Mesale Tolu ist zurück in Deutschland | Aktuell Deutschland | DW | 26.08.2018
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Pressefreiheit

Mesale Tolu ist zurück in Deutschland

Die wegen Terrorvorwürfen in der Türkei festgehaltene deutsche Übersetzerin und Journalistin Mesale Tolu landete am Sonntag in Stuttgart. Ihr Mann darf die Türkei weiterhin nicht verlassen.

Mesale Tolu vor Mikrofonen (Foto: picture-alliance)

Unmittelbar nach ihrer Ankunft in Stuttgart trat Tolu vor die Presse

Nach der Aufhebung ihrer Ausreisesperre in der Türkei ist die 33-jährige Mesale Tolu in Deutschland eingetroffen. Sie landete am Nachmittag in Stuttgart. Unmittelbar nach ihrer Ankunft gab Tolu eine Stellungnahme vor der Presse ab. 

Sie könne die Rückkehr in die Heimat nur bedingt genießen. Sie sei zwar wieder in Deutschland, aber Hunderte Journalisten, Oppositionelle, Anwälte und Studenten seien immer noch nicht frei, kritisierte Tolu: "Es ist nicht so, dass ich mich wirklich über die Ausreise freue, weil ich weiß, dass sich in dem Land, in dem ich eingesperrt war, nichts verändert hat." Tolu kündigte an, sie wolle sich weiter für die Menschen einsetzen, die in der Türkei aus politischen Gründen inhaftiert seien. 

Die gebürtige Ulmerin Tolu war Ende April 2017 bei einer Razzia in Istanbul festgenommen worden und saß bis Dezember in Untersuchungshaft. Beim zweiten Prozesstermin im Dezember hatte das Gericht zwar Tolus Entlassung aus dem Gefängnis verfügt, aber ein Ausreiseverbot angeordnet, das erst vor kurzem aufgehoben worden war. Ihr Ehemann Suat Corlu, der im selben Verfahren angeklagt ist, darf das Land weiter nicht verlassen.

Kein Kontakt zur Botschaft

Mit versteinerter Miene und fester Stimme berichtete Tolu nach ihrer Landung am Flughafen von einer monatelangen Tortur in der Türkei. Wie türkische Polizisten in einer Nacht im April 2017 ihre Wohnung schwer bewaffnet gestürmt hätten. Wie sie gewaltsam zu Boden gedrückt, bedroht und beschimpft worden sei. Wie eine Waffe auf ihren kleinen Sohn gerichtet worden sei. Wie ihr in der anschließenden Untersuchungshaft der Zugang zu konsularischer Betreuung verwehrt worden sei.

Tolu nannte die Ereignisse eine "Kette der Ungerechtigkeit". Die Terrorvorwürfe hätten sich die türkischen Behörden aus den Fingern gesogen. Ihr Sohn, der fast vier Jahre alt ist, hatte wochenlang mit ihr im Frauengefängnis im Istanbuler Stadtviertel Bakirköy gelebt.

Mesale Tolu und ihr Mann in Istanbul (Foto: picture-alliance)

Tolus Mann, Suat Corlu, darf die Türkei weiter nicht verlassen

In Deutschland sollen Tolu und ihr Sohn nun erst einmal beim Vater der jungen Frau in Ulm wohnen. Tolu sagte, es sei für sie ungewohnt, nach insgesamt 17 Monaten wieder in Deutschland zu sein. Sie wolle nun erstmal Familie und Freunde treffen und alles verarbeiten. Ihr kleiner Sohn müsse in den Kindergarten. Er habe die deutsche Sprache verlernt und müsse alles neu lernen. Sie hoffe, dass ihre Familie bald wieder vereint sei, sagte sie mit Blick auf die weiterhin bestehende Ausreisesperre für ihren Mann. 

Prozess geht weiter

Die türkische Regierung wirft Tolu Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation vor - gemeint ist die MLKP, eine linksextreme Gruppe, die in der Türkei verboten ist. Mesale Tolu will trotz langer Gefangenschaft für ihren Prozess wieder in die Türkei reisen. Der nächste Verhandlungstermin ist für den 16. Oktober angesetzt. Sie wolle teilnehmen, weil sie ihre Unschuld beweisen wolle und der Meinung sei, dass sie im Recht ist.

Sie gehe nicht davon aus, nochmals inhaftiert zu werden. "Natürlich ist es eine willkürliche Herrschaft, die regiert, die wieder alles machen kann. Aber ich denke, ich bin einfach erstmal ein bisschen mutig", sagte Tolu. Sie werde sich aber nicht blind einer Gefahr aussetzen, weil sie einen kleinen Sohn habe, an den sie denken müsse. Tolu drohen bis zu 20 Jahre Haft. 

Besuch Erdogans in Deutschland steht bevor

Der Fall Tolu hatte, zusammen mit dem des "Welt"-Reporters Deniz Yücel und des Menschenrechtlers Peter Steudtner, die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland schwer belastet. Nach offiziellen Angaben sitzen noch mindestens sieben deutsche Staatsbürger "aus politischen Gründen" in türkischen Gefängnissen.

Freilassung Deniz Yücel (Foto: Twitter)

Deniz Yücel bei seiner Entlassung mit seiner Ehefrau im Februar dieses Jahres

Am 28. September wird der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in Berlin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit militärischen Ehren empfangen. Er bleibt bis zum 29. September und wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) treffen.

Bessere Beziehungen zwischen Ankara und Berlin

Dass Tolu nun das Land verlassen durfte, geht wohl auf eine leichte Verbesserung der deutsch-türkischen Beziehungen zurück - aber besonders auf das Bedürfnis der Türkei, sich wieder an Europa anzunähern angesichts des schweren Streits mit den USA, der die Währungskrise im Land verschärft hat. Von diplomatischen Abmachungen zu ihrer Freilassung wisse sie aber nichts, sagte Tolu.

Sie appellierte jedoch an die Bundesregierung, weiter auf Menschenrechtsverletzungen in der Türkei hinzuweisen - nicht nur was die sieben deutschen Staatsbürger betreffe, sondern alle Menschen, die zu Unrecht in der Türkei inhaftiert worden seien.

jmw/sti (dpa, afp)

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