspunkt für all die Ausflügler, die auf dem idyllischen Rotweinwanderweg Halt machen. Sie können dort den von Gilles selbst hergestellten Wein verkosten. 25.000 Liter produziert er pro Jahr, und bei Bedarf auch in den fünf Gästezimmern übernachten. Doch Marienthal gleicht auch zwei Wochen nach der Flut immer noch einem Kriegsgebiet und das Weingut von Benno Gilles einer Ruine.

"Ich schätze, um die 10.000 Weinflaschen und alle meine Maschinen sind hinüber. Und auch ein halber Hektar meines Anbaugebietes", sagt er. "Wenn ich Glück habe, kann ich im nächsten Jahr wieder produzieren, um die Ernte von 2022 zu retten." In seinem Weinkeller lagern noch 8000 Liter in riesigen Eichenholzfässern, die Gilles jetzt umfüllen will. Und tausende verdreckter Flaschen. "Wir schaffen das. Wir geben nicht auf!"

Ahrregion fast komplett vom Weinbau abhängig

Auch Winzernachbar Paul Schumacher hat nur kurz darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen, als die Flut sein Weingut halb zerstörte. In seiner Schankstätte hatte das Wasser den Kühlschrank an die Deckenleuchte gespült. Da hing er noch, als die Flutwelle weg war. "Am ersten Tag habe ich gedacht, 'um Gottes willen, was jetzt?' Aber wenn es irgendwie finanziell möglich ist, werden wir versuchen weiterzumachen."

Deutschland, Marienthal | Durch das Hochwasser Weggerissene Außenmauer eines Hauses

Flutschäden in Marienthal: Eines der stark vom Hochwasser betroffenen Dörfern in der Region

Wenigstens konnte Schumacher 20.000 seiner Weinflaschen retten. Fast überall sind noch die Etiketten dran. Bei Obstbaubetrieben in der Nähe lässt er die Flaschen gerade waschen. Auch in seinem Keller warten noch Weinfässer darauf, umgefüllt zu werden, stattliche 42 an der Zahl. Vor der Flut verkaufte er seinen Wein nach Dänemark, Belgien und in die Slowakei.

Schumachers Lebensziel war es immer, eigenen Wein zu produzieren. Vor gut 20 Jahren hat er als Winzer ganz klein angefangen. 2006 kaufte er dann das Weingut in Marienthal. Mit fünf Hektar Rebfläche gehört er ebenso wenig wie Gilles zu den großen Weinbauern im Ahrtal, aber gerade diese kleinen Familienbetriebe sind es, die von der Flutkatastrophe besonders hart betroffen sind.

Deutschland, Marienthal | Winzer Paul Schumacher vor den Resten seiner Existenz

Winzer Schumacher: "Ohne Weinbau ist es hier zappenduster"

"Ich schätze, 60 Prozent der Winzer hier haben keine Elementarschadenversicherung, ich auch nicht," sagt Schumacher. "Aber der Wein ist hier der wirtschaftliche Motor für alles. Hotels, Gastronomie und Handwerker sind vom Weinbau abhängig. Wenn der nicht mehr funktioniert, ist es hier zappenduster."

Wiederaufbau wird ein Marathon

Der Mann, der nicht zulassen will, dass es so weit kommt, hat gerade alle Hände voll zu tun, sein Weingut nach dem Hochwasser wieder auf Vordermann zu bringen. Peter Kriechel ist der größte Winzer in der Region und gleichzeitig Vorsitzender des "Ahrwein e.V.", der das Marketing der Weinbauern übernimmt. Und er steckt, zusammen mit der Gastronomin Linda Kleber, hinter der Flutwein-Idee.

Deutschland, Blick auf Marienthal

Marienthal von oben: Auch zwei Wochen nach der Flut gleicht das Dorf noch einem Kriegsgebiet

Und die geht so: Spender können die Weine, welche durch die Flut nicht zu Bruch gegangen sind, über das Internet in dem Zustand, in dem sie geborgen wurden, erstehen. Die vom Schlamm völlig verdreckten Flaschen haben das Zeug, zum Symbol der Region zu werden: weil sie gleichzeitig für die Flutkatastrophe und die Aufbruchsstimmung stehen. Die Initiative, im Rekordtempo von drei Tagen umgesetzt, hat bereits die Eine-Million-Euro-Grenze geknackt.

"Wir haben hier jegliche Infrastruktur verloren: keine Brücken, keine Straßen, kein Wasser, kein Strom, kein Gas, voraussichtlich bis zum nächsten Jahr," sagt Kriechel. "Die ganze Wirtschaft ist in einem unfassbaren Ausmaß zerstört, es wird ein Marathon, wieder dahin zu kommen, wo wir einmal waren."

Große Solidarität unter den Winzern

Der Winzer musste mehr als ein Viertel seiner 200.000 eingelagerten Flaschen abschreiben, als die Kelterhalle volllief. Zwölf Tage war er ohne Strom, alle Maschinen wie die Weinpressen sind kaputt, seine 22 Mitarbeiter flitzen immer noch mit dem Hochdruckreiniger durch das Weingut, um den gröbsten Schlamm zu entfernen. "Im Vergleich zu den anderen Winzern sind wir aber hier in Ahrweiler noch mit einem blauen Auge davongekommen, viele Kollegen haben alles verloren und nicht einmal mehr eine einzige Flasche."

Die Solidarität, die sich in der Region gerade in eindrucksvoller Manier zeigt, hat auch die Winzer zusammengeschweißt - nicht nur bei der Flutwein-Initiative. Auf den Weinbergen im Ahrtal schuften jeden Tag 60 Kollegen von der Mosel und anderen Teilen Deutschlands, um die diesjährige Ernte irgendwie zu retten. Aus Konkurrenten sind Freunde geworden, die in der Not mit anpacken.

Deutschland, Marienthal | Vom Hochwasser angegriffener Weinberg

Vom Hochwasser angegriffener Weinberg: "Viele Kollegen haben alles verloren"

Bis zum 1. September können die "Flutweine" noch gekauft werden. Peter Kriechel ist gerade dabei, die Logistik für den Versand zu organisieren. Der Winzer geht felsenfest davon aus, dass die Flaschen nicht nur als Symbol für die Unterstützung der zerstörten Region jeden Weinkeller schmücken, sondern durchaus getrunken werden können.

"Ich habe gerade erst einen Anruf von einem Labor bekommen, das Proben von den Weinen genommen hat. Sie sagten uns, der Inhalt sei in keiner Weise beschädigt, die Verköstigung unbedenklich." Das sei für die Initiative sehr wichtig, so Kriechel. Dennoch stehe natürlich etwas anderes im Vordergrund: der Spendengedanke.

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