Mit dem Flugzeug um die halbe Welt: Afrikas neue Fluchtroute | Afrika | DW | 02.08.2019
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Migration

Mit dem Flugzeug um die halbe Welt: Afrikas neue Fluchtroute

Die Fluchtwege von Afrika nach Europa sind dicht. Nun bieten Schlepper neue Routen an - von Afrika aus mit dem Flugzeug um die halbe Welt: Immer mehr afrikanische Migranten stranden so in Mexiko. Ihr Ziel: die USA.

Anfang Juli meldeten Mexikos Behörden, dass sich die Zahl der afrikanischen Migranten im Land verdreifacht habe. Nach offiziellen Angaben sind es rund 1900, die meisten stammen aus den Krisenländern Kamerun und Demokratische Republik Kongo. Ihr Ziel: die USA.

Auch aus Uganda werden nun zahlreiche Afrikaner per Flugzeug um die halbe Welt geschleust. Der 23-jährige Eritreer, der mit Sonnenbrille in einem Gartenlokal in der Hauptstadt Kampala sitzt, könnte auch bald dazugehören. Aus Sicherheitsgründen will er seinen Namen nicht nennen. Er sei im vergangenen September aus dem brutalen Militärdienst in Eritrea geflohen, berichtet er. Der bedeutet nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen oft jahrelange Zwangsarbeit. "Dass sich in Eritrea bald etwas ändert, daran glaube ich nicht mehr, im Gegenteil", sagt er. Es gebe keine Hoffnung mehr.

Die klassischen Routen sind dicht

Bei seiner Flucht kam ihm die politische Lage entgegen. Nach zwei Kriegen und einem jahrzehntelangem Konflikt hatten Eritrea und Äthiopien im Juli 2018 einen Friedensvertrag geschlossen. Die bislang hochgerüstete Grenze zwischen den beiden Nachbarländern wurde im September geöffnet. Über die ist der junge Eritreer zu Fuß bis nach Äthiopien geflüchtet. Doch die dortigen Flüchtlingslager seien heillos überfüllt, klagt er.

Migranten in einem Schlauchboot vor der libyschen Küste (picture-alliance/AP Photo/F. Heinz)

Die klassischen Fluchtrouten nach Europa sind oft dicht

Er hörte sich nach Schleppern um. Bislang flohen die meisten Eritreer über Äthiopien oder den Sudan durch die Wüste bis an die libysche Küste. Von dort riskierten sie die gefährliche Passage über das Mittelmeer. Diese Route sei jetzt quasi dicht, erklärt Zecarias Gerrima, Vize-Direktor der eritreischen Nichtregierungsorganisation "Africa Monitors" mit Sitz in Uganda. "Die Sudanesen nehmen Eritreer fest und deportieren sie", sagt Gerrima. Sudans Grenzschützer würden der Europäischen Union beweisen wollen, dass sie die Migrationsrouten schließen, so Gerrima. Dabei wüssten sie ganz genau, dass es für die Eritreer nicht sicher ist, zurückzukehren. "Sie schicken sie in den Tod", so Gerrima.

Seit 2015 mehr als eine Million Flüchtlinge nach Europa kamen, hat die EU mit zahlreichen Staaten entlang der traditionellen Fluchtrouten Abkommen geschlossen. Im Rahmen des "Better Migration Management"-Projekts der EU wurden beispielsweise sudanesische Grenzschützer ausgebildet, um die Grenzen besser zu kontrollieren. Kritiker sagen: Die EU hat Afrikas Regierungen als Türsteher eingestellt.

Eine jahrelange Odysee

Das hat funktioniert. In der EU kommen nun deutlich weniger Flüchtlinge an. 2018 stellten 14.910 Eritreer in der EU einen Erstantrag auf Asyl - 2016 waren es mit 33.370 mehr als doppelt so viele. Allerdings fliehen nicht weniger Menschen aus Eritrea als früher - im Gegenteil: Allein in Uganda sind seit 2018 bis zu 200.000 Flüchtlinge aus Eritrea angekommen. Wie der 23-Jährige sind die meisten von Schleppern per Bus über Kenia nach Uganda geschleust worden. Schlepper nehmen dafür rund 1500 US-Dollar. 

Von hier aus gehe es nun über neue Wege weiter, berichtet Gerrima. Der Eritreer forscht über die weltweiten Fluchtbewegungen seiner Landsleute und ist mit vielen von ihnen auf den langen Fluchtrouten per WhatsApp und Facebook in Kontakt. In jüngster Zeit muss er feststellen, dass sich die Routen verlagern – jetzt geht es nicht mehr mit dem Boot über das Mittelmeer, sondern mit dem Flugzeug um die halbe Welt.

Viele wollen jetzt bis nach Nordamerika: "Sie fliegen von afrikanischen Flughäfen zuerst nach Südamerika – zum Beispiel nach Uruguay. Von dort geht es mit dem Auto weiter", sagt Gerrima. Weil sie Kontrollen meiden müssten, seien viele monatelang unterwegs, manchmal sogar Jahre.

Ein lukratives Geschäft

Diese Route sei teuer, weiß Gerrima. Schlepper, die vorher im Sudan und Libyen tätig waren, haben sich ebenfalls in Uganda niedergelassen. Durch die grassierende Korruption in den Immigrationsbehörden lassen sich leicht Pässe besorgen. Über die weltweit aktiven eritreischen Schleppernetzwerke können sie die nötigen Visa für die südamerikanischen Länder beschaffen. Bis zu 30.000 Dollar kostet die Reise.

Eine Gruppe Migranten aus verschiedenen Ländern in Mexiko (AFP/O. Martinez)

Rund 1900 Migraten aus Afrika sollen sich in Mexiko aufhalten

Ein gutes Geschäft für die Schlepper. Das Geld investieren sie in Restaurants, Hotels und Supermärkte in Uganda – offenbar unbemerkt. "Wir vermuten, dass unser Land als Transitland benutzt wird", sagt Moses Binoga, in Ugandas Immigrationsbehörde für die Bekämpfung von Schmuggel und Menschenhandel zuständig. Genaue Hinweise habe er aber nicht. 

Ziel der EU-Migrationspolitik war es ursprünglich, die Schleusernetzwerke in Afrika auszuschalten. Vergebens, glaubt Zecarias Gerrima von der Nichtregierungsorganisation "African Monitors": "Diese Politik hat die Schlepper nur klüger gemacht."

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