Afghanische Fußballerin: ″Auch minderjährige Jungen wurden missbraucht″ | Welt | DW | 05.12.2018
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Afghanistan

Afghanische Fußballerin: "Auch minderjährige Jungen wurden missbraucht"

Eine ehemalige afghanische Nationalspielerin erhebt weitere Missbrauchsvorwürfe gegen den afghanischen Fußballverband. Neben Frauen sollen auch minderjährige Nachwuchsspieler Opfer sexueller Übergriffe sein.

Seit einigen Tagen wird der afghanische Fußball von einem Missbrauchsskandal erschüttert. Ehemalige und aktuelle Spielerinnen der Frauen-Nationalmannschaft werfen dem Präsidenten der afghanischen Fußball-Föderation (AFF), Keramuddin Karim, und einigen Trainern der AFF vor, Spielerinnen sexuell missbraucht zu haben. Karim weißt die Vorwürfe zurück, die FIFA hat inzwischen Ermittlungen eingeleitet.

Khalida Popal, die ehemalige Mannschaftsführerin der afghanischen Frauennationalmannschaft, hat die Vorwürfe mit an die Öffentlichkeit gebracht. Sie floh vor mehreren Jahren aus Afghanistan nach Dänemark und hat ihre aktive Fußballkarriere mittlerweile beendet. Im Gespräch mit der DW erhebt sie weitere schwere Vorwürfe gegen die AFF und ihren Präsidenten Keramuddin Karim.

Popal: "Missbrauch völlig normal"

So sollen nicht nur Frauen der Nationalmannschaft Opfer von Missbrauch geworden sein. "Auch die Jungen, minderjährige Jungen wurden von einigen Trainern und dem Vorsitzenden der Fußball-Föderation sexuell missbraucht", sagt Popal. Die Jungen seien Spieler der U17-, U16- oder U15-Mannschaften. "Ein paar der Opfer haben mich kontaktiert und gesagt, wie froh sie sind, dass jemand darüber spricht", berichtet Popal. "Im afghanischen Fußball und generell in der Sportindustrie sind Belästigung und Missbrauch völlig normal geworden."

Khalida Popal sitzt auf der Tribüne eines Stadions (privat)

Die ehemalige Fußball-Nationalspielerin für Afghanistan, Khalida Popal (Archivbild)

Vor allem junge Spieler aus ärmlichen Verhältnissen sollen Opfer sexuellen Missbrauchs sein, sagt Popal. "Um aus dem U17- oder U16-Team in die Nationalmannschaft aufzusteigen, gehören drei Dinge dazu: Als Erstes muss man gut aussehen. Dann sollte man aus einer armen Familie kommen. Und als Drittes muss man bereit sein, zu allen möglichen Dingen ja zu sagen."

Opfer trauen sich nicht an die Öffentlichkeit

Popal hat nach eigenen Angaben monatelang zum sexuellen Missbrauch im afghanischen Fußball recherchiert. In Dänemark hat sie die "Girl Power Organisation" gegründet, um Frauen und Mädchen, die geflüchtet sind oder sozialen Minderheiten angehören, durch Sport zu unterstützen.

Ihre erneuten Vorwürfe sind schwer zu überprüfen - denn die meisten Opfer trauen sich nicht an die Öffentlichkeit. In Kommentaren auf Facebook, die der DW vorliegen, finden sich vereinzelt Äußerungen von Spielern, die behaupten, sexuell missbraucht worden zu sein und im Anschluss daran dem Fußball den Rücken kehrten. Versuche, mit den Kommentatoren in Kontakt zu treten und sie zu interviewen, schlugen allerdings fehl.

"Wir weisen all diese Anschuldigungen zurück", sagt Yosuf Kargar, stellvertretender technischer Direktor der AFF, gegenüber DW. "Die Jungen und Mädchen, die diese Anschuldigungen erheben, sollten die Personen nennen, von denen sie behaupten, dass sie sie sexuell missbraucht haben. Nur dann kann die Regierung eine gründliche Untersuchung durchführen", sagt Kargar weiter. AFF-Präsident Keramuddin Karim, der konkret beschuldigt wird, war nach den neuen Anschuldigungen von Khalida Popal nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Preisverleihung Weltfußballer 2013 Karim Keramuddin (Olivier Morin/AFP/Getty Images)

Der Vorsitzende der AFF, Keramuddin Karim, erhält im Jahr 2013 den Fair Play Award der FIFA

Für die Opfer sexuellen Missbrauchs ist es in Afghanistan gefährlich, sich zu äußern. Missbrauch und Vergewaltigung werden als Verletzung der Familienehre angesehen - die Betroffenen haben häufig nur die Option, das Ganze stumm zu ertragen.

"Einige Männer sagen: Sie würden liebend gerne den Mund aufmachen, aber das Problem seien ihre Familien. Es sei sehr gefährlich für sie, etwas zu sagen", sagt auch Popal. "Wenn Kinder missbraucht werden, können sie nicht zu ihren Familien gehen und mit ihnen darüber reden - sie fühlen sich nicht sicher."

Auch für andere Spielerinnen und Spieler gefährlich

Die Berichterstattung über das Thema sorgt für eine Art Stigma, das auch auf die übrigen Spielerinnen und Spieler ausstrahlt. Samia Hamasi lebt in Kabul und ist Mitglied der Frauen-Nationalmannschaft. Der DW sagte sie: "Wegen der Aufmerksamkeit in den Medien, die das Thema sexueller Missbrauch gerade erfährt, können wir nicht mehr zur Arbeit oder in die Uni gehen." Zugleich richtete sie Vorwürfe an die in Dänemark lebende Popal: "Khalida Popal, die diese Behauptungen aufgestellt hat, sollte nach Afghanistan kommen und die Mädchen, die missbraucht wurden, sowie deren Täter identifizieren, damit wir mit unserem Leben weitermachen und unseren Kopf hochhalten können."

Shabnam Mubarez (Shabnam Mubarez)

Die mediale Aufmerksamkeit beim Thema sexueller Missbrauch hat für alle Spielerinnen Folgen

Die FIFA prüft nach eigenen Angaben die vorgebrachten Vorwürfe. Gemeinsam mit "renommierten Organisationen" gehe man der Sache nach, heißt es in einer schriftlichen Antwort auf eine DW-Anfrage. Da es sich aber um ein sensibles Thema handele und man die Opfer schützen wolle, sei es nicht möglich, das ganze zu diesem Zeitpunkt weiter zu kommentieren, heißt es.

Inzwischen reagierte auch der afghanische Präsident Ashraf Ghani auf die Anschuldigungen. Ghani bezeichnete die Vorwürfe der Frauen-Nationalmannschaft als "schockierend" und kündigte an, diesen nachzugehen. "Jegliches Fehlverhalten gegen Athleten, Männer und Frauen, ist nicht akzeptabel" sagte Ghani. Er habe den Generalstaatsanwalt gebeten, eine Untersuchung durchzuführen.

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