Mit dem mobilen Krankenhaus unterwegs in Washington | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 26.10.2013
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Amerika

Mit dem mobilen Krankenhaus unterwegs in Washington

In keinem anderen Industrieland der Welt sterben so viele Babies nach der Geburt wie in den USA. Mangelnde medizinische Versorgung und Armut sind die Hauptursachen. In Washington gibt es einen Lichtblick.

Haltestelle Anacostia. Im ärmsten Stadtviertel der US-Hauptstadt Washington verwandelt sich ein Bus ins Wartezimmer einer Kinderarztpraxis. Wenn die Mütter mit ihren Kleinen aus den gleichförmigen, backsteinroten Sozialwohnungsblocks den Bus erreichen, sind sie bereits am Ziel. "Ich bin wegen meiner Tochter hier. Sie hustet seit zwei Monaten", erklärt eine junge Frau. Klapperdünn ist sie. Im Mund hat sie nur noch wenige Zähne. Die fünf Monate alte Julia ist bereits das dritte Kind der 22-jährigen Frau. "Ich habe noch zwei andere, drei und fünf sind sie", erzählt die junge Mutter.

17 war sie bei der ersten Geburt. Jedes der drei Mädchen hat einen anderen Vater. Die Mutter selber geht nun wieder zur Schule. Irgendwie kriege sie das hin, meint sie. Sie ist eine von zahlreichen jungen Alleinerziehenden in diesem Stadtteil, der zu 90 Prozent von Afroamerikanern bewohnt wird. Nur etwa jeder Zweite hat in diesem vergessenen Teil der Metropole der reichsten Nation der Welt einen Job. Die meisten nicht einmal einen Schulabschluss. Die Aidsrate ist hier so hoch wie in manchen Teilen Afrikas nicht. Drei von hundert Menschen tragen das Virus in sich. Unter schwarzen jungen Frauen zwischen 25 und 34 Jahren ist es Killer Nummer Eins. Ein guter und bezahlbarer Arzt hingegen ist Luxus auf der Schattenseite des trüben Anacostia-Flusses, der durch das Viertel fließt.

Junge Mutter auf dem Weg in den Praxisbus Copyright : Antje Passenheim, DW Mitarbeiterin, Washington, Oct. 2013

Der Praxisbus ist eine willkommene Einrichtung für viele

"Frei Haus" gibt es den Arzt nur in der hochmodernen fahrenden Praxis der Georgetown University. Sieben Problembezirke steuert sie regelmäßig an. Das weiße Gefährt mit den bunten Sponsorenlogos mutet an wie ein UFO zwischen den tristen Fassaden mit vielen zerbrochenen oder vernagelten Fenstern. Anacostia ist ein heißes Pflaster: Die Zahl von Washingtons Schusswaffentoten im Jahr sank in der Hauptstadt in den vergangenen Jahren von 500 auf 90. Doch immer noch sterben die meisten davon in Anacostia.

Das Wartezimmer im schmalen Gang des Busses wird immer voller. Ein junger Arzt nimmt sich hinter einer Schiebetür Zeit für Julia. Im Gang wird ein kleiner Junge geimpft. In Behandlungsnische zwei nutzt eine Mutter die Chance für ihren eigenen Gesundheitscheck.

Tour durch die Armut

Seit 20 Jahren fährt das weiße Ronald McDonald Care Mobile Programme dank treuer Sponsoren die Armutslinie Anacostia ab. 50.000 Patienten profitierten seitdem von Washingtons ältester fahrender Praxis, erklärt ihr Gründer, der Kinderarzt Matthew Levy: "Wir haben das Projekt gestartet, weil es eine wachsende Kluft gab zwischen armen und reichen Teilen dieser Stadt. Wir wollen den Benachteiligten Zugang zu ärztlicher Versorgung geben."

Die schleppend anlaufende Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama, bei der es viele Pannen gibt, werde hoffentlich bald wirklich allen eine Versicherung garantieren. Dann wäre eine große Hürde genommen, meint der Professor der Georgetown Universitätsklinik. Doch viele Barrieren würden bleiben:. "Da ist diese beachtliche Kluft zwischen reichen und armen Teilen von Washington", meint Levy. "In einigen ist die Rate der Kindersterblichkeit mit der in Entwicklungsländern vergleichbar."

Ein Arbeitsloser bettelt an einer Straße in Washingtons reichem Vorort Potomac um Zuschüsse für seine Medikamente. Copyright Antje Passenheim, DW Mitarbeiterin, Washington, Oct. 2013

Die Gesundheitsreform erreicht nicht alle

Nach Studien der Organisation Save the Children sterben in keinem Industrieland der Welt jährlich soviele Babies nach der Geburt wie in den USA. Rund 11.300 überleben den ersten Tag nicht - 50 Prozent mehr als in anderen Industriestaaten. Krankheiten, mangelnde medizinische Versorgung aber auch schlechte Bildung gehören zu den Ursachen, die Levy und sein Team bekämpfen. "Die Unterschiede der Gesundheit der Menschen unserer Gesellschaft beruhen auf dem abweichenden Zugang zum System", meint der Mediziner. "Aber auch auf Unwissenheit. Also gehen wir beides an."

Aids, Übergewicht, Diabetes und Asthma sind Spitzenreiter unter den Krankheiten seiner jungen Patienten. Auch darüber hinaus wird Hilfe benötigt: "Wir schicken viele wegen Angstzuständen, Depressionen und Aufmerksamkeitsdefiziten zu Sozialarbeitern."

Armut macht krank

Der Präventivmediziner Sanjay Basu von der Stanford Universität und der Wirtschaftsexperte David Stuckler von der Universität Oxford belegen mit Studien: Armut macht krank. Der richtige Umgang der Politiker mit dem Problem könne aber zur Genesung einer Gesellschaft beitragen, so die Wissenschaftler in ihrem Buch "The Body Economic - Why Austerity kills". Dazu sagt Basu: "Mit der Rezession stieg in den USA auch die Selbstmordrate. Andere Länder wie Schweden haben dem mit einer gezielten Sozialpolitik entgegengewirkt."

Auch neue Krankheiten keimten auf dem Boden der wirtschaftlichen Flaute: Nachdem viele Menschen wegen Arbeitslosigkeit und Verarmung ihre Häuser verlassen mussten, seien in den Wasserlachen leerstehender Gebäude und Gärten in Teilen der US-Westküste plötzlich Erreger aufgetaucht, die es dort vorher nicht gegeben habe - etwa das tödliche West Nile Virus, das durch Stechmücken übertragen wird.

Der angesehene Washingtoner Kinderarzt der Georgetown University, Dr. Matthew Levy, hat vor 20 Jahren mit dem Ronald McDonald Care Mobile Programme die erste fahrende Praxis von Washington gegründet. Copyright: Dr. Matthew Levy, Washington Der angesehene Washingtoner Kinderarzt der Georgetown University hat vor 20 Jahren mit dem Ronald McDonald Care Mobile Programme die erste fahrende Praxis von Washington gegründet.

Kinderarzt Dr. Matthew Levy

Kinderarzt Levy ist klar: "Die Familien in den Armutsgebieten brauchen Rat und seelische Unterstützung." Das soziale Netz in seinem Land habe viele Löcher. Die Umsetzung der Krankenversicherung für Alle helfe, eines davon zu stopfen. Sein Kinderpraxis-Bus jedoch habe noch weite Strecken vor sich.

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