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Eine Nacht mit dem Papst

Sarah Judith Hofmann, Rio de Janeiro 28. Juli 2013

"Katholisches Woodstock“ nennen einige die Nachtwache des Weltjugendtags, denn an der Copacabana lauschten mehr als zwei Millionen Menschen den Worten des Papstes. Dieser sieht viele junge Missionare vor sich.

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"Feldlager" an der Copacabana für die Nachtwache Foto: DW
Bild: DW/S. Hofmann

Wie ein riesiges Schlachtfeld sieht die Copacabana aus, überall ragen Flaggen aus dem Sand. Auf dem Boden haben junge Menschen ihr Feldlager aufgeschlagen, die meisten mit Plastikplanen und Schlafsäcken, die wenigsten mit Zelten - denn die hat die Stadtverwaltung ausdrücklich verboten. Kleine Mauern haben manche aus Sand gebaut, um ihre Schlafstätten von den anderen abzugrenzen. Eine Schlacht hat es natürlich nicht gegeben, allerdings geht es am Ende doch nicht ganz friedlich zu. Aber dazu später.

Noch ist die Stimmung ruhig, in freudiger Erwartung, bisweilen auch schon andächtig. Die jungen Menschen aus aller Welt, die zum Weltjugendtag zusammengekommen sind, wollen eine gemeinsame Nachtwache abhalten, eine Vigil. Gemeinsam mit Papst Franziskus wollen sie das Nachtgebet sprechen bevor der Weltjugendtag am nächsten Tag mit der Abschlussmesse feierlich beendet wird. Es sind vermutlich mehr als zwei Millionen Menschen, die sich hier an Brasiliens berühmtestem Strand versammelt haben.

Blick auf die Copacabana Foto: DW
Der Papst bewegt Millionen von MenschenBild: DW/S. Hofmann

Gut zu Fuß

Ursprünglich sollten Vigil und Abschlussmesse auf dem Campus Fidei in Guaratiba, rund 50 Kilometer außerhalb von Rio stattfinden. Aufgrund des vielen Regens der letzten Tage, wurden die Veranstaltungen nun aber an die Copacabana verlegt. Nicht nur hätte die Messe in einer Schlammschlacht geendet, auch wären viele wohl gar nicht erst gekommen. Denn zu dem schlechten Wetter wäre auch noch die katastrophale Verkehrssituation gekommen. Bis zu zehn Stunden – so waren Pilger gewarnt worden – hätte die Anreise mit den Bussen dauern können. Die letzten 13 Kilometer sollten die Pilger dann zu Fuß beschreiten.

Shannon aus South Dakota ist zur Vigil dennoch zu Fuß gelaufen. Ganze sechs Stunden hat sie für die Strecke gebraucht, die sich die Organisatoren des Weltjugendtags in letzter Minute alternativ überlegt hatten. Vom zentralen Bahnhof für die Vorstadtzüge, Central do Brasil, bis zum Strand der Copacabana. Jetzt schmerzen ihre Füße, sie möchte sich einfach endlich hinsetzen - doch es gibt keinen Platz. Der Strand ist voller Menschen, die liegen, sitzen, stehen. "Das ist die größte Menschenmenge, in der ich in meinem ganzen Leben stand", sagt Shannon noch etwas fassungslos. Und die Flut kommt immer näher. Einige Schlafsäcke sind mittlerweile schon vom Meerwasser durchtränkt.

Shannon aus South Dakota Foto: DW
Shannon (l.) hat sechs Stunden bis zum Strand gebrauchtBild: DW/S. Hofmann

Keine Teilzeit-Christen

"Das hier war die schönste Woche meines Lebens", sagt Sophia Ramura aus Argentinien. "Wir wollen uns gemeinsam mit dem Papst darauf vorbereiten, dass morgen alles vorbei ist. Es ist so traurig", findet sie. Nur wenige Meter entfernt sitzt Schwester Chrismarie auf einer Plastikplane. Gemeinsam mit ihren Ordensschwestern und all den anderen jungen Menschen möchte die junge Venezulanerin den Worten des Papstes lauschen. Auch sie wird hier die Nacht verbringen. 

Schwester Chrismarie und ihre Ordensschwestern Foto: DW
Schwester Chrismarie und ihre OrdensschwesternBild: DW/S. Hofmann

Franziskus wählt in seiner Ansprache an die katholische Jugend mit Blick auf die Copacabana die Metapher des Feldes. "Ich weiß, dass ihr ein fruchtbares Feld sein wollt“, sagt er, "ernsthafte Christen, keine Teilzeit-Christen, keine Spießer, die aussehen wie Christen, aber in Wirklichkeit nichts tun." Und er spricht das diesjährige Motto und klare Ziel des Weltjugendtags an: das Missionieren. "Auch heute noch braucht der Herr euch junge Menschen für seine Kirche. Auch heute ruft er jeden von euch, ihm in seiner Kirche zu folgen und Missionar zu sein."

Missionieren zum Probieren

Die beiden Deutschen Amelie Morweiser und Christine Verjans haben genau dies getan - missioniert. Sie waren dabei als vor Beginn des Weltjugendtags eine Missionarswoche ausgerufen wurde. In Gruppen sind sie in die Favelas gegangen und haben an den Türen geklingelt. "So wie bei den Zeugen Jehovas", berichtet Amelie lachend. Sie hätten aber nicht versucht, die Menschen vom Glauben zu überzeugen, sondern einfach mit ihnen gebetet. "Aber irgendwie haben die Leute mich viel mehr missioniert, als dass ich sie missioniert habe", meint sie. Die Brasilianer hätten ihr gezeigt, dass es beim Glauben darum gehe, diesen zu feiern, sagt Christine Verjans.

Christine Verjans und Amelie Morweiser bei der Nachtwache Foto: DW
Christine (l.) und Amelie denken gerne an ihre Missionarswoche zurückBild: DW/S. Hofmann

Wie in seinen Reden der vergangenen Tage spricht der Papst auch an diesem Abend eine politische Botschaft aus. Er verfolge die Nachrichten in der Welt, sagt er, und sehe, dass viele Jugendliche in aller Welt "für eine gerechtere und brüderlichere Welt" auf die Straße gegangen seien. "Die Jugend auf der Straße! Das sind Jugendliche, die Protagonisten des Wechsels sein wollen. Bitte lasst nicht zu, dass andere Protagonisten des Wechsels sind. Ihr seid es, die die Zukunft habt." 

"Die wollen doch nur feiern"

Während Franziskus seine Ansprache hält, ziehen auch tatsächlich einige hundert Demonstranten über die Strandpromenade. Sie tragen Schilder mit der Aufschrift "Abtreibung ist ein Grundrecht", ein paar Frauen haben ihre T-Shirts ausgezogen, ziehen in BHs durch die Straßen. Ein Mann hat sich einen Luftballon vor die Hose geschnallt, der ein Kondom symbolisieren soll. Sie rufen: "Das hier ist die Diktatur des Papstes!“Und schon bald rufen die katholischen Jugendlichen vom Strand zurück: "Das hier ist die Jugend des Papstes!" Zwei Gruppen stehen sich gegenüber, brüllen einander an.

Demonstranten an der Copacabana Foto: DW
Tayana Nascimento und ihre Mitstreiter kritisieren die katholische SexualmoralBild: DW/S. Hofmann

Und dabei geht es nicht nur um Fragen der Sexualmoral. "Sie wollen doch nur Feiern und ihren Papst sehen", sagt Tayana Nascimento. "Dann fahren sie wieder nach Hause und wissen überhaupt nichts über diesen Ort." Für die Probleme, die in Brasilien existierten, interessierten sich die Weltjugendtagsbesucher doch nicht wirklich. "Und dafür gibt Brasilien so viel Geld aus, das anderswo fehlt."

Die Teilnehmer der Nachtwache sehen das anders: Sie bewundern Franziskus, weil er sich endlich für die Armen in der Welt einsetze. Es sind zwei Sichtweisen, die hier aufeinander prallen. Und doch, nachdem sich Tayana und eine junge Frau mit Papstplakat angeschrien haben, Gesicht an Gesicht, haucht Tayana ihr eine Kusshand zu. Die junge Katholikin erwidert mit derselben Geste und beide müssen lachen.