Mexiko: Eine Entschuldigung, aber keine Aufklärung über verschwundene Studenten | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 27.09.2020
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Lateinamerika

Mexiko: Eine Entschuldigung, aber keine Aufklärung über verschwundene Studenten

Sechs Jahre nach dem Verschwinden von 43 Studenten in Mexiko ist klar: Der Staat deckte Verantwortliche. Dafür entschuldigt sich Präsident López Obrador. Doch was geschah damals wirklich? Aus Mexiko-Stadt Sandra Weiss.

Geduldig hatte María Martínez ihren Vorrednern gelauscht. Sie hörte, wie schwierig es sei, ein Verbrechen aufzuklären, an dem der mexikanische Staat beteiligt ist. Sie hörte, dass die Vorgängerregierung eine "historische Lüge" konstruiert habe. Sie hörte, dass sich die Beteiligten fürstlich dafür hätten bezahlen lassen, dass Beweise verschwanden und Zeugen unter Folter zu falschen Geständnissen gezwungen wurden.

Dann trat Martínez gefasst nach vorne, hängte ein Foto ihres verschwundenen Sohnes Miguel Angel ans Rednerpult und kam auf den Punkt: "Herr Präsident", sagte sie und blickte dem Staatschef Andrés Manuel López Obrador in die Augen, "wir danken ihnen für ihre Bemühungen. Aber sechs Jahre später sind wir immer noch nicht viel weiter."

Keine acht Minuten dauerte ihre Rede. Es war der kürzeste Auftritt auf der Gedenkfeier am Samstag, dem Jahrestag des Verschwindens von 43 Lehramtsstudenten im Süden Mexikos. Und es war die Rede mit dem meisten Applaus.

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Nach ihr ergriff der Präsident das Wort und bat im Namen des Staates um Entschuldigung für das gewaltsame Verschwindenlassen der jungen Männer. Er kritisierte seinen Amtsvorgänger und beteuerte, es gebe Fortschritte, darunter 70 Haftbefehle. Doch er bat um Geduld. Man dürfe nicht aus Eile oder unter Druck erneut falsche Schlüsse ziehen. 

Von der "historischen Wahrheit" zur "historischen Lüge"

Was in der fraglichen Nacht passierte, ist noch immer nicht vollständig geklärt. Eine Gruppe Lehramtsstudenten hatte damals im südmexikanischen Iguala Busse gekapert, um mit ihnen zu einer politischen Demonstration in die Hauptstadt zu fahren. Doch sie kamen nicht weit. Schon am Ortsrand wurden sie mit Kugeln von Sicherheitskräften gestoppt, 43 von ihnen wurden verschleppt.

Die Staatsanwaltschaft präsentierte als Verantwortlichen den Bürgermeister, der Verbindungen zur lokalen Drogengang Guerreros Unidos hatte. Dazu kamen Aussagen von Killern, die behaupteten, die Studenten seien auf einer örtlichen Müllkippe exekutiert, ihre Leichen verbrannt und die Asche anschließend in Müllsäcke geschaufelt und in den Fluss geworfen worden. Als Beleg galt ein angeblich aus dem Fluss gefischter Knochenrest, den österreichische Forensiker als den eines Studenten identifizieren. Zwei weitere Reste wurden später anderen Studenten zugeordnet, von den übrigen 40 fehlt aber weiterhin jede Spur.

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Diese Hypothese, vom damaligen Staatsanwalt als "historische Wahrheit" verkündet, erwies sich jedoch bald als lückenhaft - der jetzige Staatsanwalt Alejandro Gertz Manero bezeichnet sie als "historische Lüge". Journalistischen Recherchen zufolge wurden die Studenten in mehrere Gruppen aufgeteilt und an unterschiedlichen Orten exekutiert. Beteiligt daran waren demnach sowohl Polizisten als auch Militärangehörige in zivil und Killer eines Drogenkartells, die alle auf den Befehl eines "Bosses" handelten, der offenbar annahm, dass die Studenten zum gegnerischen Kartell Los Rojos gehörten.

Die undurchsichtige Rolle des Militärs

Eine vom Staat berufene internationale Expertenkommission deckte zahlreiche Ungereimtheiten auf und dokumentierte Schlampereien und Manipulationen bei der Beweissicherung. So hatten die Behörden beispielsweise unterschlagen, dass die Studenten sich fünf und nicht vier Busse angeeignet hatten. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass die Studenten versehentlich einen Bus gekapert hatten, in dem eine Drogenladung transportiert wurde. Iguala war damals einer der wichtigsten Umschlagplätze für Heroin, das im Umland gewonnen und dann in die USA geschmuggelt wurde.

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Als die Experten für ihre Hypothese Zeugen des Militärkommandos von Iguala interviewen wollten, beendete der damalige Präsident Enrique Peña Nieto abrupt ihre Mission. Inwieweit das Militär verwickelt ist, hat sich als politisch heikle Schlüsselfrage herauskristallisiert. Videoaufnahmen der Sicherheitskameras im lokalen Militärkommando verschwanden.

Für die Familien der Verschleppten gilt das Militär deshalb zu den Hauptverdächtigen: "Wo sind die Aufnahmen und wann wird das Militär zur Rechenschaft gezogen?" fragte María Martínez. López Obrador, der im Drogenkrieg weiter auf das Militär setzt und den Uniformierten auch zahlreiche zivile Aufgaben übertragen hat, beruhigte sie. Es gäbe bereits Haftbefehle gegen Militärangehörige, sagte er, jedoch ohne Namen zu nennen. Der Weg bis zur Aufklärung des Falles bleibt steinig, meint Francisco Cox, der als Mitglied der internationalen Expertenkommission per Video zur Gedenkfeier zugeschaltet war: "Unsere größte Herausforderung bleibt, den Pakt des Schweigens zu brechen."

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