1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Grimme-Preisträger Riedelsheimer im Interview

Philipp Jedicke10. April 2013

Ein Junge bemalt den Sarg seines Spielkameraden. In solch starken Bildern erzählt "Seelenvögel" von todkranken Kindern. Im DW-Interview spricht Thomas Riedelsheimer über seinen Film und seinen Grimme-Preis.

https://p.dw.com/p/18D1l
Der Filmemacher Thomas Riedelsheimer. Copyright: Thomas Riedelsheimer/Filmpunkt
Filmemacher Thomas RiedelsheimerBild: T. Riedelsheimer/Filmpunkt

DW: Herr Riedelsheimer, wie kam es dazu, dass Sie sich dem Thema Kinder und Tod gewidmet haben?

Das hat mehrere Gründe. Ich hatte schon einmal versucht, einen Film zu dem Thema zu drehen. Er hieß "Begegnungen mit dem Tod". Dazu kam, dass mein Vater an einem Gehirntumor gestorben ist. Außerdem hatte ich über meinen letzten Film "Touch The Sound“ jemanden kennen gelernt, der Seminare für Menschen anbietet, die mit Sterbenden zu tun haben. Bei einem seiner Workshops lernte ich Frauen kennen, die mit an Leukämie erkrankten Kindern arbeiten und deren Strahlkraft mich faszinierte. Das brachte mich auf die Frage: Welche Lebenskraft hinterlassen sterbende Kinder denen, die mit ihnen diesen letzten Weg gehen? Dann wusste ich: Ich möchte einen Film darüber machen.

Film "Seelenvögel" von Thomas Riedelsheimer (Grimme-Preis 2013 für Dokumentarfilm) Copyright: Filmpunkt
Szene aus "Seelenvögel": Der leukämiekranke Lenni spielt mit seinem VaterBild: Filmpunkt

Wie haben Sie den Zugang zu den Eltern der Kinder gefunden?

Es war keine einfache Sache, Kontakt zu betroffenen Eltern herzustellen. Der Zugang lief eigentlich immer über die Krankenhausstationen, wo Ärztinnen und Pflegerinnen, denen meine Idee gefiel, geschaut haben, wer in Frage kommen könnte. Oft bringt so eine Situation ja das ganze Gefüge innerhalb einer Familie durcheinander. Sie wollten nicht riskieren, dass der Film zusätzlichen Stress bringt. Hatten sie Familien gefunden, fragten sie sehr vorsichtig für mich an.

Sie haben ja schon einige Filmpreise gewonnen. Wie wichtig sind Preise überhaupt für Dokumentarfilmer?

Absolut wichtig, denn entweder hat man kommerziellen Erfolg oder Achtungserfolg. Hat man nichts von beidem, wird es ganz schwierig. Da meine Filme selten Kassenschlager sind, brauche ich die Preise, die Achtungserfolge und die guten Kritiken, damit sich potenzielle Geldgeber, Förderungen und Redakteure daran orientieren können. Wenn man den Grimme-Preis oder den Deutschen Filmpreis erwähnt, ist das natürlich hilfreich.

Hat die Diskussion um die Nominierung der Trash-TV-Show "Dschungelcamp" (Reality-Show des privaten TV-Senders RTL, Anm. d. Red.) Anfang des Jahres für Sie den Grimme-Preis abgewertet?

Man muss sich schon fragen, wie es eigentlich dazu kommt, dass beim angesehensten deutschen Fernsehpreis so eine Sendung landet. Das finde ich natürlich skandalös. Klar kann man behaupten, dass Reality-Shows durchaus etwas Dokumentarisches an sich haben. Aber Qualität bekommt einen anderen Stellenwert, wenn man sie nur noch an Quoten festmacht. Es gibt ja auch beim Deutschen Filmpreis immer wieder Filmemacher, die sich beschweren, dass sie nicht nominiert wurden und dabei argumentieren, dass ihre Filme viele Kinobesucher hatten. Man fragt sich dann, ob das bei Preisen und Gremien der entscheidende Punkt sein muss.

Was zeichnet für Sie einen guten Dokumentarfilm aus?

Sonja Zietlow und Daniel Hartwich, Moderatoren der RTL-Show "Ich bin ein Star, holt mich hier raus". Foto: Oliver Berg/dpa
Daniel Hartwich und Sonja Zietlow, Moderatoren der RTL-Show "Ich bin ein Star, holt mich hier raus", besser bekannt als "Dschungelcamp"Bild: picture-alliance/dpa

In erster Linie, dass der Autor mir einen eigenständigen Blick auf die Welt liefert. Ich möchte eine Verbindung spüren zwischen dem, was er filmt und seinem Wollen. Das würde ich als Dokumentarfilm bezeichnen: eine Autorenschaft, die dahinter spürbar ist.

Film "Seelenvögel" von Thomas Riedelsheimer (Grimme-Preis 2013 für Dokumentarfilm). Copyright: Filmpunkt
"Seelenvögel": Die an Leukämie erkrankte Pauline möchte Schauspielerin werdenBild: Filmpunkt

Mir ist es ehrlich gesagt auch egal, wie man das nennt. Ich sag auch gerne, ich bin Filmemacher, ich muss das mit dem Dokumentarfilm gar nicht so hoch hängen. Mich interessieren ja auch Spielfilme von Alejandro Iñárritu , weil ich dahinter einen Regisseur erkenne, der was erfahren will vom Leben.

Die Tendenz im Fernsehen geht hingegen dahin, alles in Formate zu packen, die einander ähneln und austauschbare Charaktere zeigen. Es scheint die Meinung vorzuherrschen, der Zuschauer könne besser konsumieren, wenn ihm immer das Gleiche vorgeführt wird. Dabei ist der Regisseur Erfüllungsgehilfe und nicht mehr ein Kreativer, der für die Gesellschaft auf die Suche geht.

In Ihren eigenen Filmen experimentieren Sie ja gern.

So empfinde ich es gar nicht. Das ist einfach meine Art von Filmsprache, die sich mit der Zeit entwickelt hat. Zu meiner Zeit an der Filmhochschule in München galt ausschließlich direct cinema als dokumentarische Filmsprache. Wir wissen mittlerweile, dass dieser Realitätsbegriff fraglich ist. Es geht beim Filmemachen immer um gefilterte subjektive Wahrnehmungen, und genau diese interessieren mich.

Dokumentarfilme werden durch die technischen Neuerungen Spielfilmen immer ähnlicher. Ist das die Zukunft?

Das denke ich nicht. Ich sehe gerade bei meinen Studenten in Ludwigsburg erstaunliche Revivals von Handkameradrehs. Aber es gibt auch die, die stark formal denken. Das ist sehr spannend, denn es schließt sich nicht gegenseitig aus. "Seelenvögel" habe ich auch ganz einfach gedreht, mit kleiner Handkamera, teilweise allein, maximal zu zweit. Es war wie eine Befreiung, nicht mit so viel Equipment herumzureisen.

Film "Seelenvögel" von Thomas Riedelsheimer (Grimme-Preis 2013 für Dokumentarfilm) Copyright: Filmpunkt
"Seelenvögel": Ein Junge aus Lennis Kita bemalt Lennis SargBild: Filmpunkt

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich möchte noch einen Film mit Andy Goldsworthy (britischer Künstler und Protagonist aus "Rivers and Tides", Anm. d. Red.) machen. Für ein anderes Projekt treffe ich mich mit fünf bis sechs interessanten Leuten aus ganz verschiedenen Bereichen wie Kunst und Wirtschaft und spreche mit ihnen über den Zustand der Welt. Dazu gehe ich mit ihnen - jeweils alleine - auf eine Wanderung. Ich erhoffe mir davon, dass die Gespräche dadurch offener und entspannter werden als klassische Interviews. Ich denke, durch die Begegnungen lässt sich viel erzählen. Schließlich muss man nicht in die Arktis fahren, um über die Klimaveränderung zu sprechen.

Thomas Riedelsheimer, Jahrgang 1963, ist ein vielfach ausgezeichneter Filmemacher und Kameramann. Er ist Mitglied der Deutschen Filmakademie und der Europäischen Filmakademie und doziert seit 2007 an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Für seinen Film "Seelenvögel" erhielt er am 12. April 2013 den renommierten Grimme-Preis in der Kategorie Dokumentarfilm.