Mit Codewort gegen sexuelle Belästigung auf Festivals | Musik | DW | 04.09.2018
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Musikfestivals

Mit Codewort gegen sexuelle Belästigung auf Festivals

Nehmen sexuelle Übergriffe auf Festivals zu? Werden alle Taten angezeigt? Und wie kann man potenzielle Opfer schützen? Konzertveranstalter haben reagiert und einen Schutzmechanismus eingeführt.

Wacken 2010: Vor der Bühne Zehntausende, eine Frau wird von der Menge auf Händen getragen - sie hat ein knappes Top und einen noch knapperen Rock an. Unter ihr die Hände von Hunderten Männern, betrunken, in Feierlaune - und sicherlich auch ein bisschen angetan von der attraktiven Last über ihnen. Da kommt die eine oder andere Hand - gewollt oder nicht - mit intimeren Stellen in Berührung. Am Ende kommt sie ohne Slip wieder auf den Boden zurück. Später wird in einem Wacken-Forum heftig diskutiert.

Aussagen wie "So wie die aussah, hat sie es doch gewollt" treffen auf Empörung: "Es gibt keinen Grund Frauen wie ein Stück Fleisch zu behandeln, nur weil man besoffen und notgeil ist!". Eine Frau schreibt darunter: "Dass unter Bikini und Hotpants ein normaler Mensch stecken kann, geht bei vielen Saufköppen unter. Es wäre aber eine Überlegung wert, sich ein wenig geeigneter zu kleiden, wenn man denn unbedingt auf Händen getragen werden will."

Zwei attraktive Frauen in Sonnenbrillen auf dem Wacken Festival (picture alliance / Sport Moments/JacobsSport)

Wer so guckt, spricht nicht immer gleich eine Einladung aus

Dunkelziffer ist hoch

Szenen wie diese können auf jedem Festival stattfinden, egal wie groß es ist und welche Musik dort läuft. Und das Thema ist auch nicht neu. Es wurde nur so lange unter den Teppich gekehrt, bis 2017 mehrere Vorfälle beim Bråvalla Festival in Schweden das Fass zum Überlaufen brachten: Zahlreiche sexuelle Übergriffe wurden angezeigt- davon drei Vergewaltigungen. Eine 15-Jährige soll sogar in der Zuschauermenge misshandelt worden sein. Im Jahr davor waren fünf Vergewaltigungen angezeigt worden. Die Veranstalter fanden das nicht mehr zumutbar und sagten weitere Ausgaben des größten schwedischen Musikfestivals ab.

Ob es tatsächlich "nur" drei Vergewaltigungen waren, ist gar nicht sicher. Denn Viele trauen sich aus Scham nicht, die Täter anzuzeigen. Andere Opfer schlagen einfach zurück: 2017 hat auf Wacken eine Frau einen alkoholisierten Besucher so sehr verprügelt, dass er ins Sanitätszelt musste.

"Das ist nicht Metal"

Dennoch stören Straftaten wie diese das Bild von Freiheit, fröhlichem Miteinander und Flucht aus dem Alltag. Beim Festival sollen doch alle gleich sein und einfach mal die "Sau rauslassen" - was heißt: Viel Alkohol, wenig Schlaf, Feiern, Bier zum Frühstück, sich gehen lassen, verrückte Sachen tun - soll aber nicht heißen, dass man die schöne Freiheit missbraucht und anderen Menschen etwas antut. In Wacken heißt das: "Das ist nicht Metal".

"Kein festivalspezifisches Problem"

Im Zuge der #MeToo-Debatte ist man sensibler geworden. So wurde zu Beginn der Festivalsaison 2018 in den Medien die Frage aufgeworfen, ob die sexuellen Übergriffe auf Festivals zugenommen haben. Die Frage kann man nicht wirklich beantworten.

Der Konzertveranstalter FKP Scorpio richtet unter anderem das Hurricane-Festival aus, ein Blockbuster mit 80.000 Besuchern. CEO Stephan Thanscheidt ist der Meinung, das Problem liege nicht bei den Festivals, sondern bei Einzeltätern, die bewusst Grenzen überschritten und das auch in anderen Kontexten täten. In der 2018er-Ausgabe des Magazins "Festivalguide" sagte er: "Sexualisierte Gewalt ist kein festivalspezifisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem."

Drei Frauen in vorderster Reihe an der Bühne im Publikum auf dem 20. Hurricane Festival (picture alliance/Geisler-Fotopress/R. Keuntje)

Manche nutzen die Enge in der Masse schamlos aus

Studien könnten Licht ins Dunkel bringen

Macht er es sich damit zu einfach? Jein. Denn genaue Zahlen gibt es nicht - gezählt wird nur, was zur Anzeige gebracht wird.

So werden inzwischen vermehrt sogenannte "Dunkelziffer-Studien" durchgeführt, mit denen man die Zahl tatsächlich begangener Übergriffe genauer eindämmen kann. Das britische Meinungsforschungsinstitut YouGov hat mehr als 1000 weibliche und männliche Festivalbesucher zu ihren Erfahrungen der letzten fünf Jahre befragt. Heraus kam, dass ein Fünftel aller Besucher, egal welchen Geschlechts, schon einmal belästigt wurden. Bei Frauen unter 40 Jahren sind es sogar 43 Prozent. Das Glastonbury Festival bietet seit 2016 eine Frauen-Sektion vor den Bühnen an. Diese "Sisterhood" wird gut genutzt.

Um dies zu unterstreichen, wurde vor Kurzem eine weitere britische Studie zum selben Thema durchgeführt: Die Durham Universität hat herausgefunden, dass fast 70 Prozent aller Festivalbesucherinnen in England Angst vor sexuellen Übergriffen haben. Ob die Zahlen auch auf Deutschland zutreffen, lässt sich zur Zeit nicht sagen.

Gemischtes Publikum beim Ed Sheeran Konzert auf dem Glastonbury Festival (picture-alliance/Photoshot)

Glastonbury 2017: Bei Ed Sheeran sind die Frauen per se in der Überzahl.

"Wo geht's nach Panama?"

Inzwischen macht in Deutschland ein kleiner aber wirksamer Trick die Runde: Betroffene können sich auf Festivals oder auch in Clubs mit einer Art Codewort bei den Mitarbeitern - Security, Standbetreiber und sonstiges Personal - melden. Das ist einfacher als ein Delikt anzuzeigen und womöglich nicht ernst genommen zu werden. "Für Prävention und Schutz muss die Hemmschwelle für Betroffene möglichst niedrig sein, sich jemandem anzuvertrauen", meint Stephan Thanscheidt. So startete er mit FSK Scorpio 2017 das Projekt "Panama": "Wer unseren Mitarbeitern die Code-Frage "Wo geht's nach Panama" stellt, wird schnell und ohne weitere Fragen aus der Situation entfernt und an einen sicheren Ort gebracht. Dann entscheiden wir gemeinsam mit dem jeweiligen Besucher, wie wir am besten helfen können."

Es funktioniert, wenn auch die Leute aus verschiedensten Gründen Schutz suchen - Frauen wie Männer. "Manchen wird der Trubel plötzlich einfach zu viel, die brauchen für einen Moment einen 'Safe Space'", erklärt Jasper Barendregt von FSK Scorpio.

Die Idee aus Großbritannien wird von vielen Festivals übernommen. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und hat Signalcharakter: Denn durch Kampagnen wie "Panama" sind immer mehr Festivalbesucher sensibler für das Geschehen um sie herum geworden: Sie achten mehr aufeinander.

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