Messe mit Menschen: Erste IAA in München startet | Wirtschaft | DW | 06.09.2021
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Neue Mobilität

Messe mit Menschen: Erste IAA in München startet

Der Autoindustrie geht es trotz Corona gut, die Messebranche leidet heftig unter der Pandemie. In München auf der IAA Mobility treffen ab Montag beide zusammen - für einen Neustart.

Es ist tatsächlich ein Neustart - und das gleich in mehrerer Hinsicht. Zum einen ist die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) die erste große Messe seit Beginn der Corona-Pandemie, die in Deutschland wieder mit Publikum stattfinden wird. Ein Hoffnungsschimmer für die schwer getroffene Messebranche, die nach Angaben ihres Verbandes AUMA einen wirtschaftlichen Schaden durch abgesagte Veranstaltungen von über 40 Milliarden Euro zu verkraften hat.

Zum anderen ist es ein Neustart für die IAA selbst. Nach einem halben Jahrhundert in Berlin und nach fast sieben Jahrzehnten in Frankfurt hat sie nun eine neue Heimat in München gefunden. Und nicht nur das: Nach der enttäuschenden letzten IAA vor zwei Jahren in Frankfurt hatte der Veranstalter, der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA), einen Neustart beschlossen. Weil es aber klassische Automessen zunehmend schwerer haben und weil das "reine Zurschaustellen von Blech nicht mehr ausreicht" - wie es der Autoexperte Peter Fuß von der Unternehmensberatung EY sagt - wagt die IAA ein Experiment.

Hybride Messe - aber anders

Sie stellt die Frage "What will move us next?" - und beantwortet sie mit einer Art Jahrmarkt der Mobilität. Das Auto ist dabei nur ein Puzzleteil in einem ganzen Mix von mobilen Möglichkeiten, von A nach B zu gelangen: Da kommen E-Scooter oder Fahrräder genauso vor wie Straßenbahn, Bus oder autonome Systeme, die fahrerlos Passagiere durch die Stadt kutschieren.

Auftakt-Pressekonferenz von VDA-Chefin Hildegard Müller und Klaus Dittrich, Chef der Messe München

Auftakt-Pressekonferenz von VDA-Chefin Hildegard Müller und Klaus Dittrich, Chef der Messe München

Die IAA Mobility wird eine hybride Messe sein - aber nicht das von Corona geprägte hybride Modell zwischen Präsenz und Online-Veranstaltung. Sondern hybrid im Sinne von: Draußen auf dem Messegelände gibt es den Summit mit Produktpräsentationen und Fachkonferenzen. Drinnen in der Stadt verteilt sich der andere Teil über wichtige Plätze der Münchner Innenstadt. Verbunden sind beide Teile über eine zwölf Kilometer lange Blue Lane, auf der auch Testfahrten mit allen denkbaren Gefährten möglich sind.

Das Ganze ist nicht ohne Risiko. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht die "Messe, die keine sein will", wie er in seinem Ausblick schreibt, skeptisch. Er vermisst die klare Fokussierung auf das Auto. "Wenn das Auto nicht mehr im Mittelpunkt steht, dann verliert die einst größte Automesse der Welt ihren Sinn."

Bescheidene Aussteller

Das deutet sich schon jetzt an: Bis auf Hyundai, Renault-Dacia und einige Newcomer aus China sind nur die drei großen deutschen Hersteller (VW, BMW, Mercedes Benz) am Start. Die Konkurrenz verzichtet dankend, Toyota zum Beispiel, aber auch das Stellantis-Konglomerat (mit Marken wie Fiat und Opel) und General Motors. Tesla war sowieso noch nie auf einer IAA, aber auch Volvo, Ferrari und Rolls Royce haben abgewinkt.

Aufbau einer Messebühne am Wittelsbacher Platz in München

Aufbau einer Messebühne am Wittelsbacher Platz in München

Auch die Deutschen üben sich in Bescheidenheit - mit den teils bombastischen Auftritten der Vergangenheit in Frankfurt hat das, was sie in München zeigen werden, definitiv nichts mehr zu tun. Und ob es hilfreich für das Konzept der neuen IAA ist, dass Volkswagen zum Beispiel eher groß auf dem Messegelände ausstellt und nur klein in der Stadt, Mercedes Benz hingegen hauptsächlich den Open Space vor der Feldherrnhalle nutzt, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. 

Dabei geht es der Branche - und damit sind wir bei einem weiteren Neustart - gerade glänzend. Und das trotz Corona und Chipmangel und Lieferengpässen. Aktuelle Zahlen der Unternehmensberatung EY zufolge hat die globale Autoindustrie operativ noch nie so viel Geld verdient wie im ersten Halbjahr 2021: Die 16 größten Konzerne fuhren demnach Betriebsgewinne von 71,5 Milliarden Euro ein.

Im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres stand da noch ein Verlust von etwas über vier Milliarden Euro zu Buche. Einer der Gründe: Durch den dramatischen Mangel an Halbleitern verschieben die Hersteller die Produktion derzeit zugunsten margenstarker Modelle - und verdienen so richtig Geld.

Kanzlerin kommt, Demonstranten auch

Dieses Geld brauchen die Hersteller aber auch dringend für den Wandel: In vielen Ländern gibt es angesichts des Klimawandels ein verordnetes Laufzeitende für Verbrennungsmotoren - in der EU zum Beispiel gilt das ab 2035 für Neuwagen. Entsprechend stellen die Hersteller - mittlerweile auch die deutschen - ihre Produktpalette um in Richtung Elektro-Antrieb. Gleichzeitig müssen sie in neue Betriebssysteme für ihre "Smartphones auf vier Rädern" investieren, um den Rückstand zu Tesla aufzuholen. So soll das Auto auch eingebunden werden in Mobilitätskonzepte - und bei denen ist das eigene Auto nicht unbedingt die erste Priorität.

Auch Kritiker der Autobranche haben ihr Kommen angekündigt - hier ein von ihnen übermaltes Hinweisschild

Auch Kritiker der Autobranche haben ihr Kommen angekündigt - hier ein von ihnen übermaltes Hinweisschild

Eben dieses Verkehrs-Puzzle will die IAA versuchen, in München darzustellen. Wahrscheinlich wird man in einer Woche nicht auf die 500.000 Besucher kommen, die man vor zwei Jahren in Frankfurt noch zählte. In besten Zeiten schoben sich dort bis zu eine Million Menschen durch die Hallen.

Wer auf jeden Fall sein Kommen angekündigt hat, ist die Bundeskanzlerin: Angela Merkel wird die Messe am Dienstag eröffnen. Und kommen wollen auch jede Menge Kritiker der Autoindustrie. Die Proteste sollen von Fahrraddemos bis hin zu Blockade-Aktionen reichen.

Ähnliches gab es vor zwei Jahren auch in Frankfurt. Die teils gewalttätigen Aktionen trugen zum Aus für die IAA in der deutschen Bankenmetropole bei. Aber Frankfurt hat jetzt eine neue Messe: Ab 2022 wird dort die Fahrradmesse Eurobike stattfinden. Ein Zeichen?

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