Migranten gegen Flüchtlinge | Deutschland | DW | 22.02.2016
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Deutschland

Migranten gegen Flüchtlinge

Die deutschen Einwohner mit Migrationshintergrund haben oft Ressentiments gegen neue Kriegsflüchtlinge und Zuwanderer, genauso wie die Mehrheitsgesellschaft. Dabei kamen viele von ihnen selbst als Flüchtlinge.

Krieg, Zerstörung, Flucht. Darko Tolic hat das alles selbst erlebt. Als Anfang der Neunziger Jahre in seiner bosnischen Heimatstadt die Kämpfe zwischen den Serben und Kroaten tobten, brachte sein Vater den damals Fünfjährigen und seine Schwester zu den Großeltern nach Baden-Württemberg. Der Vater ging zurück nach Doboj, um zu kämpfen, die Mutter blieb in Deutschland. Sie war Krankenschwester und fand schnell Arbeit in einem Krankenhaus.

Darko Tolic (Foto: Privat)

Darko Tolic: Flüchtling gegen die Flüchtlinge

Tolics Familie profitierte von dem Fachkräftemangel: Nach dem Krieg wurde sie nicht abgeschoben, im Gegensatz zu den meisten bosnischen Flüchtlingen. Tolic ist mittlerweile 28 und engagiert sich politisch - gegen Flüchtlinge und Migranten. Vor allem gegen die nichteuropäischen: "Europa ist Heimat der europäischen Völker. Europa soll europäisch bleiben, Deutschland deutsch", sagt der bosnische Kroate aus Stuttgart.

"Der kroatische Kreuzritter"

Tolic ist Gründer des deutschen Ablegers der Autochtonen Kroatischen Partei des Rechts (A-HSP), einer rechtsradikalen Splitterpartei. In den letzten Jahren unterstützte er offen deutsche Rechtsextremisten, wie etwa die NPD. Weil sie seiner Weltanschauung am nächsten seien, sagt er im Gespräch mit der DW. Der kroatische Kreuzritter, wie er genannt wird, "möchte Europa retten vor dem Aussterben der europäischen Völker und der Vermehrung der nicht europäischen Völker."

Die Deutschen seien naiv, so Tolic, sie würden die Gefahren der unkontrollierten Zuwanderung nicht erkennen. Die afrikanischen oder asiatischen Migranten nennt er "Eindringlinge, die die Dekadenz Europas missbrauchen". Man müsse das offen ansprechen, so Tolic.

Und er ist nicht alleine. In den Reihen der deutschen Rechtsradikalen oder gar neonazistischen Gruppierungen sich etliche Jungpolitiker unterwegs, die selbst als Kriegsflüchtlinge oder Wirtschaftsmigranten, etwa aus den Ländern Ex-Jugoslawiens, in die Bundesrepublik kamen. So beispielsweise Safet Babic, der NPD-Vorsitzende in Trier ("Buntes Trier, nicht mit mir!"), ein strammer Nazi mit bosnischen Wurzeln und Vorliebe für einen saftigen türkischen Döner.

Oder Dubravko Mandic, einer der "neuen Wilden" in der AfD (Alternative für Deutschland), der den amerikanischen Präsidenten Barack Obama schon mal als "Quotenneger" bezeichnete. Er wurde in Sarajevo geboren, sein Vater kam in den 70ern nach Deutschland als Sozialarbeiter, zuständig für die Betreuung der damaligen jugoslawischen Gastarbeiter. Heute wettert er gegen Ausländer und Fremde in Deutschland und betont stolz: "Von der NPD unterscheiden wir (AfD) uns vernehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte." Die Interviewanfrage der DW lehnte der Freiburger Jurist allerdings ab.

Kein neues Phänomen

Dass viele Migranten gegen Flüchtlinge sind, sei kein neues Phänomen, behauptet der Bamberger Soziologe Friedrich Heckmann. "Auch Migranten haben schließlich Vorurteile. Sie bringen sie mit und entwickeln sie hier weiter: gegenüber anderen Migrantengruppen und auch gegen die Mehrheit." Er erinnert an die vielen Aussiedler aus der früheren Sowjetunion, die in den Neunziger Jahren "sehr starke, vor allem antimuslimische Vorurteile, mitgebracht haben". Etablierte Zuwanderer haben oft Ressentiments gegen neue Einwanderer. Man kenne das aus den USA, einem klassischen Einwanderungsland, wo unter den Zugewanderten immer eine Mehrheit gegen mehr Zuwanderung war.

Friedrich Heckmann (Foto: Privat)

Friedrich Heckmann: "So eine Migrationskrise hatten wir schon mal"

In Deutschland haben sich zum Beispiel türkischen Gruppen in den Neunzigern immer wieder aufgeregt gegenüber der aus ihrer Sicht Privilegierung der etwa vier Millionen Spätaussiedler aus dem Osten Europas. Sie mussten sich ihr neues Leben als Gastarbeiter mühsam erarbeiten und die Aussiedler, so der Vorwurf, kriegten alles einfach so: Integrationskurse, materielle Hilfe, Sprachkurse, Hilfe bei Wohnungseinrichtungen, Wohnungsbeschaffung und - die deutsche Staatsbürgerschaft.

Konkurrenz- und Besitzstandängste

"Wir hatten ja damals eine Migrationskrise, vergleichbar mit der gegenwärtigen. 1992 hatten wir 1,5 Millionen Zuwanderer, es gab ja Gewalttaten gegenüber Migranten mit schlimmen Bränden und sogar Toten. Das hat sich allmählich beruhigt durch die Verschärfung des Asylrechts womit die Zuwanderung reduziert wurde," so Heckmann für die DW. Es seien Konkurrenzängste und auch Besitzstandängste, dass die Neuen das bedrohen, was die schon einiger Zeit Gekommenen erreicht haben: "Ein Konkurrenzkampf zwischen Etablierten und Neuen um gleiche oder ähnliche Ressourcen". Und dieser Kampf wird auch in sozialen Netzwerken ausgetragen. Flüchtlinge, so ist es dort oft zu lesen, seien "asoziale Schmarotzer", "Faulpelze" oder "Vergewaltiger".

Für den Rechten Darko Tolic, den selbsternannten "Retter Europas" war nach eigenen Angaben das finanzielle nie ein Thema. "Ich kam als junger Europäer in ein europäisches Land, somit ist das legitim, dass ich hier bin. Ich sehe mich hier als Gast, der eines Tages in seine Heimat zurückkehrt, zurückkehren will."

Demonstration der Pegida in Köln (Foto: Nicolas Martin)

Offen ausländerfeindlich - Demonstration der Pegida in Köln

Gelungene Integration?

Jeder fünfte der etwa 80 Millionen deutschen Einwohner hat übrigens einen Migrationshintergrund. Das heißt sie selbst, ihre Eltern oder Großeltern sind nach Deutschland eingewandert. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die Ende letzten Jahres im Auftrag der "Welt am Sonntag" durchgeführt wurde, finden 40 Prozent der Deutschen mit Zuwanderungsgeschichte, Deutschland solle weniger Flüchtlinge aufnehmen als derzeit - ohne Migrationshintergrund denken so 45 Prozent der Befragten. 24 Prozent der Zuwanderer sagen sogar, es sollten gar keine Flüchtlinge mehr ins Land kommen - gegenüber 25 Prozent derjenigen ohne Migrationshintergrund, die so denken.

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