Merkel und das Zittern: Hymne im Sitzen | Deutschland | DW | 11.07.2019
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Sorge um Gesundheit

Merkel und das Zittern: Hymne im Sitzen

Angela Merkel zittert - und das ganze Land ist besorgt. Am Donnerstag setzte sich die Kanzlerin beim Staatsempfang dann einfach hin. Schwäche zeigen in der Politik? Das ist in Deutschland kein Tabu mehr.

Warum ist bloß niemand früher auf diese einfache Lösung gekommen? Besuch der neuen dänischen Ministerpräsidentin am Donnerstag mit militärischen Ehren in Berlin, und Kanzlerin Merkel und ihr Gast setzen sich einfach auf Stühle. Ganz ruhig und ohne jedes Zittern lauschte Merkel den Hymnen beider Länder.

Am Mittwoch wieder eine Zitter-Attacke

Noch am Mittwoch hatte die 64 Jahre alte Regierungschefin den dritten Zitteranfall binnen weniger Wochen erlitten, beim Stehen im Ehrenhof des Kanzleramts. Aber wenig später präsentierte sich Merkel dann wieder so, wie alle sie kennen, seit vielen Jahren. Ruhig und sachlich, ohne große Emotionen, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen: "Mir geht es gut. Ich habe neulich schon einmal gesagt, dass ich in einer Verarbeitungsphase der letzten militärischen Ehren mit dem Präsidenten Selenskyj, bin. Die ist offensichtlich noch nicht ganz abgeschlossen, aber es gibt Fortschritte. Und ich muss damit jetzt eine Weile leben. Mir geht es sehr gut. Man muss  sich keine Sorgen machen." Und das nur eine Stunde, nachdem Angela Merkel wieder heftig gezittert hatte.

Titelseite BILD-Zeitung | Angela Merkel, Gesundheit (Bild/Foto: DW/P. Hille)

Merkels Gesundheit: Top-Thema im Boulevard

Die Kanzlerin krank? Am Ende mit ihrer Kraft? Am Tag nach der bislang letzten Attacke titelt Deutschlands größtes Boulevardblatt: "Es hört einfach nicht auf." Tatsächlich hatte Merkel Mitte Juni den neuen Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, empfangen. Und im Hof des Kanzleramts heftig gezittert. Neun Tage später das gleiche Bild. Im Schloss Bellevue wurde die neue Justizministerin vereidigt, und wieder bebte die Kanzlerin, hielt angestrengt die Hände vor dem Körper, war aber wieder ganz bei sich, sobald sie sich bewegen konnte.

Einfach nicht genug getrunken?

Beim ersten Vorfall an der Seite des ukrainischen Präsidenten hieß es von Seiten der Regierung, Merkel habe zu wenig getrunken. Tatsächlich war die Hitze an diesem Tag in Berlin besonders groß. Nach dem zweiten Vorfall erfuhren Journalisten aus dem Kanzleramt, es handele sich womöglich um eine Art psychologischer Reaktion, was Merkel jetzt offiziell bestätigte.

Was klar und auch sehr verständlich erscheint, wurde von der Pressestelle der Regierung dennoch wie eine geheime Staatssache behandelt. Wenige Minuten, bevor die Kanzlerin offen davon sprach, dass sie nun erst einmal damit leben müsse, hier und da zu zittern, wiegelte ihre Sprecherin Ulrike Demmer ab. Mit der Kanzlerin sei alles gut: "Sie hat ja auch in den vergangenen drei Wochen alle Termine bester Dinge absolviert."  Das stimmt. Merkel sagte keine Termine ab, verhandelte beim G20-Gipfel in Japan bis in die Nacht. Und schon da beteuerte  Merkel: "Mir geht es gut!"

Kranke Politiker? Für Deutschland eine Neuheit.

Dass am Ende in Deutschland dann doch relativ offen darüber gesprochen wird, wie es der Kanzlerin geht und auch sie Stellung bezieht, ist eine neue Entwicklung. Gesundheitsmeldungen von Kanzlern waren in der Vergangenheit eher die Ausnahme.

Willy Brandt, SPD-Kanzler Anfang der Siebziger Jahre, hatte lange depressive Phasen, ohne dass die Deutschen davon erfuhren. Helmut Kohl überstand als Kanzler 1989, kurz vor dem Mauerfall, auf einem CDU-Parteitag einen Umsturzversuch von Partei-internen Kritikern, und das mit höllischen Schmerzen wegen einer Prostata-Erkrankung. Kein Mensch erfuhr davon.

Die Kanzler wussten offenbar, was sie taten. Die Deutschen, denen Verlässlichkeit in der Politik ein hohes Gut ist, mögen es nicht, wenn ihre politischen Führer schwächeln und wollen es zumeist auch nicht wissen. Auch Politikern wird mehr als in anderen Demokratien in Deutschland eine Privat-Sphäre zugestanden. Das wird anderswo durchaus differenziert gesehen. In den USA wird offen über die Blutwerte des Präsidenten berichtet, auch in Frankreich ist es keine Ungehörigkeit, über den Gesundheitszustand des Präsidenten zu sprechen. Jedenfalls heute. Das Beispiel USA zeigt aber auch, dass das nicht immer so war: Die Präsidenten Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy waren während ihrer Amtszeiten schwer krank, was die Öffentlichkeit kaum erfuhr.

Fulltime-Job trotz Multipler Sklerose

Das Verhältnis Öffentlichkeit und Krankheit verändert sich nun also auch in Deutschland. Einzelfälle haben dazu beigetragen. So hat die populäre Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer von der SPD, schon immer offen über ihre Erkrankung an Multipler Sklerose berichtet. Diktaturen und gelenkte Demokratien tun sich damit schwerer. Ob in Osteuropa oder in Asien, in Afrika oder Lateinamerika: Diktatoren und Autokraten werden nicht krank, jedenfalls nicht offiziell. Auch um dieses Image zu untermauern, reitet ein Wladimir Putin mit nacktem Oberkörper durch die Landschaft. In Deutschland hat Angela Merkel während der militärischen Ehren fürs Erste die Dramatik aus der Debatte um ihren Gesundheitszustand genommen. Sie selbst hat ja gesagt: "Ich muss vorerst mit dem Zittern leben." Jetzt hat sie damit angefangen.

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