Mexiko: Der Rechtsstaat fehlt, die Angst wächst | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 03.02.2022
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Unaufgeklärte Morde an Journalisten

Mexiko: Der Rechtsstaat fehlt, die Angst wächst

Nicht nur beim Schutz von Journalisten versagt der mexikanische Staat. Die Gesetzlosigkeit hat System, sagen Experten. Das sei auch ein Erbe des verlorenen "Kriegs gegen die Drogen".

Neben dem zerschossenen Auto ist die Hand des Ermordeten zu sehen, ein Polizeiband sperrt den Tatort ag

Direkt vor seinem Haus in der berüchtigten Grenzstadt Tijuana erschossen Unbekannte den Journalisten Margarito Martínez Esquivel

Über Monate hatte Roberto Toledo Morddrohungen erhalten. Deshalb hatte ihn die mexikanische Behörde für Menschenrechte in ein Schutzprogramm für Journalisten aufgenommen, berichtete das Nachrichtenportal "Monitor Michoacán", für das Toledo über Korruption berichtete. Doch an diesem Montag wurde er auf dem Weg zu einem Interview erschossen.

Mexiko Tijuana | Carlos Maldonado am Sarg seiner ermordeten Schwester - Kamerias filmen und fotografieren die Beedigung

Carlos Maldonado trägt seine Schwester Lourdes zu Grabe.

Bereits am 10. Januar war José Luis Gamboa Arenas, der Gründer eines regionalen Nachrichtenblogs aus Veracruz, ermordet worden. Genau eine Woche später exekutierten Unbekannte den Fotojournalisten Margarito Martínez, der wie Behördenschutz beantragt hatte. Seine Kollegin Lourdes Maldonado widmete ihm danach eine ganze Radio-und TV-Sendung. Fünf Tage später wurde auch sie ermordet - trotz Schutzmaßnahmen. Noch bevor der Februar begonnen hatte, waren in Mexiko im Jahr 2022 vier Journalisten ermordet worden. 

Doppeltes Staatsversagen

Vor zwei Jahren soll Lourdes Maldonado Präsident Andrés Manuel López Obrador persönlich gesagt haben, dass sie um ihrLeben fürchte. Seit Jahren ist Mexiko der Organisation Reporter ohne Grenzen zufolge das gefährlichste Land der Welt für Journalisten.

Denn nicht nur die Prävention versagt in Mexiko, auch die Aufklärung. Laut Staatssekretär Encinas blieben seit dem Antritt von Präsident López Obrador im Dezember 2018 90 Prozent der Morde an Journalisten und Menschenrechtsaktivisten ungesühnt. Entsprechend niedrig ist die Hemmschwelle für Täter.

Balkendiagramm getötete Journalisten in Syrien, Afghanistan, Irak, Mexiko, Welt
2013 bis 2021

In den letzten drei Jahren wurden in Mexiko mehr Journalisten getötet als in jedem anderen Land der Welt

Neu ist das jedoch nicht. Die Straflosigkeit ist in Mexiko nach Experteneinschätzung seit vielen Jahrzehnten ein strukturelles Problem, das nicht nur Aktivisten und Journalisten treffen kann, sondern alle.

Mexiko habe ein gravierendes Rechtsstaatsproblem, stellt zum Beispiel das World Justice Project (WJP) Jahr für Jahr erneut fest. 2021 landete Mexiko im Rechtsstaats-Index des WJP auf Platz 113 von 139 Ländern; innerhalb Lateinamerikas liegt es auf Platz 27 von 32. Schlechter in der Region sind nur noch Honduras, Bolivien, die autoritär beherrschten Nicaragua und Venezuela sowie Haiti, das manche Beobachter als gescheiterten Staat ansehen.

Verwässerte Reformen

Viele Experten haben Studien darüber geschrieben, immer wieder wurden Reformen in Angriff genommen - zum Beispiel die Einführung eines mündlichen Strafprozesses im Jahr 2008, der das noch aus der spanischen Kolonialherrschaft stammende, rein schriftliche Verfahren abkürzen und transparenter machen sollte.

Das Nationale Antikorruptionssystem, das 2018 auf Druck der Zivilgesellschaft im Kongress verabschiedet wurde, sollte für mehr Transparenz, Rechenschaftspflicht und Partizipation im Justizwesen sorgen. Beide Reformen wurden im Netz der Bürokratie, im Zuständigkeitschaos zwischen Zentralregierung und Bundesstaaten verzögert und verwässert. 

Video ansehen 02:51

Wenn Journalismus lebensgefährliche Arbeit ist

Andere Vorhaben - wie die Einrichtung einer unabhängigen Generalstaatsanwaltschaft - wurden direkt vom Präsidenten torpediert. Staatschef Andrés Manuel López Obrador setzte 2019 gegen das Votum der zivilgesellschaftlichen Organisationen seinen alten Vertrauten Alejandro Gertz Manero als Chef der neuen Behörde durch. Von einer autonomen Amtsführung sei dieser Lichtjahre entfernt, kritisierte damals Adriana Greaves von der Anwaltsorganisation Tojil: "Stattdessen nutzt er sein Amt für politische Verfolgung und spielt den Wachhund des Präsidenten."

Zusammenhangslose Ermittlungen

Einzelne Reformen, so gut sie gemeint und gedacht sein möchten, könnten nicht die Fehler im System korrigieren, warnt Ximena Ugarte vom Mexikanischen Institut für Menschenrechte und Demokratie im Gespräch mit der DW.

Video ansehen 12:36

Was Mexikos Journalisten riskieren

Ugarte sieht zwei prinzipielle Fehler in der Strafverfolgung: "Die lokalen Staatsanwaltschaften, in denen die meisten Mordfälle hängen bleiben, sind nicht ausgebildet für hochspezialisierte Ermittlungen in der organisierten Kriminalität", sagt sie. "Deshalb ermitteln sie jeden Mord als Einzelfall und sehen keine größeren Zusammenhänge, Netzwerke oder Muster dahinter." Das führe letztlich ins Nichts, befeuere die Straffreiheit und schaffe ein "Klima der Angst" unter Journalisten und in der Bevölkerung.

Staatsanwälte und Mafia

Einen politischen Willen, daran etwas zu ändern, gebe es in Mexiko nicht, sagt der Menschenrechtsexperte Michael Chamberlin: "Die Staatsanwaltschaften sind ebenso wie viele kommunale und bundesstaatliche Regierungen von kriminellen Netzwerken unterwandert." Das erkläre den fehlenden Willen zur Modernisierung.

Szene einer Demonstration Plakate fordern Gerechtigkeit für Lourdes und Margarito

Immer wieder demonstrieren in Mexiko Menschen dagegen, dass Mörder und Hintermänner fast immer entkommen

Die Einzelfall-Ermittlungen hält auch er für fatal. So landeten zwar einzelne Straftäter im Gefängnis - oftmals nach durch Folter erzwungenen Geständnissen, wie Menschenrechtsorganisationen und die UN anprangern -, aber die eigentlichen mafiösen Strukturen dahinter blieben unbehelligt. Unter der aktuellen Regierung verzeichnet Chamberlin sogar eher Rückschritte.

Beim Militär stoppen Ermittlungen

Ein weiteres Problem für Chamberlin ist der Einfluss der Streitkräfte, der seit Beginn des Drogenkriegs im Jahr 2006 stetig gewachsen ist. "Nimmt man die größten Massaker der vergangenen 30 Jahre in Mexiko, von Acteal bis Ayotzinapa, so endeten die Ermittlungen immer dann, wenn die Streitkräfte ins Visier gerieten", berichtet der ehemalige Berater des Schutzmechanismus für Journalisten und Aktivisten. "Das ist umso bedenklicher, weil das Militär heute sehr viele zivile Funktionen jenseits der Sicherheit übernommen hat."

Mexiko Fresnillo: Soldaten und schwer bewaffnete Polizisten sichern einen Tatort

Seit der Ausweitung des "Kriegs gegen die Drogen" 2003 nimmt das mexikanische Militär immer mehr Aufgaben im Inland wahr

Chamberlin spielt damit auf die Entscheidung von López Obrador an, das Militär mit dem Bau von Flughäfen, Zugstrecken, Bankfilialen, mit der Verteilung von Gas und der Wiederaufforstung zu beauftragen.

Dass sich das Problem mit internen Reformen lösen lässt, halten beide Experten für unwahrscheinlich. "Wir plädieren seit Jahren erfolglos für eine internationale Kommission gegen Straffreiheit, wie es sie in Guatemala unter UN-Führung gab, oder einen anderen unabhängigen Mechanismus unter einer Übergangsjustiz", sagt Ugarte. Chamberlin hofft, dass der kombinierte Druck der Zivilgesellschaft und von wichtigen Partnerländern wie den USA vielleicht doch noch etwas bewirken könnte.