Missbrauchsprozess: Die Abgründe von Bergisch Gladbach | Deutschland | DW | 10.08.2020
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Sexualisierte Gewalt

Missbrauchsprozess: Die Abgründe von Bergisch Gladbach

Die Hausdurchsuchung bei Jörg L. brachte im Herbst eine Ermittlungslawine ins Rollen. Inzwischen wird gegen ein pädokriminelles Netzwerk mit Zehntausenden Verdächtigen ermittelt. Nun sollte der Prozess beginnen.

Es ist ein unauffälliges Haus unweit von Köln. Gepflegter Vorgarten, zwei Geschosse, Flachdach. Die perfekte Fassade eines bürgerlichen Lebens. "Nachbarn beschrieben sie als nette und normale Familie nach außen hin, die in einem schönen Einfamilienhaus in Bergisch Gladbach wohnt", erinnert sich die Polizistin Lisa Wagner. Die 33-Jährige war dabei, als am Morgen des 21. Oktober 2019 die Durchsuchung des Hauses von Jörg L. die Fassade zum Einsturz brachte. 

Die kinderpornografischen Bilder und Videos, die die Polizei bei dem heute 43-Jährigen fand - und mehr noch seine unter Pseudonymen wie "lila06789 Homer Simpson" oder "Bullseye" geführten Chats - lösten die wohl größte Ermittlung wegen sexueller Gewalt gegen Kinder in der Geschichte der Bundesrepublik aus.

Zeitweise über 300 Beamte in der BAO Berg

Extra für diesen Fall gründete die Polizei Köln eine "Besondere Aufbauorganisation" (BAO). In dieser Sonderkommission mit dem Namen "Berg" quälen sich zurzeit rund 130 Beamte durch Terabytes von Bild- und Videodateien. Was sie sehen, sind Szenen schwerster sexueller Gewalt an Kindern.

Polizei Köln: BAO Mitarbeiter*innen (Polizei Köln)

Ermittler der BAO Berg: Terrabyte an verstörende Bildern und Chatnachrichten

"Ich glaube, solche Bilder und Videos sind für alle Sachbearbeiter, auch für erfahrene Sachbearbeiter, immer belastend", sagt Polizistin Wagner zu den "schlimmen Dingen, die wir da sehen". Drei Ermittler aus der BAO Berg sind inzwischen dienstunfähig, krank durch die Missbrauchsvideos. Die Motivation, sich trotzdem Tag für Tag mit diesen Abgründen zu befassen, schöpft die mehrfache Mutter Wagner aus der Möglichkeit, "diese Täter zu identifizieren, diese Kinder aus diesen Familien rauszuholen, diesen Missbrauch zu beenden".

Rund 50 Kinder konnten die Fahnder schon aus den Fängen ihrer Peiniger befreien, darunter ein drei Monate altes Baby. Die Liste der identifizierten Täter ist mittlerweile auf 87 Beschuldigte angewachsen, berichtet Markus Hartmann in seinem Büro im vierten Stock bei der Staatsanwaltschaft Köln. Hartmann leitet seit 2016 die Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen, ZAC NRW. Die ist zuständig für "Cybercrime von herausgehobener Bedeutung". Dazu gehört auch der Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach.

Gigantisches Missbrauchsgeflecht

Jeder dieser 87 Fälle bringt neue Spuren, die zu weiteren Tätern führen. Staatsanwalt Hartmann betont, "dass wir es nicht mit Einzelfällen zu tun haben: Sondern dass es hinter dem konkreten Missbrauch ein Geflecht aus Kommunikationsstrukturen gibt, bei dem wir nach unserer jetzigen Bewertung davon ausgehen müssen, dass sie die Missbrauchsfälle tragen, ermöglichen, verstärken."

Dieses Geflecht ist ein gigantischer digitaler Missbrauchsuntergrund. Ende Juni teilte der nordrhein-westfälische Justizminister Peter Biesenbach mit, die Ermittler hätten Tarnnamen und Spuren von über 30.000 Tätern gefunden. Biesenbach sprach von einer "neuen Dimension des Tatgeschehens" angesichts dessen ihm "speiübel geworden" sei.

Markus Hartmann, Staatsanwaltschaft Köln (ZAC NRW)

ZAC-Leiter Hartmann: "Verzerrung der Wahrnehmung"

Die Ermittler berichten von Chatgruppen, in denen zeitweise 1800 Täter aktiv gewesen seien. ZAC-Leiter Hartmann: "Durch die Kommunikation untereinander in den Chats bestärken sich die Beteiligten gegenseitig in der Annahme, Kindesmissbrauch sei eine sozial akzeptierte sexuelle Präferenz." Hartmann spricht von einem "erheblichen Maß an Verzerrung der Wahrnehmung".

Das Bewusstsein, dass man schwerste Straftaten begehe, werde nivelliert durch die Kommunikation mit Gleichgesinnten. "Man versichert sich gegenseitig immer wieder, man sei ja eigentlich nur normal, bis hin zu der Vorstellung, man begehe diese Taten mit einvernehmlich mitwirkenden Kindern."

Internationale Kooperation

Die Ermittlungsarbeit vergleicht der Kölner Ermittler mit einem Puzzlespiel. "Man wertet jedes elektronische Beweismittel aus, kombiniert das mit ganz klassischer Ermittlungsarbeit und kommt so Stück für Stück Kommunikationsbeziehungen auf die Spur." Die erstrecken sich über ganz Deutschland und auch ins Ausland.

Oft ist internationale Kooperation in der Strafverfolgung problematisch. Unterschiedliche Rechtsordnungen, andere Formalien erschweren das Ziehen an einem Strang. Beim Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach aber geht es um die Rettung von Kindern - und Zeit ist kritisch. Das spiegelt sich in der Arbeit, sagt Markus Hartmann: "Wir haben Fälle in Europa gehabt, in denen die Zusammenarbeit binnen Stunden mit den jeweiligen Partnerbehörden in den Zielländern zu organisieren war."

Denn es ist auch ein europäisches Problem. Die EU-Kommission hat am 24. Juli eine neue Strategie zum Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch veröffentlicht. In Ihrem Papier zitiert die Kommission eine Schätzung des Europäischen Rats, nach denen in der EU jedes fünfte Kind in irgendeiner Form Opfer sexueller Gewalt wird.

Hell- und Dunkelfeld

In Deutschland gibt die Polizeiliche Kriminalstatistik Auskunft über die 2019 bekannt gewordenen Straftaten. Sexuelle Gewalt gegen Kinder wurde demnach genau 15.936 Mal aktenkundig. Kinderpornographie gelangte 12.262 Mal zur Anklage. Dazu kommen noch rund 3000 Fälle von Cybergrooming - da machen sich Erwachsene mit sexuellen Absichten unter Vortäuschung falscher Tatsachen im Internet an Kinder heran.

Johannes-Wilhelm Rörig (picture-alliance/dpa/Reuters/F. Bensch)

Beauftragter Rörig: "Pandemischen Ausmaß des sexuellen Missbrauchs"

Aber das Dunkelfeld, die Zahl der nicht bekannten Vergehen, liegt weitaus höher - rund siebenmal so hoch, schätzt Johannes-Wilhelm Rörig. Seit knapp neun Jahren ist Rörig Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Missbrauchs der Bundesregierung. Schon lange mahnt er vor dem pandemischen Ausmaß des sexuellen Missbrauchs, fordert, den Kampf dagegen als nationale Aufgabe zu begreifen. Und hält auch im DW-Interview fest: "Die Täter und Täterinnen kommen aus allen sozialen Schichten. Das Problem der sexuellen Gewalt gegen Kinder in der analogen Welt wie im Netz ist ein gesamtgesellschaftliches Problem."

Rörig begrüßt, dass der Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach, die Fälle von Münster und Lügde das Thema Kindesmissbrauch in die öffentliche Diskussion gebracht haben. Was er bedauert ist, dass sich die Diskussion seiner Meinung nach sehr auf das Strafmaß und Strafverschärfungen konzentriert: "Aber mit härteren Strafandrohungen allein können wir das Riesenphänomen des sexuellen Kindesmissbrauchs und der sexuellen Gewalt im Netz nicht bekämpfen." Wichtig sei, dass die Ermittler "scharfe Instrumente" an die Hand bekämen, "damit das Entdeckungsrisiko für Täter und Täterinnen erhöht wird", fordert Rörig.

Jeder identifizierte Täter ein Erfolg

Wobei für den Kölner Ermittler Markus Hartmann jeder entdeckte Täter ein Erfolg ist. "Weil dies dazu beiträgt, ein Opfer zu identifizieren und ihm die erforderliche Hilfestellung zu geben."

Bastian S. (vor der Urteilsverkündung im Mai) (picture-alliance/dpa/R. Weihrauch)

Verurteilter Bastian S. (vor der Urteilsverkündung im Mai): Mit Jörg L. zum Missbrauch verabredet?

So wie für die Tochter des Angeklagten. Jörg L. soll das Kind bereits missbraucht haben, als das Mädchen erst drei Monate alt war. Insgesamt wirft die Anklageschrift dem gelernten Koch und Hotelfachmann 79 Straftaten vor. Einen Teil davon soll er gemeinsam mit einem Chat-Partner aus Kamp-Lintfort begangen haben. Der, ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, gestand, zu Missbrauchsverabredungen auch seine leibliche Tochter und seinen Stiefsohn mitgebracht zu haben. Der 27-Jährige wurde Ende Mai wegen schweren sexuellen Missbrauchs zu zehn Jahren Haft verurteilt

Der Prozess gegen Jörg L. sollte eigentlich am 10. August vor dem Landgericht Köln beginnen. Wegen eines Brandes im Gebäude musste der Auftakt jedoch kurzfristig verschoben werden, voraussichtlich auf den 17. August. Der neue Termin muss aber noch vom Gericht bestätigt werden.

Bei einer Verurteilung drohen Jörg L. bis zu 15 Jahre Haft. Der Missbrauchsbeauftragte Rörig sagt zu den Tätern: "Die sind völlig aus dem Ruder gelaufen und haben in diesen Kommunikationsforen all das, was wir so an normalen menschlichen Grundsätzen in uns tragen, völlig aus dem Blick verloren." Deshalb seien neben den Strafen Therapie und Hilfe dringend erforderlich.

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Kindesmissbrauch in Münster: Umfeld und Behörden versagen